Collection › Lehre und Wehre (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 5, Nummer 7 › Seite 231
Lehre und Wehre St. Louis, Missouri — Juli 1859, Seite 231
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Kirchlich⸗Zeitgeschichtliches. 231
Karlsruhe, 3. April. Die Kreisregierung in Freiburg hat über die religiöse Er⸗
ziehung von Kindern in einem Falle eine Entscheidung gegeben, welche geeignet ist, mit einiger
Verwunderung aufgenommen zu werden. Zwei uneheliche Kinder einer katholischen Mutter
wurden endlich, nachdem sie schon die Schule besuchten, durch Verheirathung der Eltern nach⸗
träglich ehelich gemacht. Der Vater ist evangelisch, die Mutter tritt auch zur evangelischen
Confession und die Eltern wollten nun die Kinder gleichfalls evangelisch erziehen. Die Kreis⸗
regierung aber gestattet dies nicht und entscheidet, daß die Kinder bis zu dem Alter, wo sie
durch eigene Wahl bestimmen können, katholisch bleiben müssen. Dies ist durch Gesetzes⸗
stellen belegt, deren Buchstaben nach der Ansicht der Mehrzahl des Collegiums diese Deutung
zulassen. Als Absicht des Gesetzes galt bisher, daß über die religiöse Erziehung der Kinder
der Wille der Eltern entscheide, und falls dieser sich nicht ausspreche, als Staatsgrundgesetz,
daß die Kinder der Religion des Vaters zu folgen haben. Im obigen Erlaß ist nun das
Merkwürdige geleistet, daß also Kinder auch in anderer Religion, als in der ihrer Eltern und
gegen deren Willen, erzogen werden können.
Unirter Glaube. Der neue preußische Cultminister, der berühmte Kirchentags⸗
präsident v. Bethmann⸗Hollweg, erklärte in einer Sitzung des Herrenhauses am 9. April
u. A. Folgendes: „Einer der edelsten, ich darf wohl sagen: der natürlich frömmsten, geist⸗
vollsten, tiefsten Philosophen Deutschlands, Friedrich Heinrich Jacobi, hat das bekannte Wort
gesprochen: „„Mein Kopf ist ein Heide, mein Herz nur ist ein Christ.““ Nach seinem
Kopfe also hatte er, so wenig wie der Heide, einen persönlichen lebendigen Gott, in dem Her⸗
zen hatte er ihn, und in dem Glauben an diesen Gott ist er in die Ewigkeit hinübergegangen,
und der geehrte Redner (er meinte Stahl) wird mit mir über sein Schicksal so wenig, wie
über das Schicksal des Sokrates, wie M. Claudius sagt, Sorge tragen. Ich selbst, m. H.,
habe mehr als einen wahrhaft frommen Menschen gekannt, der, wenn er anfing zu
philosophiren, ein Pantheist, also, wenn Sie wollen, ein Atheist war.“ Dies sprach der
Herr Cultminister, um die Gewährung der Religionsfreiheit für die sogenannten freien Ge⸗
meinden zu rechtfertigen. Man sieht, die Religion der Unirten ist nichts, als eine Summe
von frommen Gefühlen und Werken. Christum haben sie längst verloren und Seine Ver⸗
nunft gefangen zu nehmen unter den Gehorsam Christi, ist, wie sie meinen, durchaus nicht
nöthig.
Mecklenburg⸗Schwerin, Anfang April. Mit gewohntem Ingrimm berichtet
daher die Darmstädter Allgem. K.⸗Z.: „Einem anerkannt tüchtigen Candidaten ist der be⸗
reits ertheilte Zugang zu dem Examen pro ministerio wiederum verschlossen worden, und
wurde ihm auf näheres Befragen angedeutet, daß er nicht eher auf Anstellung zu rechnen
habe, bis er seine Zustimmung zu dem bekannten Consistorial⸗Erachten öffentlich werde er⸗
klärt haben. Einen andern ausgezeichneten jungen Theologen hat man im Examen durch⸗
fallen lassen, weil er einige alttestamentliche Fragen nicht im Sinne der Hengstenbergischen
Christologie beantwortete. Einem auswärtigen Candidaten, der in Mecklenburg Hauslehrer
ist, hat man, offenbar weil er, durch das Mecklenburgische Kirchenblatt genöthigt, sich einmal
öffentlich für Baumgarten ausgesprochen, die licentia concionandi ohne Weiteres versagt.
Einem im Lande als entschieden gläubig bekannten Pastor hat man wegen einer Synodal⸗
Arbeit, in welcher er für das Dogma der Inspiration die Anerkennung des historischen Mo⸗
mentes gefordert hatte, unter dem Vorwurf der Häresie zur Rechenschaft gezogen.“
Universitäts⸗Statistik Preußens. Die sechs vollständigen Universitäten
Preußens (Berlin, Bonn, Breslau, Greifswald, Halle⸗Wittenberg, Königsberg) zählten
nach dem Centralblatt für den Unterricht im vergangenen Winter⸗Semester im Ganzen
4383 (gegen das Sommer⸗Semester 139 mehr) immatriculirte Studirende. Außerdem
sind 1048 (gegen das Sommer⸗Semester 184 mehr) zum Besuche der Vorlesungen berech⸗
tigt. Unter der Gesammtzahl der immatriculirten Studirenden sind 1433 (gegen das
Sommer⸗Semester 90 mehr) Theologen Inländer und 97 (gegen das Sommer⸗Se⸗
mester 1 weniger) Ausländer. Die Gesammtzahl der Studirenden hat sich jedoch gegen
dies Semester nur um 47 vermehrt, woraus sich schließen läßt, daß die Jugend sich seitdem
weniger den Universitätsstudien zugewandt hat, als früher. Die inländischen Theologen
haben sich im laufenden Semester gegen das vorhergehende nur in Greifswald um 2 (von
30 auf 28) und in Breslau um 1 (von 280 auf 279) vermindert, dagegen in Halle um 27
(auf 429), in Königsberg um 18 (auf 139), in Berlin um 23 (auf 275), in Bonn um 25
(auf 283) vermehrt.
Universität Erlangen. Frequenz im Winter⸗Semester 1858—59: 561, wor⸗
unter 300 Theologen, 100 Juristen und Cameralisten, 85 Mediciner, 29 Pharmaceuten,
47 Philosophen, Philologen, Chemiker u. s. w., Ausländer 168, und zwar 132 Theologen,
5 Juristen und Cameralisten, 9 Mediciner, 2 Pharmaceuten, 1 Chemiker. Unter den Aus⸗
ländern sind 37 aus Preußen, 31 aus Mecklenburg, 24 aus Hannover.
Pabstthum in Italien. Der Augsburgischen Pstz. wird, wie der „Wahrheits⸗
freund“ meldet, unter den jetzigen Kriegswirren aus Rom geschrieben: „Glauben Sie mir,
Deutschland ist die Hoffnung des katholischen Italiens und der Kirche und ihrer Fürsten.“
Der Pabst hat erklärt, daß für diesmal nicht die Jesuiten die Ersten sein würden, die man
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Church and Contemporary History. 231
Karlsruhe, April 3. The district government in Freiburg has, in one case, handed down a decision concerning the religious upbringing of children which is likely to be received with some astonishment. Two illegitimate children of a Catholic mother were, after they had already been attending school, subsequently legitimized by the marriage of their parents. The father is Evangelical; the mother is also going over to the Evangelical confession, and the parents now wished to raise the children as Evangelicals as well. The district government, however, does not permit this, and rules that the children must remain Catholic until the age at which they can decide for themselves by their own choice. This is supported by statutory provisions whose wording, in the opinion of the majority of the board, admits of this construction. The intent of the law had hitherto been held to be that the will of the parents decides the religious upbringing of children, and, should the parents not express themselves, that as a fundamental law of the state the children are to follow the religion of the father. In the above decree, the remarkable thing has now been accomplished that children can be raised in a religion other than that of their parents, and against their parents' will.
Unionist Faith. The new Prussian Minister of Worship, the famous Kirchentag president von Bethmann-Hollweg, declared, among other things, in a session of the House of Lords on April 9: "One of the noblest — I may indeed say, of the most naturally devout, most spirited, most profound philosophers of Germany, Friedrich Heinrich Jacobi, spoke the well-known word: 'My head is a heathen; my heart alone is a Christian.' According to his head, then, he had, no more than the heathen, a personal, living God; in his heart he had Him, and in faith in this God he passed over into eternity, and the honored speaker (he meant Stahl) will, like me, trouble himself as little about his own fate as, as M. Claudius says, about the fate of Socrates. I myself, gentlemen, have known more than one truly devout man who, whenever he began to philosophize, was a pantheist — that is, if you will, an atheist." This the Minister of Worship said in order to justify the granting of religious freedom to the so-called free congregations. One sees that the religion of the Unionists is nothing but a sum of pious feelings and works. Christ they have long since lost, and to take His reason captive under the obedience of Christ is, in their view, by no means necessary.
Mecklenburg-Schwerin, early April. With its accustomed rancor, the Darmstädter Allgemeine Kirchen-Zeitung accordingly reports: "A candidate of acknowledged competence has had access, already once granted him, to the examen pro ministerio closed to him again, and it was intimated to him upon further inquiry that he need not count on a position until he has publicly declared his assent to the well-known consistorial opinion. Another distinguished young theologian has been failed in his examination because he did not answer certain Old Testament questions in the sense of the Hengstenberg school of Christology. An outside candidate, who is serving as a private tutor in Mecklenburg, has, evidently because he was compelled by the Mecklenburg Church Gazette once to declare himself publicly for Baumgarten, been refused the licentia concionandi without further ado. A pastor known throughout the land as decidedly believing has, on account of a synodical paper in which he had called for recognition of the historical moment in the doctrine of inspiration, been called to account under the charge of heresy."
University Statistics of Prussia. The six full universities of Prussia (Berlin, Bonn, Breslau, Greifswald, Halle-Wittenberg, Königsberg), according to the Central Gazette for Instruction, numbered in the past winter semester a total of 4,383 matriculated students (139 more than in the summer semester). In addition, 1,048 (184 more than in the summer semester) are entitled to attend lectures. Of the total number of matriculated students, 1,433 (90 more than in the summer semester) are native theologians, and 97 (1 fewer than in the summer semester) are foreign. The total number of students has, however, increased by only 47 compared with this semester, from which it may be concluded that young people have since turned less to university studies than before. The native theologians have, in the current semester, decreased compared with the previous one only at Greifswald, by 2 (from 30 to 28), and at Breslau, by 1 (from 280 to 279), while they have increased at Halle by 27 (to 429), at Königsberg by 18 (to 139), at Berlin by 23 (to 275), and at Bonn by 25 (to 283).
University of Erlangen. Enrollment in the winter semester of 1858–59: 561, among them 300 theologians, 100 jurists and cameralists, 85 medical students, 29 pharmacists, 47 philosophers, philologists, chemists, and so forth; foreigners, 168, namely 132 theologians, 5 jurists and cameralists, 9 medical students, 2 pharmacists, 1 chemist. Among the foreigners, 37 are from Prussia, 31 from Mecklenburg, 24 from Hanover.
The Papacy in Italy. To the Augsburg Postzeitung, as the "Wahrheitsfreund" reports, it is written from Rome amid the present turmoil of war: "Believe me, Germany is the hope of Catholic Italy and of the church and of its princes." The Pope has declared that this time it would not be the Jesuits who would be the first whom