Collection › Lehre und Wehre (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 5, Nummer 6 › Seite 191
Lehre und Wehre St. Louis, Missouri — Juni 1859, Seite 191
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Kirchlich-Zeitgeschichtliches. 191
ist frei von Torquemada-Sinn. Aber wenn er Localschulinspector wäre und einen Lehrer
fände, der chiliastisch lehrte, so wüßte er doch nach seinem Gewissen nichts anders zu thun
als ihn zu verwarnen, und wenn das nicht hülfe, Anzeige zu machen, ob's ihm gleich noch so
leid thäte. Und was soll eine kirchliche Oberbehörde thun, wenn sie über Diener des göttlichen
Worts zu entscheiden hätte? Es ist leicht gefordert, daß man sie gewähren lassen
solle; wie aber wenn Spaltung und Aergerniß in der Gemeinde dadurch entsteht?“
Baptisten in Europa. — Ihre gesammte Zahl zu Anfange des Jahres 1859
beträgt in Deutschland, Dänemark und der Schweiz 7120 Seelen, wovon auf Deutschland
5818, auf Dänemark 1176, auf die Schweiz 126 kommen. Dieselben sind vertheilt in
Deutschland auf 50 Gemeinden mit 569 Nebenstationen, in Dänemark auf 11 Gemeinden
mit 73 Nebenstationen. Die reine Zunahme der Mitglieder im Jahre 1858 hat gegen das
Jahr 1857 ergeben: in Deutschland 497, in Dänemark 126, in der Schweiz 12 Personen;
im Ganzen 635. Rechnen wir nach Gemeinden, so hat jede Gemeinde durchschnittlich 10
Mitglieder gewonnen, rechnen wir aber die 649 Stationen mit, so kommt auf jedes Standquartier
kaum ein Mitglied Zuwachs. Der Erfolg der baptistischen Wühlereien steht hiernach
in keinem Verhältnisse zu den Anstrengungen. Bei den großen Schwierigkeiten vertrauen
sie auf die Mitwirkung der evangelischen Alliance, durch welche sie zunächst Religionsfreiheit
und dann mehr Popularität zu erlangen hoffen. Doch ist die Frage, ob dieser Bund
ihnen nicht auf die Länge sehr schädlich wird. Alle religiösen Genossenschaften haben nur so
lange Kraft, als sie ihre Grundsätze rein und entschieden ohne Concordate zur Anwendung
bringen. Der evangelische Bund hat aber besonders in Deutschland aus Politik den lähmenden
Indifferentismus, die religiöse Gleichgültigkeit in sehr großer Ausdehnung anerkannt.
Das möchte mit der Zeit auch auf die Baptisten um so mehr zurückwirken, da sie
den rationalistischen Einflüssen nicht unzugänglich sind. Ihr öffentliches Auftreten ist schon
jetzt nicht mehr das, was es noch vor einigen Jahren war. (N. Zeitblatt.)
Pfarrer Löhe. — Der Pilger aus Sachsen bemerkt in Betreff desselben: „Löhe
wünscht selbst der Bürde des Pfarramts in seiner Gemeinde enthoben zu werden und nur den
Anstalten seelsorgerisch vorzustehen, weil die Krankheitanfälle des letzten Jahrs seine Kraft
sehr geschwächt haben, wie er denn gegenwärtig wiederum nicht predigen kann. Und es erfordern
die Anstalten schon zur obersten Leitung eine doppelte Kraft.“
Frankreich. In der Dormstädter Kirchenzeitung lesen wir: Es liegt ein Gesetzvorschlag
vor, der schon vom Staatsrathe sanctionirt ist, wonach 1) keine Capelle oder Kirche
den Protestanten ohne besondere Genehmigung der obersten Behörde zu gottesdienstlichen
Zwecken zu gebrauchen gestattet sei, auch wenn sie solche gemiethet oder gebaut haben; 2)
daß kein ausländischer Protestant in Frankreich predigen dürfe, womit in Zukunft alle
Schweizer und deutsche Theologen ausgeschlossen sind, und daß 3) keine protestantische Gemeinde
in Frankreich Geldunterstützung von Außen annehmen dürfe.
Papstthum. — In der Darmstädter Kirchen⸗Zeitung finden wir die richtige Bemerkung:
„Wie es mit der Unveränderlichkeit des Papstthums in neuesten Zeiten steht, ist in
den Berichten über die Vorgänge innerhalb der römischen Kirche in Frankreich wiederholt angedeutet
worden. Ueber die eingreifenden Veränderungen in der Stellung und dem Verfahren
der Papstmacht erschien im letzten Jahre ein bemerkenswerther Artikel in der Revue
de deux Mondes, von Herrn Ernst Renau geschrieben, dem Verfasser gelehrter Werke über
hebräische und andere orientalische Sprachen. Die eine Veränderung macht sich nämlich in
dem stets wachsenden Streben des Papstes fühlbar, unumschränkter Herr in dem ganzen
Umfange der römisch-katholischen Kirche zu sein, eine Lenkung derselben zu verwirklichen,
welche Centralisation in ihrer äußersten Spannung darstelle, ähnlich der vom ersten Napoleon
in Frankreich begründeten. Früher besaßen die Landeskirchen eine gewisse Unabhängigkeit,
ein deutlich nationales Gepräge, es gab eine gallikanische Kirche, eine deutsche
Kirche u. s. w., jede mit ihren besondern Einrichtungen und Gebräuchen. Stamm- und
Volksverschiedenheiten fanden in bestimmtem Maße Beachtung. Die Bischöfe, insbesondere
die Erzbischöfe, Metropolitanen, Primaten jedes Landes übten solche Machtvollkommenheit,
daß sie unter Umständen den Anordnungen des römischen Hofes unüberschreitbare
Schranken ziehen konnten, und der oberste Priester, wenigstens bei wichtigeren Fragen nichts
zu entscheiden wagte, ohne nach deren ordnungsmäßiger Zuratheziehung ihre Beistimmung
erlangt zu haben. So war das kanonische Recht. Jetzt aber ist's merkwürdig anders.
Die Papstgewalt beschließt allgemach alle kirchlichen Gewalten in sich, sie thut ihren Spruch
über die wichtigsten Angelegenheiten aus eigener Bestimmung. So ist durch Pius IX. eine
neue Lehrbestimmung, die über die unbefleckte Empfängniß, festgestellt, ohne die Berathungen
eines Concils. Gleiches ist in anderen grundlegenden Dingen geschehen. Nationalitäten
sind schnöde [unleserlich]. Bischöfe werden zu bloßen Werkzeugen der vom Mittelpunkte
ausgehenden [unleserlich]. Der Papst thut, entscheidet, und ist alles..... Mit der
[unleserlich] Veränderung hängt die andere von Herrn Renan angegebene genau zusammen:
die Begründung des [unleserlich] Journalismus. In Paris, in Turin, in Madrid, in
Brüssel und anderen Orten erscheinen öffentliche Blätter, die sich „katholische“ nennen. Sie
English translation AI translation
Church and Contemporary History. 191
is free of the spirit of Torquemada. But if he were a local school inspector and found a teacher
who taught chiliastically, he would, according to his conscience, know nothing else to do
than to warn him, and if that did not help, to report him, however much it
might grieve him. And what should a higher church authority do if it had to decide
about ministers of the divine Word? It is easily demanded that one should let them alone;
but what if division and offense arise in the congregation as a result?"
Baptists in Europe. — Their total number at the beginning of the year 1859
amounts, in Germany, Denmark, and Switzerland, to 7,120 souls, of which 5,818 fall to
Germany, 1,176 to Denmark, and 126 to Switzerland. These are distributed
in Germany over 50 congregations with 569 branch stations, in Denmark over 11 congregations
with 73 branch stations. The net increase in membership in the year 1858 as against
the year 1857 shows: in Germany 497, in Denmark 126, in Switzerland 12 persons;
in all, 635. If we reckon by congregations, each congregation has on average gained 10
members; but if we count in the 649 stations as well, then each station
gains scarcely one member of increase. The success of the Baptist agitation stands, accordingly,
in no proportion to the effort expended. Given the great difficulties, they rely
on the cooperation of the Evangelical Alliance, through which they hope first to gain religious
freedom and then more popularity. Yet the question is whether this alliance
will not in the long run prove very harmful to them. All religious societies have strength
only so long as they apply their principles purely and decisively, without concordats.
The Evangelical Alliance, however, has, particularly in Germany, out of policy, acknowledged
the paralyzing indifferentism, the religious indifference, to a very great extent.
This may, in time, react back upon the Baptists all the more, since they
are not inaccessible to rationalistic influences. Their public conduct is already
now no longer what it was a few years ago. (N. Zeitblatt.)
Pastor Löhe. — The Pilger aus Sachsen remarks concerning him: "Löhe
himself wishes to be relieved of the burden of the pastoral office in his congregation and only
to oversee the institutions in a pastoral capacity, because the attacks of illness of the past year have
greatly weakened his strength, so that at present he is again unable to preach. And the
institutions already require a double strength for their supreme direction."
France. In the Dormstadt Church Gazette we read: There is a legislative proposal
before [the chambers], already sanctioned by the Council of State, according to which 1) no chapel or church
may be used by Protestants for purposes of worship without special permission of the highest authority,
even if they have rented or built it themselves; 2)
that no foreign Protestant may preach in France, which in future excludes
all Swiss and German theologians; and that 3) no Protestant congregation
in France may accept financial support from abroad.
The Papacy. — In the Darmstadt Church Gazette we find the apt remark:
"How matters stand with the unchangeableness of the papacy in the most recent times has
been repeatedly indicated in the reports about the developments within the Roman Church in France.
Concerning the far-reaching changes in the position and the procedure
of the papal power, a notable article appeared last year in the Revue
des Deux Mondes, written by Mr. Ernest Renan, the author of learned works on
Hebrew and other oriental languages. The one change makes itself felt namely in
the ever-growing striving of the pope to be unrestricted lord over the whole
extent of the Roman Catholic Church, to realize a direction of it
that would represent centralization at its utmost tension, similar to that founded
by the first Napoleon in France. Formerly the national churches possessed a certain independence,
a distinctly national character; there was a Gallican church, a German
church, and so on, each with its own particular institutions and customs. Differences of
tribe and people found a certain degree of consideration. The bishops, especially
the archbishops, metropolitans, and primates of every land, exercised such plenary authority
that they could, under certain circumstances, set limits not to be overstepped
to the orders of the Roman see, and the supreme pontiff, at least in more important
matters, ventured to decide nothing without having obtained their agreement, after due
consultation with them in proper order. Such was the canon law. Now, however, it is
strikingly different. The papal power gradually gathers all ecclesiastical powers into itself; it delivers
its judgment on the most important matters by its own determination alone. Thus, through Pius IX, a
new doctrinal definition, concerning the Immaculate Conception, has been established, without the deliberations
of a council. The same has occurred in other fundamental matters. Nationalities
are shamefully [illegible]. Bishops are becoming mere tools of the power proceeding
from the center [illegible]. The pope does, decides, and is everything..... Closely
connected with this [illegible] change is the other one noted by Mr. Renan:
the founding of the [illegible] press. In Paris, in Turin, in Madrid, in
Brussels, and other places, public papers appear that call themselves "Catholic." They