Collection › Lehre und Wehre (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 9, Nummer 4 › Seite 113
Lehre und Wehre St. Louis, Missouri — April 1863, Seite 113
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Luther als Prediger. 113
lichen Menschen auch in der Predigt die Heilswahrheiten wieder gesagt
werden müssen, ehe er sie versteht, wie schwach das Geistesvermögen der
Hänschen und Gretchen oft ist, die doch so gern zuhören, und wie begierig
wiederum ein heilsbedürftiger Mensch ist, recht viel und ausführlich von
den Hauptsachen in der Predigt zu vernehmen, zu denen jeder, auch der
beste Christ sich immer und immer wieder erheben muß, der wird es
begreifen, daß die knapp gehaltenen Predigten, in denen angeblich kein
Satz zu viel sein soll, sehr wenig erbauen können, sondern höchstens nur
den Kopf in Aufregung erhalten, daß dagegen die Predigten, die dieselbe
Sache immer wieder in's neue Licht stellen, die eigentlich erbaulichen und
gründenden sind. Ein Prediger vergißt das zu leicht und am allermeisten,
wenn er weniger an seine Zuhörer und mehr an sich und seine Kunstforderungen
denkt. Wie selten überschaut ein Zuhörer die ganze Predigt!
Was hilft da aller der Formaufwand und der mühsame, sich selbst
genügende Verstandesrythmus in den einzelnen Theilen! Daß aber die
Zuhörer die Predigt verstehen, und durch dieselbe erbaut werden, darauf
kömmt schließlich doch Alles an. Damit
ist freilich der gedankenlosen und ideenarmen Predigt
kein Loblied gesungen; die ist arm, wenn sie wenig
spricht, und wird nicht reicher, wenn sie viele Worte
macht.
Eine andere Eigenschaft Luthers müssen wir hier aber noch kurz hervor⸗
heben. Sie hängt mit der eben angeführten Weise, sich ganz zu geben, wie
er ist, im Glauben im Himmel zu wandeln und als Prediger über seinen
Zuhörern zu stehen und doch wieder durch die Liebe mitten unter ihnen zu
sein, nach den Gaben, die er empfangen hat, innig zusammen. Es ist dies
seine Meisterschaft im Beschreiben. Freilich kömmt in seinen Predigten nichts
vor von der krankhaften Beschreibung von Himmel und Hölle; er wollte nicht
mehr davon wissen, als die Schrift offenbart. Seine Beschreibungen treffen
überhaupt nur solche Gegenstände, die er in subsidium heranzieht, um die
Hauptgedanken zu stärken; darum kömmt bei ihm auch nichts vor von der
sentimentalen und poetisch sein sollenden Beschreibung von menschlichen Ge⸗
müthszuständen und Gegenden ohne allen erbauenden Zweck: er beschreibt
und malt nur, um die Grundgedanken der Predigt klar zu machen. Wie
schön ist z. B. die Beschreibung der armen Maria in der Weihnachtspredigt
am ersten Christtage in d. K. P. Drei Seiten hindurch malt er an der
Hülflosigkeit der Maria auf ihrer Reise nach Bethlehem herum; aber diese
Beschreibung hat keinen Selbstzweck, wie die Malereien mancher poetischer
Pastoren. Der Hauptton liegt ihm schließlich darauf, zu beweisen, daß
Christus wahrhaftig von einer Jungfrau geboren ist und daß hier „keine
Trügerei sei, sondern, wie die Worte lauten, eine wahrhaftige Geburt.“
Anderwärts beschreibt er „die natürliche Gluckheune“ oder ein „gebärendes
Weib“ oder „den reichen Mann“, aber jedesmal ist's ersichtlich, daß er tiefere
Gedanken im Hintergrunde hat. Eine der schönsten solcher Stellen (Bd. 19,
154, Erl. Ausg.) ist wohl die, wo er „von der letzten Posaune Gottes“
English translation AI translation
Luther as a Preacher. 113
...such simple people, in preaching too, must have the saving truths told to them again before they understand them; how feeble the mental powers of little Hans and Gretchen often are, who nevertheless listen so gladly; and how eagerly, in turn, a soul in need of salvation wants to hear a great deal, and in full detail, about the main matters of the sermon — matters to which everyone, even the best Christian, must again and again raise himself — will grasp that sermons kept tersely, in which supposedly not a sentence too many is allowed, can edify very little, but at most keep the head in a state of excitement, whereas the sermons that turn the same subject again and again into a new light are the ones that are truly edifying and formative. A preacher forgets this too easily, and most of all when he thinks less of his hearers and more of himself and his artistic pretensions. How rarely does a hearer take in the whole sermon! What good does all the expenditure of form do, and the laborious cadence of the understanding, self-satisfied as it is, in each several part! But that the hearers understand the sermon, and are edified by it — that, in the end, is what everything comes down to. With this, to be sure, no praise is sung to the thoughtless and idealess sermon; it is poor when it says little, and it does not grow richer by using many words.
There is another quality of Luther's that we must also bring out briefly here. It is intimately bound up with the manner already described, of giving himself wholly as he is — of walking in faith in heaven, and of standing over his hearers as a preacher, and yet, through love, being again in their very midst — according to the gifts he had received. This is his mastery in describing. To be sure, nothing appears in his sermons of the morbid description of heaven and hell; he wanted to know no more of it than Scripture reveals. His descriptions touch only on such objects as he draws in as an aid (in subsidium) to strengthen the main thoughts; hence nothing appears in him either of the sentimental description, wanting to be poetic, of human states of mind and of scenery, without any edifying purpose: he describes and paints only in order to make the fundamental thoughts of the sermon clear. How beautiful, for example, is the description of poor Mary in the Christmas sermon for the first day of Christmas, in the K. P. [Church Postil]. For three pages together he paints out the helplessness of Mary on her journey to Bethlehem; but this description has no purpose in itself, unlike the paintings of many a poeticizing pastor. The main emphasis for him, in the end, lies in proving that Christ was truly born of a virgin, and that here there is "no deception, but, as the words state, a true birth." Elsewhere he describes "the natural brooding hen," or a "woman giving birth," or "the rich man," but every time it is plain that he has deeper thoughts in the background. One of the finest such passages (vol. 19, p. 154, Erlangen edition) is surely the one where he speaks "of the last trumpet of God"