Collection › Lehre und Wehre (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 9, Nummer 4 › Seite 98
Lehre und Wehre St. Louis, Missouri — April 1863, Seite 98
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98 Der Materialismus oder die sog. Resultate der modernen Naturwissenschaft.
nicht eine Zeit geben, da sie obdachlos umherzog?" Ei, darauf ist schnell geantwortet. Wir haben schon erklärt, daß Kräfte bloße Eigenschaften des Stoffes sind, also nicht abgesondert vom Stoffe vorhanden sein können. „Ja, aber die Eigenschaften ändern sich doch am Stoffe; was heute Gras ist, ist morgen vielleicht schon Kuhmilch, und wer weiß, was es zuvor gewesen sein mag? Ihr müßt also doch zugeben, daß die Eigenschaften am Stoffe kommen und gehen, sie bleiben also nicht in Ewigkeit in demselben Stoffe wohnend." Wohl, dann ist das Beste, wir sagen: Die Kräfte oder Eigenschaften des Stoffes sind nichts als Veränderungen des Aggregatszustandes der Materie, bloße Ortsveränderung der Stofftheilchen. Diese selbst bleiben immer und ewig dieselben, ihre Eigenschaften sind ihnen darum von Ewigkeit innewohnend. „Gut, dann kommen wir wieder auf den Anfang zurück. Ihr habt diese innewohnenden Eigenschaften nicht gesehen und deshalb angenommen, diese selben Eigenschaften seien Veränderungen des Aggregatszustandes. Wie kann doch aber das mehr oder minder dicht Aneinanderliegen der mehreren, das sich so oft verändert, die jedem einzelnen Theilchen von Ewigkeit innewohnende Eigenschaft sein? Ihr dreht euch ja nur im Kreise und haltet keine einzige eurer Behauptungen fest." Wohlan, dann erklären wir: Kraft und Stoff seien eigentlich leere Abstractionen, womit wir uns nur dem gewöhnlichen Sprachgebrauch anbequemen. Wer auf den Grund gehe, erkenne, daß es weder Kräfte noch Materie giebt. „Vortrefflich, aber warum gebt ihr denn eure Erklärung, die ihr doch als die richtige und wahre verkündigt, durch eben diese Abstractionen, welche, wie ihr sagt, die Sache nicht richtig darstellen? Warum zeigt ihr uns nicht, wie es auf dem Grunde eigentlich aussteht, damit wir von dem, was ihr da zu sehen bekommt, auch eine Vorstellung haben können?" Ja, aufrichtig gestanden, wir verstehen eigentlich von Kraft und Stoff just so viel, wie der Hund hinter'm Ofen. Jeder Versuch, eine Erklärung darüber zu geben, verwickelt uns in der hoffnungslosesten Weise in Widersprüche. Spekulation ist eben unsere Gabe nicht. Das Vernünftigste wäre, wir würfen uns auf die Empirie allein und ließen die Spekulation fahren. Damit würden wir jedoch nichts wider Gott ausrichten und müßten zusehen, wie Leute, die zum Denken etwas mehr Geschick haben, mit ihrer alten Gottes⸗Idee Einfluß behalten auf einem Felde, das wir in jedem Falle beherrschen müssen. Es bleibt uns nichts anderes übrig, wir müssen auch philosophiren. Der Mangel an Denkkraft muß durch Dreistigkeit ersetzt werden. Wir müssen, um uns auf diesem Gebiete nicht nur zu behaupten, sondern die nothwendige alleinige Herrschaft zu erringen, frischweg und immer wieder auf's Neue erklären, wir seien die eigentlichen Erklärer der Natur, wir geben uns nur mit Thatsachen ab, wir gewinnen unsere Resultate nur unmittelbar aus den Thatsachen selbst, alles, was wir sagen, beruhe auf Beobachtung der Natur, unsere Forschung sei thatsächliche, wir selbst stünden darum ganz auf Seite unserer thatkräftigen Zeit, während die Philosophen von Fach ihre Systeme nur aus Gedanken aufrichten, ihren philosophischen Phrasenkram, ihr gelehrt klingendes Kauder⸗
English translation AI translation
98 Materialism, or the So-Called Results of Modern Natural Science.
not have been a time when it went about homeless?" Well, that is quickly answered. We have already explained that forces are mere properties of matter, and therefore cannot exist separated from matter. "Yes, but the properties do change in matter; what is grass today may perhaps be cow's milk tomorrow, and who knows what it was before that? You must therefore admit that the properties come and go in matter, and so do not remain eternally dwelling in the same matter." Well then, the best thing is for us to say: the forces or properties of matter are nothing but changes in the aggregate state of matter, mere changes of position of the particles of matter. These particles themselves remain always and eternally the same; their properties are therefore inherent in them from eternity. "Good, then we come back again to the beginning. You have not seen these inherent properties, and have therefore assumed that these same properties are changes of the aggregate state. But how can the more or less dense proximity of the several particles — which changes so often — be the property inherent from eternity in each single particle? You are only going around in a circle and not holding fast to a single one of your assertions." Well then, we explain: force and matter are really empty abstractions, by which we merely accommodate ourselves to ordinary usage. Whoever goes to the bottom of it recognizes that there are neither forces nor matter. "Excellent, but why then do you give your explanation, which you nevertheless proclaim as the true and correct one, by means of these very abstractions which, as you say, do not represent the matter correctly? Why do you not show us how it actually stands at the bottom, so that we too may form some notion of what you see there?" Yes, to speak frankly, we ourselves understand of force and matter just about as much as the dog behind the stove. Every attempt to give an explanation of it entangles us in the most hopeless way in contradictions. Speculation is simply not our gift. The most sensible thing would be for us to throw ourselves on empiricism alone and let speculation go. By that, however, we would accomplish nothing against God, and would have to watch how people with somewhat more skill for thinking retain influence, with their old idea of God, in a field that we must in any case dominate. Nothing else remains for us; we too must philosophize. The lack of power to think must be replaced by boldness. In order not merely to assert ourselves in this field, but to win the necessary exclusive mastery of it, we must boldly and again and again declare afresh that we are the true expounders of nature, that we concern ourselves only with facts, that we draw our results only directly from the facts themselves, that everything we say rests on observation of nature, that our research is factual, that we ourselves stand entirely on the side of our energetic age, while the philosophers by trade erect their systems only out of thoughts, and pass off their philosophical claptrap, their learned-sounding gibberish—