Collection › Lehre und Wehre (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 10, Nummer 10 › Seite 319
Lehre und Wehre St. Louis, Missouri — October 1864, Seite 319
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Kirchlich⸗Zeitgeschichtliches. 319
Beschluß vom 17. August verworfen worden. Der Nachweis, heißt es in dem Erlaß,
daß Schenkel mit den Lehren der Bekenntnißschriften nicht im Einklang stehe, würde selbst
im Falle des Gelingens nicht ausreichen, um die Berechtigung des Antrags zu begründen.
Denn diese Schriften seien nicht Glaubensgesetze in dem Sinne, daß jede Nichtüberein⸗
stimmung mit ihnen genügte, um einem Diener der Kirche die Berechtigung in derselben
streitig zu machen. Die Freiheit der theologischen Forschung, sofern sie sich nur redlich be⸗
strebe, „daß wir den HErrn JEsus, den Herrn der Herrlichkeit, besser verstehen lernen, als
unsere Väter es vermocht haben“, sei in ihrem vollsten Umfange als Bedingung der Ent⸗
stehung, wie der kraftvollen Entfaltung des Protestantismus anzuerkennen. Der geistige
Bildungskreis der Gegenwart, die erweiterten Mittel der Forschung hätten ihre unabweis⸗
baren Rechte, wobei es unleugbar sei, daß „die begriffliche Fassung, welche die alte Kirche
ihrer Vorstellung von der Person des Erlösers gegeben hat, von dem lebenden Geschlecht nicht
mehr unbedingt getheilt werden kann“. — So weit der Kirchenrath. Es ist zu wünschen,
daß die 117 einen energischen Protest finden gegen dieses Rescript, durch welches sich der Ober⸗
kirchenrath von dem Grund des Christenthums lossagt. Mehr als ein Protest ist weder
möglich, noch nöthig, da gottlob der Oberkirchenrath als Verwaltungsbehörde des Landes⸗
herrn nur ein Ausdruck der jeweiligen freisinnigen Hoftheologie, nicht aber des zu Recht be⸗
stehenden, zwar nicht lutherischen, aber doch christlichen Bekenntnißstandes der badischen Lan⸗
deskirche ist. Vielleicht machen Se. Königliche Hoheit, der Großherzog von Baden, die
Erfahrung, daß es für Kirche und Staat nicht wohlgethan ist, daß sein Oberkirchenrath
„dem HErrn der Herrlichkeit“ seine Herrlichkeit auszieht.
Dr. Graul ist nach Erlangen übergesiedelt, um dort Vorlesungen zu halten, und
hat zum Zweck seiner Habilitation am 1. Juni in der Aula der Erlanger Universität eine
Rede „über die Stellung und Bedeutung der christlichen Mission im Ganzen der Universi⸗
tätswissenschaften“ gehalten.
Hamburgische Taufe. Der Pastor Diac. Glitza an St. Katharinen zu
Hamburg hat schon seit Jahren, wahrscheinlich von Anfang an, nie anders getauft als auf
den Namen des Vaters und des Sohnes und „des christlichen Geistes“. Die Absicht
dieser Taufformel springt in die Augen. Der christliche Geist ist nicht der hl. Geist der kirch⸗
lichen und biblischen Taufformel, und soll es auch nicht sein. Der christliche Geist ist der
Geist der Gemeinde, und da die Gemeinde als solche keinen besondern persönlichen Geist hat,
so ist es die christliche Gesinnung, die in der Gemeinde lebt. Diese christliche Gesinnung ist
bei den Orthodoxen nur in starker Trübung mit allerlei veralteten Glaubenssatzungen vor⸗
handen, welche sich Glitza z. B. schon bei der Taufe genöthigt sieht auszuscheiden, um den
jungen Weltbürger sogleich in den Geist des Fortschrittes und der Freisinnigkeit tauchen zu
können. Denn nachdem der hl. Geist von der Taufformel heruntergeschnitten und mit dem
Geiste Glitza's und Genossen ersetzt ist, hat es mit der Dreieinigkeit nichts mehr zu bedeu⸗
ten; Vater und Sohn werden nach christlichem Geiste verstanden und erklärt. So etwas
kann in Hamburg in aller Ruhe vor sich gehen. Erst vor einem Jahre ist es vorgekommen,
daß die Gevattern bei der Taufe eines Kindes feierlichst gegen die Fortschrittstaufe protestirt
haben. Da sich jedoch die Eltern des Kindes nichts daraus machten, verklagten Etliche den
Pastor Glitza bei dem geistlichen Ministerium, an dessen Spitze der Senior Alt steht. Es
heißt, daß Alt das Ministerium berief ohne anzugeben, was verhandelt werden sollte, und
daß in Folge dessen mehrere Pastoren von der Sitzung wegblieben. Nur sieben oder gar
nur fünf Pastoren sollen sich entschieden gegen den Taufunfug erklärt haben, so daß nichts
bei der Klage herausgekommen ist. Vielmehr hat Glitza später die Dreistigkeit gehabt, im
„Freischütz“ öffentlich drucken zu lassen, daß er nie anders taufen werde, als er bisher ge⸗
tauft habe. Es blieb nichts anders übrig, als daß die Kläger sich mit ihrer Beschwerde an
den Senat wandten und vorstellten, wie Glitza dasselbe Bekenntniß des Glaubens mit Füßen
trete, das er bei Antritt seines Amtes beschworen habe. Der Senat hat die Beschwerde zu
den Acten gelegt, wo sie bis jetzt einer ungestörten Ruhe genießt. Vielleicht ist es wichtiger,
daß und wie die Schiffe getauft werden. Bei einem Hamburger kann man daher gar nicht
wissen, ob er getauft ist, selbst wenn er einen Taufschein beibringt. Es muß erst amtlich er⸗
English translation AI translation
Church and Contemporary Affairs. 319
resolution of August 17. The demonstration, so the decree states, that Schenkel is not in
accord with the doctrines of the confessional writings would, even if successful, not suffice
to establish the justification of the petition. For these writings are not laws of faith in
the sense that every disagreement with them would suffice to contest a servant of the
church's standing within it. The freedom of theological inquiry, so far as it strives only
honestly "that we may learn to understand the Lord Jesus, the Lord of glory, better than
our fathers were able to," is to be acknowledged in its fullest scope as a condition of the
origin, as well as of the vigorous unfolding, of Protestantism. The intellectual culture of
the present age, the enlarged means of research, have their undeniable rights, whereby it
is undeniable that "the conceptual form which the old church gave to its idea of the
person of the Redeemer can no longer be unconditionally shared by the living generation."
— So far the church council. It is to be hoped that the 117 will find an energetic protest
against this rescript, by which the Supreme Church Council renounces the foundation of
Christianity. More than a protest is neither possible nor necessary, since, thank God, the
Supreme Church Council, as the administrative authority of the sovereign, is only an
expression of the momentary free-thinking court theology, and not of the — though not
Lutheran, yet Christian — confessional standing of the Baden territorial church that
rightfully exists. Perhaps His Royal Highness the Grand Duke of Baden will learn from
experience that it does no good, for church or state, that his Supreme Church Council
strips "the Lord of glory" of his glory.
Dr. Graul has moved to Erlangen to lecture there, and, for the purpose of his
habilitation, delivered on June 1, in the hall of the University of Erlangen, an address
"on the position and significance of the Christian mission within the whole of university
scholarship."
The Hamburg Baptism. Pastor Deacon Glitza at St. Catherine's in
Hamburg has for years now, probably from the very beginning, never baptized otherwise
than in the name of the Father and of the Son and of "the Christian spirit." The intent
of this baptismal formula leaps to the eye. The Christian spirit is not the Holy Spirit of
the churchly and biblical baptismal formula, nor is it meant to be. The Christian spirit is
the spirit of the congregation, and since the congregation as such has no particular
personal spirit, it is the Christian disposition that lives in the congregation. This
Christian disposition is present among the orthodox only in heavy obscurity mixed with
all sorts of antiquated articles of faith, from which Glitza, for instance, already at
baptism feels compelled to depart, in order to plunge the young citizen of the world
straightaway into the spirit of progress and free thought. For once the Holy Spirit has
been cut away from the baptismal formula and replaced with the spirit of Glitza and his
associates, the Trinity has ceased to mean anything; Father and Son are understood and
explained according to the Christian spirit. Such a thing can go on undisturbed in
Hamburg. Only a year ago it happened that the sponsors at a child's baptism protested
most solemnly against this progress-baptism. But since the child's parents made nothing of
it, several persons brought a complaint against Pastor Glitza before the ecclesiastical
ministerium, at whose head stands the senior, Alt. It is said that Alt convened the
ministerium without stating what was to be discussed, and that as a result several
pastors stayed away from the session. Only seven, or even only five, pastors are said to
have declared themselves decisively against this baptismal mischief, so that nothing came
of the complaint. Glitza, indeed, later had the effrontery to have it printed publicly in the
"Freischütz" that he would never baptize otherwise than he had baptized hitherto. Nothing
remained for the plaintiffs but to turn to the Senate with their grievance and represent
how Glitza was trampling underfoot the very confession of faith that he had sworn upon
entering his office. The Senate has filed the grievance among the records, where to this
day it enjoys undisturbed rest. Perhaps it is more important whether and how the ships
are baptized. With a Hamburger, therefore, one can never really know whether he is
baptized, even if he produces a baptismal certificate. It would first have to be officially