Collection › Lehre und Wehre (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 4, Nummer 12 › Seite 364
Lehre und Wehre St. Louis, Missouri — December 1858, Seite 364
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Gewiſſen 5 · Lehre. — Falſche Lehrer 28
364 Verwirret die Gewissen nicht.
Wenn Pfr. Wucherer wünscht, daß der Lehrstreit unter Christen nicht mit Bitterkeit, sondern in Liebe geführt werde, so ist das auch unser herzlicher Wunsch; nur können wir uns keine wahre Liebe denken ohne heiligen Ernst wider den Irrthum.
Gegen die obige Behauptung des Pfr. Wucherer haben wir nun folgendes einzuwenden, wodurch wir zu zeigen gedenken, daß dieselbe in Gottes Wort durchaus keinen Grund hat, am wenigsten in der angeführten Stelle, Röm. 14, 1. Denn dort redet der Apostel von solchen Christen, die von der Rechtfertigung allein aus dem Glauben ohne die Werke eine reine Erkenntniß hatten, also die Seligkeit keineswegs durch das Halten des Ceremonialgesetzes oder irgend welcher Stücke desselben zu erlangen hofften, wie die falschen Lehrer, welche der Apostel Galater 3, 10. 5, 1. bekämpft und verdammt, sondern die nur der Meinung waren, sie könnten ohne Versündigung die Befolgung des Ceremonialgesetzes nicht aufgeben, also ohne Halten desselben die Seligkeit nicht erlangen. Sie standen nicht in falscher Lehre, sondern in irrendem Gewissen in Bezug auf eine praktische Frage. Es handelte sich um Essen und Trinken, um das Halten eines Tages vor dem andern, nicht um Glaubens⸗ und Lehrpunkte. Dies erhellt, außer dem ganzen Zusammenhang des 14. Capitels des Römerbriefs, namentlich aus dem Worte: „ein jeglicher sei in seiner Meinung gewiß" V. 5, vgl. mit V. 20—23, wonach in dieser ganzen Stelle offenbar weder vom Glauben noch von der Glaubenslehre die Rede ist, sondern blos davon, wie man sich gegen schwache, ängstliche Gewissen verhalten müsse, die sich durch Dinge zu versündigen fürchteten, welche Stärkere für wohl erlaubt und Gott nicht mißfällig ansahen.
Unter den heutigen Christen gibt es ganz ähnliche Erscheinungen. Es sind uns rechtschaffene Christen begegnet, die es z. B. nicht für recht gehalten hätten zu rauchen, ohne doch andern ein Gewissen daraus zu machen, während andere ihr Pfeifchen als eine gute Gabe Gottes mit Danksagung sich schmecken lassen. Ferner gibt es Christen, die sich scheuen, den ganzen Sonntag hindurch irgend etwas anderes zu thun als sich mit Gottes Wort zu beschäftigen, während andere es durchaus für eine Sache der christlichen Freiheit halten, ob man, außer den öffentlichen Gottesdiensten, die heil. Schrift und den Katechismus lesen oder einen Spaziergang machen oder irgend etwas anderes Gottes Geboten nicht Widerstreitendes thun wolle. Diese Fälle sind dem in Röm. 14. abgehandelten analog. So wenig ein stärkerer Christ einen andern rechtschaffenen Christen, der sich zu versündigen glaubt, wenn er raucht oder am Sonntag sich einen Spaziergang erlaubt, verachten oder zum Handeln wider sein Gewissen verleiten darf, so wenig sollte nach des Apostels Ermahnung in seiner Zeit ein stärkerer einen andern, der sich scheute, vom Fleische auf dem Markte zu essen, weil es zum Götzenopfer gebraucht worden sein könnte, oder die besondere äußerliche Heiligung eines im Ceremonialgesetze verordneten Feiertags zu unterlassen, verachten oder zum Handeln wider sein Gewissen verleiten.
Für die Richtigkeit dieser Auffassung spricht das ganze Verfahren des
English translation AI translation
364 Confuse Not the Consciences.
If Pastor Wucherer wishes that the doctrinal dispute among Christians be carried on not with bitterness, but in love, that is also our heartfelt wish; only we cannot conceive of any true love without holy earnestness against error.
Against the above claim of Pastor Wucherer we now have the following to object, by which we intend to show that it has no basis whatsoever in God's Word, least of all in the cited passage, Romans 14:1. For there the apostle speaks of such Christians as had a pure understanding that justification comes from faith alone, without works, and thus by no means hoped to attain salvation by keeping the ceremonial law or any part of it, as did the false teachers whom the apostle combats and condemns in Galatians 3:10 and 5:1; rather, they were merely of the opinion that they could not give up observing the ceremonial law without sinning, and thus could not attain salvation without keeping it. They stood not in false doctrine, but in an erring conscience with regard to a practical question. It was a matter of eating and drinking, of observing one day above another, not of articles of faith and doctrine. This is made clear, apart from the whole context of the 14th chapter of Romans, especially by the words: "let every man be fully persuaded in his own mind" (v. 5), compared with vv. 20-23, from which it is evident that in this whole passage the subject is plainly neither faith nor the doctrine of faith, but merely how one ought to behave toward weak, anxious consciences that were afraid of sinning through things which the stronger regarded as quite permissible and not displeasing to God.
Among Christians today there are quite similar phenomena. We have met upright Christians who, for example, would not have considered it right to smoke, yet without making it a matter of conscience for others, while others enjoy their pipe with thanksgiving as a good gift of God. Further, there are Christians who are wary of doing anything the whole Sunday through other than occupying themselves with God's Word, while others hold it entirely a matter of Christian liberty whether, apart from the public services, one wishes to read Holy Scripture and the catechism, or take a walk, or do anything else not conflicting with God's commandments. These cases are analogous to the one dealt with in Romans 14. Just as little as a stronger Christian may despise, or entice to act against his conscience, another upright Christian who believes he sins if he smokes or allows himself a walk on Sunday, just so little should, according to the apostle's exhortation in his own time, a stronger person despise, or entice to act against his conscience, another who was wary of eating meat in the marketplace because it might have been used for an idol-offering, or of foregoing the special outward observance of a feast day appointed in the ceremonial law.
The whole procedure of the