Collection › Lehre und Wehre (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 2, Nummer 3 › Seite 66
Lehre und Wehre St. Louis, Missouri — März 1856, Seite 66
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66 Die Verpflichtung auf die kirchlichen Bekenntnisse ꝛc.
Glaubensgrund annehmen wollten; ihr Beruf sei die Pflege der freien Theologischen
Wissenschaft, durch welche allein auch der Kirche glaubensfrische Diener
, lehrhafte Prediger, wahrhafte Theologen überhaupt erzogen würden; die
Verpflichtung auf die kirchlichen Bekenntnisse über die Bewahrung des darin
enthaltenen Glaubensgrundes hinaus geltend zu machen, sei der Tod der
freien Theologischen Wissenschaft.
Die Erlanger Zeitschrift für Protestantismus und Kirche, welche sich wider
die Göttinger Fakultät auf die Seite der Prediger-Conferenz gestellt hat,
bringt im Märzhefte des vorigen Jahrs eine Warnung an uns wider unsern
Grundsatz, daß Lutheraner die Schrift auslegen in Uebereinstimmung mit
ihren Bekenntnissen. Bei solchem Grundsatz könne unter uns nicht von einer
Fortbildung der symbolischen Erkenntniß auf Grund der Schrift die Rede
sein noch überall gesunde Theologie bestehen, das ist die Ansicht jener Warnung
, deren Verfasser mir gewiß zustimmen wird, wenn ich ihn also ausdrücke:
macht ihr „Missourier“ die Verpflichtung auf die kirchlichen Bekenntnisse in der
Art geltend, daß ihr deren Glaubensartikel auch als Glaubensregel oder
Regel der Schriftauslegung faßt, so ists bei euch um die Freiheit der Theologie
, also um die gesunde Theologie geschehen und überhaupt „der fröhliche
Gang der Dinge“ (der kirchlichen Entwicklung) „aufgehalten.“ Dieser warnende
Ruf klingt uns ins Ohr nicht erst vom März her: nicht wahr ? Die
ganze große Menge hiesiger Lutherischer Synoden und Prediger in der Mehrzahl
der lutherischen Zeitschriften haben seit dem Bestehen unserer Synode
dasselbe Urtheil über uns gefällt, selten freilich mit Hervorhebung der vermeintlichen
Gefahr der Unfreiheit, welche unserer theologischen Arbeit drohe von
unserem Grundsatze aus, desto mehr mit der Versicherung, daß wir damit den
fröhlichen Bau der Kirche unter uns hinderten und unserer Wirksamkeit in
diesem Lande verderbliche Schranken setzten. Wer will sagen, daß uns nicht
von Vielen widersprochen wird?
Der Widerspruch, der uns trifft, aber auch schon die erzählte Bewegung
in Deutschland nöthigt uns zu untersuchen, ob der strenge Gehorsam, mit welchem
wir unserer Verpflichtung auf die Lutherischen Bekenntnisse nachzukommen
begehren, wirklich so betrübte Folgen nach sich ziehen wird. Erkennen
wir doch die Pflege der freien Theologischen Wissenschaft als Theil unseres
Berufes an, haben wir doch unser schönes Vaterland verlassen bloß und allein
in der Absicht, am Bau der Heil. Christlichen Kirche in den V. St. zu helfen.
Die Frage, ob es der Tod der freien Theologischen Wissenschaft ist, wenn die
Glaubensartikel Lutherischen Bekenntnisses als Glaubensregel geachtet und
gebraucht werden, finde unter Gottes gnädigem Beistande in diesem Aufsatze
ihre Beantwortung; es gilt daher zu zeigen, daß die wissenschaftliche Theologie
frei ist, wo die Theologen sich durch ihre Verpflichtung auf die Evang.
Luth. Bekenntnisse für gebunden erachten, gemäß den Glaubensartikeln derselben
zu lehren.
Jedermann wird zugeben, daß die wissenschaftlich=theologische Arbeit frei
English translation AI translation
66 The Obligation to the Church's Confessions, etc.
...foundation of faith. Their calling, [they say,] is the cultivation of free theological scholarship, through which alone true servants fresh in the faith, capable preachers, genuine theologians in general are raised up for the Church as well; to press the obligation to the church's confessions beyond the preservation of the foundation of faith contained in them is, [they say,] the death of free theological scholarship.
The Erlangen Zeitschrift für Protestantismus und Kirche [Journal for Protestantism and Church], which has taken the side of the Preachers' Conference against the Göttingen faculty, published in the March issue of last year a warning to us against our principle that Lutherans interpret Scripture in agreement with their confessions. Under such a principle, so runs the view of that warning — whose author will surely agree with me if I put it thus — there can be, among us, no further development of symbolic knowledge on the basis of Scripture, nor can sound theology exist at all: if you "Missourians" assert the obligation to the church's confessions in such a way that you take their articles of faith also as a rule of faith or rule of scriptural interpretation, then among you it is all over with the freedom of theology, and hence with sound theology, and altogether "the joyful course of things" (of ecclesiastical development) is "held up." This warning cry has not been ringing in our ears only since March: is that not so? The whole great mass of the Lutheran synods and preachers here, and the majority of the Lutheran periodicals, have pronounced the same judgment upon us ever since our synod came into being — seldom, indeed, stressing the supposed danger of unfreedom which threatens our theological work from our principle, but all the more with the assurance that by it we hinder the joyful building up of the Church among us and set ruinous limits to our effectiveness in this land. Who will say that we are not contradicted by many?
The contradiction that meets us — but also the movement in Germany just related — compels us to examine whether the strict obedience with which we desire to fulfill our obligation to the Lutheran confessions will really bring such grievous consequences upon us. Do we not indeed acknowledge the cultivation of free theological scholarship as part of our calling; have we not indeed left our beautiful fatherland solely and only with the intention of helping to build up the Holy Christian Church in the United States? The question whether it is the death of free theological scholarship if the articles of faith of the Lutheran confession are honored and used as a rule of faith shall, with God's gracious help, find its answer in this essay; it is therefore necessary to show that scientific theology is free where theologians, by their obligation to the Evangelical Lutheran confessions, consider themselves bound to teach according to the articles of faith contained in them.
Everyone will grant that scientific-theological work is free