Collection › Lehre und Wehre (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 5, Nummer 10 › Seite 320
Lehre und Wehre St. Louis, Missouri — October 1859, Seite 320
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320 Kirchlich⸗Zeitgeschichtliches.
Entscheidungskampfe kommen will. Denn mit den finstern Gewalten, die uns zerstörend bedrohen, haben wir selbst so oder anders lange gespielt oder gebuhlt. Wir waren nahe daran, uns wieder einmal selbst verwälschen zu lassen. Damit meine ich nicht die Art deutschen Bildungstriebes, der es nicht verschmäht, von andern Völkern zu lernen, und statt im Dünkel der Selbstgenugsamkeit zu versumpfen, auch auf das einzugehen und sich anzueignen, was andere Nationen löbliches und gutes besitzen. Denn das ist deutsche Art, und wir mögen bei ihr bleiben. Aber es liegt uns hierin zugleich die Versuchung nahe, die echte deutsche Art in jene äffische Unart zu verkehren, in welcher wir unbesehens gutes und schlechtes in den Kauf nehmen, ja selbst fremdländische Schande uns wie deutsche Ehrenkleinodien aufhalsen. Wir ruhen da nicht eher, als bis das unserem Wesen natürliche nach fremdem Muster verrenkt, das uns geschichtlich geschenkte Erbgut in die Rumpelkammer gethan und das leere Haus mit all den Lappen behängt ist, in welchen uns die Musterreiter der Fremde den Abfall neuester Moden von ihren Märkten herschleppen und uns um ein billiges, d. h. um Preisgabe des uns eigenthümlich Besten, in Gnaden verschachern. Das heißt dann: marcher à la tête de la civilisation — für diesen Lumpenhandel gibt es kein deutsches Wort.“
„Besehen wir uns aber die Sache näher, ohne über die nächstliegende Vergangenheit hinauszugehen. Als drüben über dem Rhein jene Revolution ausbrach, welche auf ihren Schultern den „Emporkömmling“ als ihr selbeigen Kind erhob, da ging in vielen Ländern deutscher Stämme die deutsche Treue und das deutsche Rechtsgefühl auch zu Grabe und legte sich schlafen, und wir selbst spielten eine Revolution mit, die uns übel gerieth. Und als der Kaiser der Revolution das revolutionäre Princip zu seinem Wahlspruch machte, aber den Höllenstein in ein Fließpapier mit Friedensdevise einwickelte und vor allem dafür sorgte, daß das fressende Gift nicht seiner, des Kaisers, Gewalt und Macht Eintrag thue, da bückten sich unter uns Machthaber wie Schutzbedürftige, Träger der Ordnung wie Ordnung Suchende, um „von den Brocken zu essen, die von Napoleon's Tische fielen.“ Sie aßen „den Tod in den Töpfen“ und merkten es nicht. Jetzt mögen sie es merken. Die Comödie von dem „Schmerzschrei der unterdrückten Nationalitäten“, welche jetzt von der Revolution gespielt wird, spielte man einst in Deutschland selbst mit, und Deutsche bereiteten aus diesem Geschrei zur Schande Deutschlands eine Waffe wider das Recht und die Macht eines deutschen Bruderstammes. Als ob je in der Weltgeschichte eine Nation ihrer Selbständigkeit bloß durch Unrecht und Gewalt anderer verlustig gegangen wäre, oder nicht vielmehr in Folge von Verhängnissen, in welchen der Herr der Weltgeschichte die Sünden und die Schuld solcher Nationen heimsuchte und ihre Unfähigkeit zur Selbstregierung und Selbsterhaltung bloßlegte. — Wenn Hab und Gut von Tausenden zum Theil durch die wohlberechneten Schläge jener Macht zusammenbricht, welche für ihre Zwecke den Taumel und Schwindel des Mammonsdienstes hegte, pflegte und ausbeutete, so mögen wir da zuerst uns selbst fragen, ob das alles in diesem Maße möglich gewesen wäre, wären wir nicht selbst dieser Lockpfeife nachgezogen und hätten aus der Pflege der „materiellen Interessen“ einen Cultus gemacht, in welchem wir wenig mehr jener wahren Grundsäulen gedachten, auf welchen der Völker dauernde Macht und Ehre ruht. — Wenn wälsche Vermessenheit, Leichtfertigkeit und Gottvergessenheit, statt vor der Widerstandskraft unseres Volkes zu bangen, auf wahlverwandte Lüsternheit und Sinnesverkehrtheit speculirt, wem danken wir es? Danken wir es nicht jenen in unserer Mitte, welche seit langem in Wort und Schrift die Ehre deutscher Zunge damit schändeten, daß sie sie zur Heroldin undeutscher Zucht⸗, Sitten⸗ und Gottlosigkeit machten? Und wenn das Schwert der Feinde länger oder kürzer über uns Herr werden sollte, wäre das schlechthin bloß eine Leidensgeschichte, oder auch eine an selbsteigener Verschuldung? Fürwahr, es bräche da nicht bloß ein Unglück über uns von außen herein, sondern das Krebsgeschwür undeutscher Gesinnung käme zugleich zum Ausbruch, jener Gesinnung, in welcher wir uns dessen schämen, was ehedem uns groß machte, spotten in dünkelhafter Aufgeblasenheit der Einfalt unserer Väter, verschleudern ererbte heilige Besitzthümer an die Rechen⸗ und Spielpfennige hohler Zukunftsgedanken, und hetzen in Selbstsucht und Haderhaftigkeit nach den Eingebungen kläglich⸗kleinlicher Eintags⸗ und Sonderpolitik die Glieder und Stämme unseres Volksleibes wie neidische Kläffer gegeneinander, statt in Treue und Selbstverleugnung zu einander zu halten, auf daß jedes Glied je nach Gabe und Stellung den Beruf des großen Ganzen erfüllen helfe. Wenn Gott uns von solchem Unwesen heilen will, wie kann er heilen als dadurch, daß er uns mit Ruthen schlägt, von welchen wir erkennen, wir haben sie zum guten Theile uns selbst gebunden? Das muß ein Geistlicher verstanden, empfunden und erkannt haben, ehe er in rechter Weise sein Wort zur Stärkung deutschen Volkes in schwerer Zeit erheben will. Malt unserem Volk keinen falschen Heiligen⸗ und Glorienschein um das Haupt, wenn ihr ernstlich wollt, daß es geheiligt werde und gloriire. Predigt, daß die Hoffnung des Sieges wahrlich nicht auf der Gerechtigkeit unseres Volkes, sondern lediglich auf des HErrn großer Barmherzigkeit stehe.“
English translation AI translation
320 Church and Contemporary History.
...decisive struggle. For with the dark powers that now threaten us with destruction, we ourselves have long dallied and flirted, one way or another. We came close to letting ourselves be made foreign once again. By this I do not mean the kind of German striving for culture that does not disdain to learn from other peoples, and that, instead of stagnating in the conceit of self-sufficiency, is also willing to take up and make its own whatever is praiseworthy and good in other nations. For that is the German way, and we may well keep to it. But herein lies at the same time a temptation close at hand: to turn genuine German character into that apish bad habit by which we take in the good and the bad alike without examination, indeed hang even foreign shame upon ourselves as if it were a German jewel of honor. We do not rest until what is natural to our own being has been wrenched into a foreign pattern, until the inheritance historically given to us has been thrown into the lumber-room, and the empty house hung with all the rags in which the fashion-mongers of foreign lands drag to us the cast-off of the latest modes from their markets, and haggle away to us, as a favor, at a cheap price — that is, at the cost of surrendering what is peculiarly best in us. That is what is called: marcher à la tête de la civilisation — for this ragman's trade there is no German word."
"But let us look at the matter more closely, without going back beyond the nearest past. When, over there across the Rhine, that revolution broke out which raised the 'upstart' upon its shoulders as its very own child, German fidelity and the German sense of justice likewise went to the grave and fell asleep in many lands of German stock, and we ourselves took part in a revolution that turned out badly for us. And when the emperor of the revolution made the revolutionary principle his motto, but wrapped the caustic stone in a wrapper bearing the device of peace, and above all took care that the consuming poison should do no harm to his own — the emperor's — power and might, then among us men in power bowed like men in need of protection, and the guardians of order like seekers of order, in order 'to eat of the crumbs that fell from Napoleon's table.' They ate 'death in the pots' and did not notice it. Now they may notice it. The comedy of the 'cry of pain of the oppressed nationalities,' which the revolution now plays, was once played along with in Germany itself, and Germans, to Germany's shame, forged out of that very outcry a weapon against the right and the power of a brother stock of the German nation. As if, in the whole of world history, a nation had ever forfeited its independence merely through the injustice and violence of others, and not rather in consequence of dispensations in which the Lord of world history visited upon such nations their sins and their guilt, and laid bare their incapacity for self-government and self-preservation. — When the goods and property of thousands collapse, in part through the well-calculated blows of that power which fostered, nursed, and exploited the intoxication and delusion of the service of Mammon for its own ends, then we ought first to ask ourselves whether all this would have been possible to such a degree had we not ourselves run after that decoy-whistle, and had we not made a cult out of the cultivation of 'material interests,' in which we thought little more of those true foundations on which the lasting power and honor of peoples rest. — When Latin presumption, frivolity, and forgetfulness of God, instead of dreading the power of resistance of our people, speculate instead on a kindred wantonness and perversity of mind, whom do we have to thank for it? Do we not have to thank those in our own midst who, for a long time now, in word and writing, have disgraced the honor of the German tongue by making it the herald of un-German license, manners, and godlessness? And if the sword of the enemy should become master over us, for a longer or shorter time, would that be simply and solely a story of suffering, or also one of our own guilt? Truly, not only would a misfortune break in upon us from outside, but the cancerous sore of un-German sentiment would break out at the same time — that sentiment in which we are ashamed of what once made us great, mock in conceited pomposity the simplicity of our fathers, squander inherited sacred possessions for the counting- and gaming-pennies of hollow notions of the future, and, out of selfishness and quarrelsomeness, drive the members and tribes of our national body against one another, following the promptings of a wretchedly petty politics of the day and of faction, like envious yelping dogs, instead of holding together in faithfulness and self-denial, so that each member, according to its gift and station, may help fulfill the calling of the great whole. If God wills to heal us of such a malady, how can he heal us except by striking us with rods which, as we must recognize, we have for the most part bound for ourselves? A minister must have understood, felt, and recognized this before he rightly presumes to raise his voice to strengthen the German people in a hard time. Paint no false halo of sanctity and glory around our people's head, if you seriously wish that it be sanctified and glorified. Preach that the hope of victory truly rests not on the righteousness of our people, but solely on the great mercy of the Lord."