Collection › Lehre und Wehre (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 8, Nummer 11 › Seite 352
Lehre und Wehre St. Louis, Missouri — November 1862, Seite 352
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352 Kirchlich-Zeitgeschichtliches.
hen könne, davon ein haarsträubendes Beispiel aus dem angesehensten der hiesigen engli⸗
schen Tagesblätter. Dasselbe berichtet von einem berühmten puritanischen Prediger
Dr. Cheever, daß er vor einer sehr zahlreichen und gespannten Zuhörerschaft die jüngste Pro⸗
clamation des Präsidenten über Emancipirung der Sclaven in den secedirten Staaten,
die ihm noch lange nicht radical genug ist, auf die Kanzel gebracht und einer Kritik unter⸗
worfen habe. Sein Text war 1 Sam. 15, 22., und in ächter Schwärmerweise wurde,
was dort von und zu Saul gesagt ist, weil er die Amalekiter nicht gänzlich ausgerottet hatte, —
sofort auf Präsident Lincoln gezogen. Seine Proclamation hätte nicht auf den 1. Januar
gestellt sein, sondern hätte lauten sollen, daß die Sclaven der Rebellen „jetzt und für immer
für frei erklärt sind.“ Er ist auch deshalb gegen die Proclamation, weil sie die loyalen
Staaten des Segens der Emancipation beraubt. Das heiße, so lauten buchstäblich die halb
wahnwitzigen Worte — die rebellischen Staaten zu den Freuden des Himmels zulassen und
die Grenzstaaten in den Feuern der Hölle behalten. — Auch spricht er in wahrhaft teuflischem
Sinn unverholen aus: wenn der einzige Weg, daß die Sclaverei in den Rebellen-Staaten
abgeschafft würde, der sei, daß dieselben in ihrer Rebellion fortführen bis zum 1. Januar,
so wäre sein Gebet, daß sie darin nur fortfahren möchten. — In der That, wenn Gott über
solche Lotterbuben und greulichen Schänder seines Heiligthums mit einem plötzlichen Gericht
hereinbrechen würde, das wäre gewiß noch große Gnade und Erbarmung über unser unglück⸗
seliges, bethörtes Volk. Daß er dieselben aber gewähren läßt, daß eine bezauberte Menge
ihnen Beifall zollt und ihren Lügentheidingen glaubt, das ist großer, ernster Zorn von Gott.
Wann wird der Jammer unseres armen Landes enden? Doch was sage ich enden —
wann wird man anfangen, ihn nur erst recht zu erkennen? — C.
Dr. Nevin über Liturgie. Gewiß wird es die Leser der „Lehre und Wehre“
freuen, etwas von den gesunden, nüchternen Ansichten dieses reformirten Theologen über
stehende liturgische Formen zu hören. Folgenden Excurs von ihm über diesen Gegenstand
entnehmen wir der ersten Oktober-Nummer des „Lutheran and Missionary“:
„Unliturgische Denominationen entbehren des Apostolischen Symbolums als einer erziehen⸗
den Form des Glaubens und der Gottseligkeit. Es wird nicht aufgebetet in ihren Häusern,
nicht gelehrt ihren Kindern. Ja meist vermögen sie nicht einmal mehr es herzusagen.
Bei der Masse des Volkes ist es aus dem Gedächtniß geschwunden und ihnen unbekannt ge⸗
worden. Man nehme dies an sich selbst als ein gewaltiges Beispiel zu zeigen, wie armselig
solche Denominationen ausgestattet sind, eigentlich für das zu sorgen, davon wir gesehen
haben, daß es die wahre Idee erziehender Religion sei. — Hier ist also durchaus ein sehr
ernster Mangel, welchen man wohl geltend machen mag gegen das System extemporisirten
Gebets, wenigstens als ein Gegengewicht gegen den Anspruch auf mehr Leben und größere
Geistlichkeit, selbst wenn man zugestehen müßte, daß derselbe seine Richtigkeit habe.
Aber wir bestreiten den Anspruch selbst. Es mag da freilich mehr Schein des Lebens sein,
wo der Seele die Arbeit aufgelegt ist, sowohl den Stoff als die Form des Gebetes im Drang
des Augenblicks hervorzubringen, aber es ist ein Mißgriff, sofort anzunehmen, daß dies aus
dem wahren Geist der Andacht komme. Zu einem großen Theil muß es zugeschrieben wer⸗
den der bloßen Thätigkeit des in diese Uebung gebrachten Verstandes, welche Thätigkeit kei⸗
nerlei Anzeige noch Maßstab der Thätigkeit des Herzens ist. Eher dürfte ausgemacht er⸗
scheinen, daß die unmittelbare, natürliche Wirkung einer solchen Anstrengung des Denkens
die sein müsse, die Lebenskraft von der Salbung des Gefühls abzulenken. Die zwei Vor⸗
gänge sind ganz verschieden. Die Thätigkeit der Erfindung ist ein Ding, die Thätigkeit der
Andacht ist ganz ein anderes. In dieser Hinsicht ist es nicht unverständig zu sagen, daß ste⸗
hende, lang bekannte Formen dem Geist der Andacht im Ganzen bessere Anregung und eine
günstigere Gelegenheit geben sich zu äußern als irgendwelche zu diesem Zweck extempori⸗
sirte Auslassungen. Wo das andächtige Herz fehlt, werden dieselben zu bloßen Formen
und weiter nichts, gleich den Rädern in dem Gesichte Hesekiels, die keine eigene Bewegung
hatten außer durch die Kraft des lebendigen Geistes, der in ihnen war. Aber wo das an⸗
dächtige Herz fehlt, ist auch selbst ein extemporisirtes Gebet nur eine andere Art von Formen⸗
wesen, anstößiger, mögen wir sagen, als das des Common Prayer Book; gerade wie die
Zuckungen einer galvanisirten Leiche widerlicher und häßlicher sind als die Züge derselben
Leiche im Zustande der Ruhe. Immerhin ist für eine gottesdienstliche Versammlung,
wenn es doch einmal zu solch einem kläglichen Scheinwerk kommen müßte, das Mumenspiel
ritueller Formen, die doch an sich selbst schön und gut verabfaßt sind, besser, als das Mumen⸗
spiel von Gebeten, die gen Himmel plärren ohne Form und Leben. Doch das ist nicht das
Entweder — Oder, darauf eine eigentliche Vergleichung der beiden Systeme des Gottes⸗
dienstes basirt werden soll. Laßt den andächtigen Geist, die innere Bereitschaft zum Gottes⸗
dienst, vorhanden sein. Dann wird er, sagen wir, durch den Gebrauch liturgischer Formen —
dieser gewohnten und bequemen Kanäle früherer andächtiger Gedanken — im Allgemeinen
weit leichter in eine ruhige, kräftige Uebung kommen als durch Hilfe von irgendwelchen ex⸗
temporisirten Eingebungen.“ C.
English translation AI translation
352 Church and Contemporary History.
can go, a hair-raising example from the most respected of the local English
daily papers. It reports of a famous Puritan preacher, Dr. Cheever, that before
a very numerous and tense audience he brought onto the pulpit, and subjected
to criticism, the President's latest proclamation on the emancipation of the
slaves in the seceded states — which is by no means radical enough to suit
him — and criticized it. His text was 1 Sam. 15:22, and, in genuine fanatical
fashion, what is said there of and to Saul, because he had not utterly destroyed
the Amalekites, was applied at once to President Lincoln. His proclamation
ought not to have been set for January 1, but should have read that the
slaves of the rebels are "declared free now and forever." He is also opposed
to the proclamation for the reason that it robs the loyal states of the blessing
of emancipation. That is to say — these are, literally, his half-crazed words —
it admits the rebellious states to the joys of heaven and keeps the border
states in the fires of hell. — He also states unreservedly, in a spirit that is
truly devilish, that if the only way for slavery to be abolished in the rebel
states were for them to continue in their rebellion until January 1, then his
prayer would be that they should simply keep on doing so. — Indeed, if God
were to break in with a sudden judgment upon such gamblers and horrible
desecrators of his sanctuary, that would certainly still be great grace and
mercy toward our unfortunate, deluded people. But that he lets them carry on,
that a bewitched crowd applauds them and believes their lying pleas — that is
great and grave wrath from God. When will the misery of our poor country
end? But what am I saying, "end" — when will people even begin to recognize
it rightly at all? — C.
Dr. Nevin on Liturgy. It will certainly please the readers of "Lehre und
Wehre" to hear something of the sound, sober views of this Reformed
theologian on standing liturgical forms. We take the following excursus of his
on this subject from the first October number of the "Lutheran and
Missionary":
"Unliturgical denominations lack the Apostles' Creed as an educative form of
faith and godliness. It is not prayed in their homes, not taught to their
children. Indeed, for the most part they are no longer even able to recite it.
Among the mass of the people it has vanished from memory and become
unknown to them. Let this alone be taken as a powerful illustration of how
poorly equipped such denominations are to provide, in fact, for what we have
seen to be the true idea of an educative religion. — Here, then, is undoubtedly
a very serious deficiency, one which may well be urged against the system of
extemporized prayer, at least as a counterweight to its claim to more life and
greater spirituality, even should one have to grant that this claim has its
justice. But we dispute the claim itself. There may indeed be more of a
semblance of life where the soul is burdened with the task of producing, on
the spur of the moment, both the substance and the form of the prayer, but it
is a mistake to assume at once that this comes from the true spirit of
devotion. To a great extent it must be ascribed merely to the activity of the
understanding put into exercise, an activity which is no indication or
measure whatsoever of the activity of the heart. It might rather appear to be
established that the immediate, natural effect of such a strain of thinking
must be to divert the vital force away from the anointing of feeling. The two
processes are entirely different. The activity of invention is one thing; the
activity of devotion is something quite other. In this regard it is not
unreasonable to say that fixed, long-familiar forms give the spirit of devotion,
on the whole, better stimulus and a more favorable opportunity to express
itself than any extemporized utterances devised for the purpose. Where the
devout heart is lacking, these become mere forms and nothing more, like the
wheels in Ezekiel's vision, which had no motion of their own except through
the power of the living spirit that was in them. But where the devout heart is
lacking, even an extemporized prayer is itself only another kind of
formalism, more offensive, we might say, than that of the Common Prayer
Book — just as the convulsions of a galvanized corpse are more repulsive and
uglier than the features of that same corpse in a state of rest. Still, for a
worship assembly, if it must indeed come to such a pitiful piece of
playacting, the mummery of ritual forms — which are, after all, in themselves
beautifully and well composed — is better than the mummery of prayers
bawled heavenward without form or life. Yet that is not the either-or on which
a proper comparison of the two systems of worship ought to be based. Let the
devout spirit, the inner readiness for worship, be present. Then he will, we
maintain, through the use of liturgical forms — those accustomed and
convenient channels of the devout thoughts of earlier times — as a rule come
far more easily into a calm, vigorous exercise than with the help of any
extemporized promptings whatsoever." C.