Collection › Lehre und Wehre (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 4, Nummer 6 › Seite 192
Lehre und Wehre St. Louis, Missouri — Juni 1858, Seite 192
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German transcription AI-corrected against the scan
192 Kirchlich⸗Zeitgeschichtliches.
Schwesterkirchen bis auf den Grund erregen und erschüttern, zittern bei uns kaum in ent-
fernten Anklängen nach. Als unsere theuere Nachbarkirche in Bayern so schwer heimgesucht
wurde in Sachen der Kirchenzucht ꝛc., da begannen auch bei uns die entsprechenden Stimmen
Lärm zu schlagen, zumal den Diöcesan⸗Synoden des Jahres 1856 Fragen über
Kirchenzucht von dem Kirchenregiment vorgelegt waren. Auf den beschwichtigenden Artikel
in der gelesensten Zeitung des Landes aber beruhigte sich wieder Alles. Jene Bezirksver-
sammlungen, zusammengestellt aus sämmtlichen angestellten Geistlichen (mit Ausschluß der
Vicare) und einer genau entsprechenden Zahl von „Kirchenältesten“ aus den verschiedenen
Gemeinden, sind darum nicht ohne Bedeutung für unser kirchliches Leben, weil sie jährlich
von dem Kirchenregiment aufgefordert werden, sich zu äußern über die eben besonders in
Anregung gebrachten kirchlichen Fragen. So voriges Jahr, wie schon bemerkt, über die in
den einzelnen Bezirken noch vorhandenen Reste kirchlicher Zucht und Sitte, sowie über die
Mittel zu deren allmäliger Wiederbelebung. Im Allgemeinen mußten diese Versuche auch
bei uns erfolglos bleiben, da man mit Gewalt sie als „polizeimäßig“ ausschreien wollte.
Nicht ganz das Gleiche brauchen wir von den Bestrebungen im einzelnen zu sagen. So
weist z. B. der Bericht der Diöcese Künzelsau auch von diesem Jahr eine freiwillige Verei-
nigung nach zur Festhaltung und Wiedererweckung mancher kirchlichen Sitte. Die dieses
Jahr der Diöcesan⸗Synode vorgelegten Fragen bezogen sich auf die Confirmation.
Neben Unbedeutenderem handelte es sich darüber, ob wie anderwärts (auch in Sachsen, so
viel uns bekannt) so auch in Würtemberg dem Bekenntnisse und der Einsegnung vorhergehen
solle eine eingehendere Prüfung der Kinder über den Stand ihres Glaubens. So viel sich
bis jetzt aus den öffentlichen Berichten erkennen läßt, ist dieß aber allgemein abgelehnt und
die Beibehaltung der bisherigen Form beantragt worden.
Damit wäre wohl so ziemlich erschöpft, was das officiell kirchliche Leben Würtembergs
in letzter Zeit Bedeutenderes geboten hat. Für jetzt hätten wir unsere Aufmerksamkeit noch
zu richten auf die Vor⸗ und Nachklänge einiger allgemein kirchlichen Bewegungen bei uns in
Würtemberg. Mit Recht wohl nennen wir hier die „evangelische Allianz.“ Daß ein
großer Theil des würtembergischen Pietismus an derselben theils persönlich, theils durch
reges Interesse aus der Ferne Theil genommen hat, ist bekannt. Einer andern, nicht unbe-
deutenden Partei unserer gläubigen Geistlichkeit, die unter dem überwiegenden Einfluß von
Dr. Beck in Tübingen steht, hat auch diese „Versammlung evangelischer Christen“ als
etwas „Gemachtes“, als „Menschenwerk“ Anstoß gegeben. Doch auch in den Kreisen des
Pietismus selbst hat sich bei der im Mai gewöhnlich stattfindenden „Brüderconferenz“, so
viel man erfuhr, bedeutende Opposition gezeigt. Die Frucht derselben ist ein kleines Schrift-
chen: „Die evangelische Allianz ꝛc. von D. Hermann, evang. lutherischem Pfarrer zu
Freudenthal in Würtemberg“, das, wenn auch seine unmittelbare Beziehung nur auf die
vergangene Decemberversammlung geht, uns im Allgemeinen goldne Worte über die Ge-
fahren solcher „Vereinigungen“ zu sprechen scheint. Daß an dem Kirchentage die würtem-
bergische Geistlichkeit sich sehr stark betheiligte, haben die Blätter verkündigt. Als Glanz-
punkt wurde überall Stahls Auftreten bezeichnet und wir glauben nicht zu irren, wenn wir
sagen, daß sowohl was über das Verhältniß des Bekenntnisses zur Mission, als was er über
evangelische Katholicität sagte, einen Wiederhall bei Manchen fand, an den der Redner nicht
dachte, und in manchem stillen Dorfe weiter verarbeitet wird.
Im Laufe des vorigen Sommers erschien in dem Kirchen- und Schulblatte für Würt.“
eine Einladung von Geistlichen an alle, die auf folgende 3 Sätze sich vereinigen könnten:
1) Diejenigen, welche bei der Lehre des Evangeliums nach Maßgabe der luther. Bekennt-
nisse unverrückt festhalten, wollen einander näher treten zu gegenseitiger brüderlicher Mitthei-
theilung, Berathung und Stärkung, sowie nach Erforderniß der Umstände zur Ablegung
eines gemeinsamen Zeugnisses. 2) Mit dieser Hervorhebung der Objectivität des Bekennt-
nisses wollen sie dem Einzelnen seine begründete protestantische Freiheit nicht schmälern und
weisen eine zurückstoßende Stellung gegen andere Confessionen ebenso ab, wie eine unionisti-
sche Vermengung. 3) In kirchlichen Fragen, die nicht durch die lutherischen Bekenntnisse
entschieden sind, halten sie die alt⸗lutherischen Kirchenordnungen für grundlegend.
Bei der Versammlung selbst scheinen nach den bekannt gewordenen Berichten auch solche
sich eingefunden zu haben, welche die Sätze selbst, auf die hin eingeladen war, bestritten, so
daß die Verhandlung sich unverrichteter Dinge trennte und man seither öffentlich Nichts mehr
von ihr hörte. Daß die Angst vor „Alt“⸗ und „Neu“⸗Lutherthum u. s. w., wie sie in
dem oben erwähnten Blatte zum Theil ausgedrückt wurde, nicht sehr begründet war, wird
aus dem eben Gesagten bestens erhellen.
Zu verbessernde Errata im vorigen Heft.
Seite 150 Zeile 3 von oben schreibe anstatt 6 — b.
„ 151 „ 2 „ unten „ „ C — c.
English translation AI translation
192 Church and Contemporary Notes.
...sister churches to their very foundations, scarcely reach us here even
as distant echoes. When our dear neighboring church in Bavaria was so
severely afflicted in the matter of church discipline, etc., the
corresponding voices here too began to raise an outcry, especially
since the church government had laid questions about church discipline
before the diocesan synods of the year 1856. But at the reassuring
article in the country's most widely read newspaper, everything settled
down again. Those district assemblies, made up of all the ordained
clergy in office (excluding the vicars) and an exactly corresponding
number of "church elders" from the various congregations, are therefore
not without significance for our ecclesiastical life, because they are
called upon annually by the church government to express themselves on
whatever churchly questions happen to be under particular discussion.
So last year, as already noted, on the remnants of churchly discipline
and custom still present in the individual districts, as well as on the
means for their gradual revival. In general these efforts had to remain
fruitless here too, since people insisted on loudly denouncing them as
"police-like." We need not say quite the same of the individual
efforts. Thus, for instance, the report of the diocese of Künzelsau
shows also for this year a voluntary association for the maintaining
and reawakening of various churchly customs. The questions laid before
the diocesan synod this year concerned confirmation. Alongside less
significant matters, it concerned the question whether, as elsewhere
(also in Saxony, so far as we know), so also in Württemberg a more
thorough examination of the children as to the state of their faith
should precede the confession and the blessing. So far as can be
discerned from the public reports up to now, however, this was
generally rejected, and the retention of the previous form was moved
instead.
With this, what the official church life of Württemberg has offered of
any significance of late would be pretty much exhausted. For now we
still have to direct our attention to the preludes and echoes of
certain general church movements among us in Württemberg. Here we may
rightly mention the "Evangelical Alliance." It is well known that a
large part of Württemberg Pietism has taken part in it, partly in
person, partly through lively interest from afar. To another, not
insignificant, party of our believing clergy, which stands under the
predominant influence of Dr. Beck in Tübingen, this "assembly of
evangelical Christians" has likewise given offense, as something
"manufactured," as "man's work." But even within the circles of
Pietism itself, considerable opposition showed itself, so far as one
learned, at the "Brethren's Conference" usually held in May. The fruit
of that opposition is a small pamphlet: "The Evangelical Alliance, etc.,
by D. Hermann, Evangelical Lutheran pastor at Freudenthal in
Württemberg," which, even though its immediate reference is only to
last December's assembly, seems to us to speak, in general, golden
words on the dangers of such "unions." That the Württemberg clergy took
a very strong part at the Kirchentag has been reported by the papers.
Stahl's appearance was everywhere designated as the high point, and we
believe we are not mistaken in saying that what he said, both about the
relation of the confession to missions and about evangelical
catholicity, found an echo among many that the speaker himself did not
anticipate, and is still being further worked out in many a quiet
village.
In the course of last summer there appeared in the "Church and School
Gazette for Württemberg" an invitation from certain clergymen to all
who could unite on the following three propositions: 1) Those who hold
unwaveringly to the doctrine of the Gospel according to the Lutheran
confessions wish to draw nearer to one another for mutual brotherly
communication, counsel, and strengthening, as well as, according to the
requirements of circumstances, for bearing a common testimony.
2) By this emphasis on the objectivity of the confession they do not
intend to diminish the individual's well-founded Protestant freedom,
and they reject equally a repellent stance toward other confessions and
a unionistic blending. 3) In churchly questions not decided by the
Lutheran confessions, they hold the old Lutheran church orders to be
foundational.
At the assembly itself, according to the reports that have become
known, there also seem to have appeared some who disputed the very
propositions on the basis of which the invitation had gone out, so that
the proceedings broke up without accomplishing anything, and nothing
more has been publicly heard of it since. That the fear of "Old" and
"New" Lutheranism, and so forth, as it was expressed in part in the
paper mentioned above, was not very well founded, will best appear from
what has just been said.
Errata to be corrected in the previous issue.
Page 150, line 3 from the top, write instead of 6 — b.
" 151 " 2 " from the bottom " " C — c.