Collection › Lehre und Wehre (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 3, Nummer 3 › Seite 92
Lehre und Wehre St. Louis, Missouri — März 1857, Seite 92
⤓ Download page image (full resolution)
German transcription AI-corrected against the scan
92 Ueber Amerika's kirchliche Gegenwart und Zukunft.
der Kirche zusammenfinden, sich an einander reiben und durcheinander gähren.“ So Schaff. Wir unterlassen, noch andere seiner Aeußerungen anzuführen; der Leser wird fast auf jeder Seite daran erinnert, daß Nordamerika recht eigentlich der classische Boden des Calvinismus sei. Freilich wünscht der geehrte Verfasser, es möchte „die deutsche Kirche mit ihrem gemüthlichen Genuß des Christenthums, ihrer sinnigen Contemplation, ihrer Innerlichkeit und Tiefe, ihrem historischen Sinn und ihrer reichen Theologie wohlthätig ergänzend in den Entwickelungsprozeß des amerikanischen Protestantismus eingreifen;“ — und da er hierbei auch an die „deutsch-reformirte“ Kirche denkt, „die ja nie schroff calvinistisch, sondern von jeher mehr melanchthonisch, gemäßigt, zwischen Lutherthum und Calvinismus, den germanischen und romanischen Protestantismus vermittelnd war und sich daher in neuerer Zeit fast überall der Union angeschlossen hat,“ so wird es an solch „ergänzendem Eingreifen“ auf die Dauer wohl auch nicht fehlen, wie man denn „in der That seit einigen Jahren einen kleinen Anfang dazu gemacht hat.“ Wenn er ein Gleiches aber auch von der „lutherischen Kirche“ wünscht und fordert, so verkennt er in Folge seines eigenen Standpunctes gänzlich deren Grundcharacter und ihren Wesensunterschied vom Calvinismus. Die evangelische Reformation kann weder „ergänzend,“ noch überhaupt „wohlthätig,“ sondern nur zerstörend in den calvinischen Protestantismus eingreifen, weil sie dessen Antipode und der religiösen Hauptsache nach ihm fremder und unähnlicher ist, als selbst der Romanismus. Es kann in unserer begriffsverwirrenden, unionstollen Zeit nicht oft und laut genug gesagt werden, daß die römische und reformirte Kirche den „gesetzlichen Zug,“ wie Schaff sich ausdrückt, mit einander gemein haben, der beide zu Bundesgenossen gegen das evangelische Wesen der lutherischen Kirche macht. Wollte die letztere in Amerika auch ihrerseits „aus ihrem eigenen Genius heraus lebendig und kräftig sich gestalten,“ so würde sie schon den ersten energischen Versuch dazu mit dem Schicksale der Mormonen büßen müssen. Denn in Amerika giebt es eben nur eine calvinische Religionsfreiheit, die alles duldet, was sich in den calvinischen Boden einpflanzt, und alles ausstößt, was auf seinem eigenen Stamme wachsen will. Es kann dies den Vereinigten Staaten so wenig zum Vorwurfe gereichen, als z. B. mir der angeborne Ekel vor dem Käse. Im Gegentheile halte ich es sogar für providentiell, daß die heutige Völkerwanderung, die in sittlicher Hinsicht wohl noch hinter der ehemaligen zurückbleibt, ihren Weg gerade in dasjenige Land nimmt, das sich freiwillig unter die Zucht strenger Gesetze und rigoristischer Sitten beugt und den Einwanderer mit eiserner Nothwendigkeit zu gleichem Gehorsam zwingt. Auch zweifle ich nicht im mindesten, daß diese Gesetzlichkeit zum Zuchtmeister auf Christum dienen und in der späten Zukunft der evangelischen Freiheit weichen werde. In der Gegenwart und näheren Zukunft ist aber dazu noch nicht die mindeste Aussicht und deshalb die amerikanische Stellung einer Kirche, die, wie die evangelisch-lutherische, den gesetzlichen Standpunct bereits überwunden
English translation AI translation
92 On America's Present and Future Church Condition.
...of the church come together there, rub against one another, and ferment together in confusion." So Schaff. We forgo citing yet more of his statements; the reader is reminded on almost every page that North America is, quite properly, the classic soil of Calvinism. To be sure, the esteemed author wishes that "the German church, with its congenial enjoyment of Christianity, its reflective contemplation, its inwardness and depth, its historical sense and its rich theology, might beneficially and complementarily intervene in the developmental process of American Protestantism" — and since he here also has in mind the "German Reformed" church, "which was, after all, never harshly Calvinistic, but always rather Melanchthonian, moderate, mediating between Lutheranism and Calvinism, between Germanic and Romance Protestantism, and which has therefore in recent times joined the Union almost everywhere," such a "complementary intervention" will presumably in the long run not fail to occur either, just as, indeed, "a small beginning toward it has in fact been made for some years now." But when he wishes and demands the same also of the "Lutheran church," he thereby, as a consequence of his own standpoint, wholly mistakes its basic character and its essential difference from Calvinism. The evangelical Reformation can intervene in Calvinistic Protestantism neither "complementarily" nor indeed "beneficially" at all, but only destructively, because it is that church's antipode and is, as to the chief matter of religion, more foreign and dissimilar to it than even Romanism is. In our concept-confusing, union-mad age, it cannot be said often or loudly enough that the Roman and Reformed churches have in common the "legalistic strain," as Schaff puts it, which makes both of them allies against the evangelical essence of the Lutheran church. Were the latter, in America, likewise to try "to take shape, living and vigorous, out of its own genius," it would already have to pay for the first energetic attempt at this with the fate of the Mormons. For in America there exists, in fact, only a Calvinistic religious liberty, which tolerates everything that plants itself in Calvinistic soil, and casts out everything that wishes to grow on its own stock. This can be held against the United States as little as, say, an innate revulsion to cheese can be held against me. On the contrary, I even hold it to be providential that the migration of peoples now under way — one that, in a moral respect, probably still falls short of the ancient one — takes its course precisely into that land which voluntarily bows beneath the discipline of strict laws and rigoristic customs, and which compels the immigrant, with iron necessity, to the same obedience. Nor do I doubt in the least that this legalism will serve as a schoolmaster unto Christ, and will, in the distant future, yield to evangelical liberty. In the present and the nearer future, however, there is not the least prospect of this, and therefore the American standing of a church which, like the evangelical-Lutheran, has already overcome the legalistic standpoint