Collection › Lehre und Wehre (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 3, Nummer 3 › Seite 75
Lehre und Wehre St. Louis, Missouri — März 1857, Seite 75
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Zu der Lehre von der Gnadenwahl und einigen damit zusammenhängenden ꝛc. 75
nur zu denken, als die sich zwittermäßig in gleicher Schwebe zwischen dem Dienste Gottes und der Knechtschaft der Sünde zu erhalten und nach heiliger oder unheiliger Entschließung jedesmal dahin zurückzukehren vermöchte, sondern, wie sie ist, unzertrennlich verbunden, in Einheit mit den begehrenden Kräften oder Trieben. Dieser concrete Wille war gut und rein nach dem Gleichnisse Gottes (1 Mos. 5, 1.); vermöge der Wahlfreiheit desselben sollte das Ich sich selbst dafür bestimmen, wohin seine Impulse es wiesen; doch lag in ihr die ursächliche Kraft für den erstern, wenn dem erkennenden Geiste in seiner bewußten Abhängigkeit von einem höhern Wesen auch der Gedanke des Gegentheils sich darbot, in seinem Streben über das hinauszugehn, was er irgend einen Moment seines Daseins ist, und inwiefern sie sich mit dem das individuelle Dasein insonderheit erhöhenden Trieb verknüpfte, eine Richtung zu verfolgen, die dem Verhältniß zum Urheber und Seinem darüber geredeten Schöpfungsworte nicht entsprach. In die Lebensbewegung einer nach jenem Gleichniß gemachten Creatur war es gelegt, die wesentlich ihr von Gott geordnete Vollkommenheit zu ihrer Neigung Gegenstand zu haben, in unzertrennlicher Vereinigung mit dem Liebesverlangen gegen Ihn, von welchem sie durch Glauben an Sein ihr kundgethanes Wort das rechte Bild im Herzen hatte und aus dem ihre eigne Vollkommenheit eben dadurch floß, — und dem Gewissen, das, sie zu entfalten und zum Ziel zu leiten, den beständigen gegenseitigen Verkehr des göttlichen und creatürlichen Lebens bethätigte. Ungeachtet also das allgemeine Wesen des zuerst genannten Strebens sich mit den beiden andern Kräften auf das Innigste zusammenschloß, so wurde jenes doch durch die freie Thätigkeit, den die Idee der geschöpflichen Vollkommenheit getrennt von ihrer durch den heil. Geist bedingten Wirklichkeit denkenden Verstand daran zu heften, (in Verbindung mit dem durch den Anblick der lieblichen Baumesfrucht im Garten Eden erregbaren sinnlichen Triebe des irdisch⸗menschlichen Daseins,) *) also in Bewegung gesetzt, daß das Ich, welches ohne
*) Anm. Von hier aus ist die so sehr immer verbreitete Ansicht von dem Ursprung der Sünde zu corrigiren, nach welcher die Sinnlichkeit des Menschen und derselben Unempfänglichkeit für die bestimmende Kraft des Geistes, somit also die natürliche Schwäche des letztern das Vorhandensein des Bösen erkläre. Es leuchtet ein, daß die Anhänger und Vertheidiger dieser Ableitung sich selbst in einen seltsamen Widerspruch verwickeln, indem sie einem jeden Menschen nichts desto weniger die Freiheit wahren wollen, sich entweder nach den Antrieben der Vernunft oder denen der niedern Seelenvermögen zu entscheiden, aber dieselbe eben da aufhört, wo die Sünde anfängt, weil das Unterliegen des Ichs ja seine Ohnmacht und Gebundenheit bekundet, wovon die Schuld entweder eine Ursünde desselben oder der Schöpfer tragen müßte. Wollten wir auch darauf eingehn, daß, wie sie sagen, das freie Wollen nach und nach verschiedene Grade der Stärke annehmen könne, der höhere unterwerfe sich die sinnliche Natur und gelange zur Tugend, der entgegengesetzte Fall erzeuge das Laster: so bleibt uns bei der Frage, wie der Geist nur dazu komme, diese Fesseln zu tragen, wenn er nicht ursprünglich in die Sünde verwickelt sein soll, wodurch die erstere Voraussetzung nur aufgehoben würde, nichts Anderes übrig, als daß er selbst animalische Natur sei im Potenzzustande, von dem er sich als aus dem Zeitpunct des kindlichen Alters, wo die Uebermacht der Fleischeslust dann am größten sein müßte, zur Actualität durch Fortschreiten von einer Bildungsstufe zu
English translation AI translation
On the Doctrine of the Election of Grace and Some Matters Connected Therewith etc. 75
conceivable only as one that maintained itself, hermaphrodite-like, in equal balance between the service of God and the bondage of sin, and could return there each time after a holy or unholy resolve — but rather, as it actually is, inseparably bound, in unity with the desiring powers or drives. This concrete will was good and pure after the likeness of God (Gen. 5:1); by virtue of its freedom of choice, the self was to determine itself as to whither its impulses pointed it; yet within that freedom lay the causal power for the former, in that, when the opposing thought also presented itself to the knowing spirit in its conscious dependence on a higher Being, in its striving to go beyond whatever it is at any given moment of its existence, and insofar as it linked itself with the drive that especially heightens individual existence, it could pursue a direction that did not correspond to its relation to its Author and to His creating word spoken concerning it. Laid into the vital movement of a creature made after that likeness was the having, as the object of its inclination, of the perfection essentially ordained for it by God, in inseparable union with the love it desired toward Him — of whom, through faith in His word made known to it, it had the right image in its heart, and from which its own perfection likewise flowed — and with the conscience that, in unfolding it and guiding it to its goal, carried on the constant mutual intercourse of the divine and the creaturely life. Although, then, the general nature of the first-named striving joined itself most intimately with the other two powers, that striving was nevertheless set in motion — through the free activity of the understanding, which, thinking the idea of creaturely perfection apart from its actuality as conditioned by the Holy Spirit, fastened upon it (in connection with the sensuous drive of earthly-human existence, excitable through the sight of the lovely fruit of the tree in the Garden of Eden) — *) so that the self, which without
*) Note. From this point the very widely held view of the origin of sin must be corrected — the view according to which the sensuousness of man, and his consequent unreceptiveness to the determining power of the spirit, and thus the natural weakness of the latter, explains the presence of evil. It is evident that the adherents and defenders of this derivation entangle themselves in a strange contradiction, in that they nonetheless wish to preserve for every man the freedom to decide either according to the impulses of reason or according to those of the lower powers of the soul, yet hold that this freedom ceases precisely where sin begins — because the self's succumbing indeed attests its powerlessness and bondage, the guilt for which would then have to rest either on an original sin of its own or on the Creator. Even were we to grant, as they say, that the free will can gradually take on different degrees of strength — the higher subduing the sensuous nature and attaining to virtue, the opposite case producing vice — we should still be left, on the question of how the spirit even comes to bear these fetters at all, if it is not supposed to have been originally entangled in sin (which would only do away with the former presupposition), with nothing else but that it is itself, in a state of potency, an animal nature, from which it raises itself, beginning from the point of childhood — when the preponderance of fleshly lust must be greatest — toward actuality by advancing from one stage of formation to