Collection › Lehre und Wehre (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 10, Nummer 9 › Seite 269
Lehre und Wehre St. Louis, Missouri — September 1864, Seite 269
257
258
259
260
261
262
263
264
265
266
267
268
269
270
271
272
273
274
275
276
277
278
279
280
281
282
283
284
285
286
287
288
⤓ Download page image (full resolution)
German transcription AI-corrected against the scan
Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Obrigkeit · Gemeindeſchule
Lic. Ströbel's Darstellung der luth. Lehre von der Obrigkeit der calvin. gegenüber. 269
ausgebildet, daß die landesfürstlichen und freistädtischen Autoritäten nur noch nach einer Seite unter, nach einer andern neben, ja nach einer dritten sogar über dem Kaiser standen (denn „die Kurfürsten entsetzten den trägen und wollüstigen Wenzel der Regierung und wählten für ihn i. J. 1400 den Kurfürsten Ruprecht von der Pfalz,“ ohne daß Jemand hierin eine Spur von revolutionärem Wesen gefunden hätte; (vgl. S. 452 u. a.). So fand Luther beim Beginn seiner Reformation die bestehende Reichsverfassung in Deutschland vor; er fand landesherrliche und freistädtische Gewalten, die keine Amtleute des Kaisers, sondern Stände des Reiches waren. War es ihm wohl möglich, oder nur erlaubt, sie anders zu beurtheilen, anders zu ihnen zu reden, als nach ihrer rechtlichen und factischen Stellung, vermöge deren sie nicht schlechthin, sondern nur beziehungsweise, Unterthanen des Kaisers waren? Sofern sie das waren, hat er sie beständig mit großem Ernst und Nachdruck zum Gehorsam gegen den Kaiser, als ihre von Gott verordnete Obrigkeit, ermahnt, — sofern sie es nicht waren, konnte, durfte und wollte er sie auch nicht dazu machen; er hätte ja sonst die Lehre aufgeben müssen, der er sein ganzes Leben hindurch treu geblieben ist, die ihn auch als sicherer Leitstern durch die von Carlstadt, Münzer, den Wiedertäufern und anderen Fanatikern erregten politischen Stürme geführt: daß Christus nicht gekommen sei, die bestehende Ordnung der Weltreiche umzustürzen. Wäre es aber nicht ein totaler Umsturz der deutschen Verfassung geworden, wenn Luther aus „Kaiser und Reich“ gemacht hätte: der Kaiser ist das Reich? Sehr unglücklich beginnt daher Herr v. P. den § 5: „Auch die deutsche Reformation trägt, obschon in ohne Vergleich geringerem Grade, den tragischen Character an sich, welchen wir an der französischen so schmerzlich beklagt haben. Auch sie und ihr großer Werkmeister und Hüter wurden durch fatalistische Nothwendigkeit auf einen Pfad getrieben, welcher ihrer innern Bestimmung widersprach und gegen den sein christliches Bewußtsein sich auflehnte.“ Das ist eine arge Verkennung einmal des Geistes der evangelischen Reformation, sodann des gewaltigen Unterschiedes der deutschen Reichsverfassung von der französischen. Luthers „christliches Bewußtsein“ hat sich stets, und nicht ohne Erfolg, aufgelehnt, wenn dem Kaiser der ihm von Gott und Rechtswegen gebührende Gehorsam entzogen, oder durch Juristenfündlein geschmälert werden sollte; es hat sich aber auch mit gleicher Entschiedenheit geregt, sobald es darauf ankam, das unzweifelhafte Recht der Fürsten und Städte gegen kaiserliche Uebergriffe zu sichern. Luther war eben kein Mann des „modernen christlichen Staats,“ kein „Conservativer“ von heute; er war ein evangelischer Deutscher, der dem Kaiser vollständig gab, was ihm jure divino et humano gebührte, aber auch keinen Deut mehr. Halten wir das nur fest, so finden wir nichts „Revolutionäres“ in der Aeußerung: „Hier siehst du, wie der arme sterbliche Madensack, der Kaiser, der seines Lebens nicht einen Augenblick sicher ist, sich unverschämt rühmt, er sei der wahre oberste Beschirmer des christlichen Glaubens,“ — und noch weniger in der,
English translation AI translation
Lic. Ströbel's Account of the Lutheran Doctrine of Civil Authority, as Opposed to the Calvinist. 269
developed to such an extent that the territorial-princely and free-city authorities stood, in one respect, only beneath the emperor; in another, beside him; and in yet a third, even above him (for "the electors deposed the indolent and dissolute Wenceslas from the government and elected in his place, in the year 1400, the elector Rupert of the Palatinate," without anyone finding in this the least trace of revolutionary conduct; cf. p. 452 and elsewhere). Thus Luther, at the outset of his Reformation, found the existing imperial constitution of Germany already in place; he found territorial and free-city powers which were not officers of the emperor but estates of the empire. Was it possible for him, or even permissible, to judge them otherwise, to speak to them otherwise, than according to their actual legal and factual standing, by virtue of which they were subjects of the emperor not absolutely, but only in a qualified sense? Insofar as they were such subjects, he constantly exhorted them, with great earnestness and emphasis, to obedience toward the emperor as their God-ordained authority—insofar as they were not, he neither could, nor might, nor would make them into such; otherwise he would have had to abandon the doctrine to which he remained faithful his whole life long, which also guided him as a sure lodestar through the political storms stirred up by Carlstadt, Münzer, the Anabaptists, and other fanatics: namely, that Christ did not come to overturn the existing order of the kingdoms of this world. But would it not have been a total overthrow of the German constitution, had Luther made "Emperor and Empire" mean: the emperor is the empire? Herr v. P. therefore begins § 5 very unfortunately: "Even the German Reformation bears, though to a degree beyond comparison lesser, the tragic character which we have so painfully lamented in the French Reformation. It too, and its great master-builder and guardian, were driven by fatalistic necessity onto a path that contradicted their inner destiny and against which his Christian conscience rebelled." That is a grave misjudgment, both of the spirit of the evangelical Reformation and, further, of the enormous difference between the German imperial constitution and the French. Luther's "Christian conscience" always rebelled, and not without success, whenever the obedience due the emperor by God and by right was to be withheld from him, or diminished by legal chicanery; but it stirred with equal decisiveness whenever it was a matter of securing the undoubted right of the princes and cities against imperial encroachments. Luther was simply no man of the "modern Christian state," no "conservative" of today; he was an evangelical German who gave the emperor fully what was owed him jure divino et humano, but not one jot more. If we hold fast to this, we find nothing "revolutionary" in the utterance: "Here you see how the poor mortal bag of maggots, the emperor—who is not secure of his life for a single moment—shamelessly boasts that he is the true supreme defender of the Christian faith"—and still less in the,