Collection › Lehre und Wehre (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 10, Nummer 9 › Seite 261
Lehre und Wehre St. Louis, Missouri — September 1864, Seite 261
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Martin Chemnitz über den Wucher. 261
entweder aus Hochmuth, oder aus Ueppigkeit, oder aus
Geiz, um größeren Gewinn zu machen und unmäßigen
Reichthum zu sammeln, auf Wucher entlehnt, der kann
ohne Zweifel nicht ganz von Sünde freigesprochen
werden. Denn er bedient sich aus Geiz eines Con⸗
tracts, von dem er weiß, daß derselbe in der Schrift
verdammt sei. Er versucht auch Gott, weil er sich mit Willen jenen
Gefahren aussetzt, welche den Wucher begleiten, wie wenn jemand selbst mit
Willen sich eine Otter an den Leib hielte. Und wenn er jemanden durch
dringendes Anhalten überredet, der sonst nicht auf Wucher gegeben haben
würde, so macht er sich fremder Sünden theilhaftig.
V. Endlich sind noch die Gründe zu erwägen, mit welchen der Wucher
bemäntelt, entschuldigt, ja ganz gerechtfertigt zu werden pflegt. Ich will aber
die hauptsächlichsten der Ordnung nach anmerken.
1. Der Wucher wird in der Schrift deswegen verdammt, weil er wider
die Liebe streitet und mit Betrug und Ungerechtigkeit verbunden ist; ferner,
weil er den Nächsten beißt und beschwert. Wenn also Wucher vom Reichen
gefordert wird, ist es keine Sünde. Die Erklärung dieses Argumentes ist
oben in der Definition gegeben worden.
2. Die ausgleichende Gerechtigkeit besteht in Gleichheit. Wenn aber
jemand aus dem Gelde eines anderen große Frucht zieht und dem Gläubiger
nur das Capital zurückerstattet, so findet gewiß eine große Ungleichheit statt.
Denn der Schuldner hat einen außerordentlichen Gewinn erhalten, der
Gläubiger aber erleidet Verlust, denn er hätte selbst durch den Gebrauch
seines Geldes seinen Vortheil sich verschaffen können. Also kann Wucher mit
Gerechtigkeit ausgeübt werden. Antwort: Gott will, daß in der bürgerli⸗
chen Gesellschaft gewisse Dienstleistungen unentgeltliche seien, z. B. das Lei⸗
hen, und solche unentgeltliche Dienstleistungen heißt die Gerechtigkeit gewiß
nicht verkaufen. Wie aber mit dem dritten Stande der Menschen im Ge⸗
brauch des entlehnten Geldes Gleichheit innegehalten werden könne, nicht
durch Wucher, sondern auf andre rechtmäßige Art und Weise, ist oben gesagt
worden; da hole man die weitere Erklärung.
3. Den Zöllnern, die wegen ihres Handels fragten, antwortet der
Täufer: Fordert nicht mehr, denn gesetzt ist. Daß aber die Zöllner Wucher
getrieben haben, bezeugt Cicero in seiner Rede pro lege Manilia, Plutarch
im Lucullus ꝛc. Also läßt der Täufer mäßigen Wucher zu. Antwort: Es
ist gewiß, daß der Täufer nicht etwas gebilligt habe, was Moses, die Pro⸗
pheten und Christus selbst so oft und so entschieden und hart verdammt ha⸗
ben. Aber weil die Juden die Zöllner wegen der Kaufung der Abgaben
verdammten, die den Juden als einem freien Volke, von den Römern aufge⸗
legt wurden, so antwortet der Täufer auf jene Frage: Ob es Sünde sei, auf
Befehl der höchsten Obrigkeit von den Juden Abgaben zu fordern. Ferner:
Ob es erlaubt sei, jene Abgaben zu kaufen.
4. Bei den Korinthern, als welche sich in einer großen Handelsstadt
English translation AI translation
Martin Chemnitz on Usury. 261
either out of pride, or out of luxury, or out of covetousness, in order
to make greater gain and to gather immoderate riches, lends at usury,
cannot without doubt be entirely absolved of sin. For out of
covetousness he makes use of a contract which he knows to be condemned
in Scripture. He also tempts God, because he willingly exposes himself
to those dangers which accompany usury, just as if someone were
willingly to hold a viper to his own body. And if, by pressing
insistence, he persuades someone who would otherwise not have given at
usury, he makes himself a partaker of another's sins.
V. Finally, the grounds are also to be considered by which usury is
customarily cloaked, excused, indeed altogether justified. I will,
however, note the chief ones in order.
1. Usury is condemned in Scripture because it is contrary to love and
is bound up with fraud and injustice; further, because it bites and
burdens one's neighbor. If, then, usury is demanded from the rich man,
it is no sin. The explanation of this argument has been given above in
the definition.
2. Equalizing justice consists in equality. But if someone draws great
fruit from another's money and restores to the creditor only the
capital, then a great inequality certainly results. For the debtor has
received an extraordinary gain, while the creditor suffers loss, since
he himself could have procured advantage for himself through the use of
his money. Therefore usury can be practiced with justice. Answer: God
wills that in civil society certain services be rendered free of
charge, for example lending, and such gratuitous services justice
certainly does not call for selling. But how equality can be maintained
with the third estate of men in the use of borrowed money — not through
usury, but by another lawful manner and way — has been said above; let
the further explanation be sought there.
3. To the tax collectors, who asked concerning their business, the
Baptist answered: Demand no more than is appointed. But that the tax
collectors practiced usury is attested by Cicero in his oration pro
lege Manilia, and by Plutarch in his Lucullus, etc. So the Baptist
permits moderate usury. Answer: It is certain that the Baptist did not
approve of something which Moses, the prophets, and Christ himself so
often and so decisively and harshly condemned. But because the Jews
condemned the tax collectors on account of their purchasing of the
taxes which were imposed on the Jews, as a free people, by the Romans,
the Baptist answers that question thus: whether it is a sin, at the
command of the highest authority, to demand taxes from the Jews.
Further: whether it is permitted to purchase those tax contracts.
4. Among the Corinthians, as being those who found themselves in a
great commercial city