Collection › Lehre und Wehre (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 10, Nummer 9 › Seite 259
Lehre und Wehre St. Louis, Missouri — September 1864, Seite 259
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Martin Chemnitz über den Wucher. 259
statt habe: 1. Es geht nur Geschäft treibende Personen an.
Denn ohne Zweifel ist das ein Schaden, wenn der Lauf des Geschäftes ge⸗
hindert wird. 2. Der Gewinn muß thatsächlich oder gewissermaßen
thatsächlich entgehen. Denn obgleich einem Gläubiger gleich ein möglicher
Gewinn entgeht, so ist das doch kein Interesse entgehenden Gewinnes, weil
niemand das verliert, was er niemals hatte. Daher nannte man es einen
erwachsenden Schaden und einen entgehenden Gewinn (dammum emergens
et lucrum cessans), um einen thatsächlichen Schaden anzudeuten, nicht einen
solchen, der nur eintreten könne. 3. Wenn jemand in diesem Interesse
nicht dem Dürftigen leihet, oder sich zum Leihen anbietet, so
ist vorauszusetzen, daß er mit seinem Leihen mehr Gewinn ohne Arbeit und
Gefahr, als ein wahres Interesse, suche. 4. Ein solches Interesse darf nicht
von Gläubigern, sondern durch schiedsrichterlichen Ausspruch der Obrigkeit
oder gewissenhafter Männer abgeschätzt werden.
Man wirft auch die Frage auf: wenn ein Schuldner, welcher, ohne
vertragsmäßige Ausbedingung von etwas, ein unentgeltliches Anlehen
empfangen hat, durch fremdes Geld Gewinn gemacht hat und aus Dankbar⸗
keit freiwillig etwas über das Capital zurückzahlen wollte, ob er recht thue
und ob der Gläubiger dies mit gutem Gewissen nehmen könne. Was hier⸗
auf zu antworten sei, zeigt die Erwägung dessen, was zum Grunde gelegt
worden. Denn wie das Interesse in Rücksicht auf den Gläubiger beur⸗
theilt wird, so wird über die sogenannte Verbindlichkeit zur Wie⸗
dervergeltung in Rücksicht auf den Schuldner geurtheilt. Denn
wenn der Schuldner durch den Gebrauch des entlehnten
Geldes viel gewonnen hat oder irgend einem großen
Verluste entgangen ist, so ist er ohne Zweifel durch die
Pflicht der Dankbarkeit und durch die schuldige Gegen⸗
seitigkeit der Liebe zu Wiedervergeltung verbunden.
Denn mit Recht sagt man: In Betreff der Liebesdienste sind
wir an erster Stelle denen verpflichtet, von denen wir
Wohlthaten empfangen haben. Auch sündigt der Gläubiger
nicht, welcher das Angebotene annimmt, weil Dienstleistungen der Dankbar⸗
keit und Wucher verschiedene Dinge sind. Aber hier wird leicht eine Be⸗
schönigung des Wuchers gesucht mit dem, was man deutsch „Trankgeld“
nennt. Denn wenn ein Vertrag oder die Absicht voraus⸗
geht, so daß man sonst nicht geliehen haben würde,
wenn man nicht etwas über das Capital als Dankge⸗
schenk hätte empfangen sollen, so ist das wahrhaftig
Wucher, wie man es auch nennen mag.
Schon seit langen Zeiten disputirt man auch über den Seeüber⸗
fahrts⸗ oder Schiffer-Wucher, wenn nehmlich der Gläubiger
wider die Natur des Leihens die Gefahr des Capitals auf sich nimmt.
Die Gesetze sagen, daß die Assecuration der Gefahr für Geld angesehen
werden könne. Ferner: Wo Gefahr ist, da soll auch Gewinn entgegengesetzt
English translation AI translation
Martin Chemnitz on Usury. 259
should take place: 1. It concerns only persons carrying on business. For
without doubt it is a loss when the course of business is hindered. 2.
The gain must actually, or in some real sense actually, be lost. For
although a possible gain is likewise lost to a creditor, that is still
not an interest of gain foregone, because no one loses what he never
had. Hence one called it an emerging loss and a ceasing gain (dammum
emergens et lucrum cessans), to indicate an actual loss, not one that
could merely occur. 3. If someone, under cover of this interest, does
not lend to the needy, or offers himself for lending, it is to be
presumed that by his lending he seeks more gain without labor and risk
than a true interest. 4. Such an interest may not be assessed by
creditors, but by the arbitral judgment of the authorities or of
conscientious men.
The question is also raised: if a debtor, who, without any contractual
stipulation of anything, has received a loan free of charge, has made a
gain by means of another's money, and out of gratitude wished
voluntarily to repay something above the capital, whether he does right,
and whether the creditor may accept this with a good conscience. What is
to be answered here is shown by considering what has been laid down as
the foundation. For just as interest is judged with respect to the
creditor, so the so-called obligation of requital is judged with respect
to the debtor. For if the debtor has gained much through the use of the
borrowed money, or has escaped some great loss, he is without doubt
bound to requital by the duty of gratitude and by the owed mutuality of
love. For it is rightly said: In respect of services of love we are
obligated in the first place to those from whom we have received
benefits. Nor does the creditor sin who accepts what is offered, because
services of gratitude and usury are different things. But here a
glossing-over of usury is easily sought under what is called in German
"Trinkgeld" (a gratuity). For if a contract or the intention precedes,
such that one would otherwise not have lent unless one were to receive
something above the capital as a gift of thanks, then that is truly
usury, whatever one may call it.
For a long time there has also been dispute concerning sea-passage or
skipper's usury, namely when the creditor, contrary to the nature of
lending, takes upon himself the risk of the capital. The laws say that
the insuring of risk may be regarded as done for money. Further: where
there is risk, there gain also ought to be set against it