Collection › Lehre und Wehre (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 8, Nummer 12 › Seite 370

Lehre und Wehre St. Louis, Missouri — December 1862, Seite 370

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370 Ist die Lehre oder das Leben wichtiger für das Bestehen und Heil der Kirche?

Concil beharrlich die Reinigung der Lehre nach Gottes Wort verweigert, dafür
aber, ganz wie auch die moderne Ansicht fordert, allein eine Reinigung des
Lebens und der Praxis auf Grund der vom Irrthum durchsäuerten papistischen
Lehre vorgenommen. Was hat nun diese Richtung kirchlicher Thätigkeit
für einen Erfolg gehabt? — Daß jetzt noch der Theil der Christenheit,
der das Tridentinum anerkennt, so viel an der unter demselben herrschenden
römischen Kirche liegt, des Trostes der Versöhnung durch das Blut Christi
verlustig geht und in dem Götzendienst der todten Werke gefangen liegt. Sollte
man angesichts dieser schrecklichen Thatsache es für möglich halten, daß in der
Mitte der lutherischen Kirche, die im vollen Segen der gereinigten Lehre steht,
die Forderung erhoben werde, man solle das hell leuchtende Beispiel der Reformatoren
aus den Augen setzen und es dem Tridentinischen Concil nachthun?
Gott wolle in Gnaden dreinsehn! — Auch aus der Geschichte unserer
eigenen Kirche haben wir am Pietismus ein Beispiel, was das Erheben
des Lebens über die Lehre für Folgen hat. Wohl hat es auf einzelne Kreise
innerhalb der lutherischen Kirche einen segensreichen Einfluß gehabt, daß
Spener, Franke und ihre Genossen denen gegenüber, die bei bloß äußerlicher
Werthschätzung der reinen Lehre vielfach des innern Glaubenslebens verlustig
gegangen waren, mit solcher Entschiedenheit auf Buße und Glauben bei den
Einzelnen drangen: aber darin haben sie es versehen, daß sie nicht mit gleicher
Entschiedenheit über die reine Lehre gewacht haben, sondern, als Vorläufer
der modernen Christen, dieselbe für mehr oder minder gleichgiltig und den
Streit um dieselbe für verwerflich erklärt haben. Dies hat alsbald zur Folge
gehabt, daß erst scheinbar geringe, dann immer gröbere Irrthümer in den
von ihnen beeinflußten Kreisen einrissen, und so dem Rationalismus die
Bahn gebrochen wurde, der sich endlich zu Halle mit dem Pietismus zu einem
Strome vereinigte. So hat wohl der Pietismus für Einzelne einen Werth
gehabt, für das Ganze der Kirche aber ist er theils ohne rechte Wirkung geblieben,
theils hat er zu ihrem Verderben gereicht, und zwar weil er gegen
die Schrift und gegen das Vorbild der Reformation nicht vor allem die reine
Lehre hoch hielt. —

Wie aber der Pietismus in seiner Gleichgiltigkeit hinsichtlich der Lehre
immer mehr von dem zu seiner Zeit herrschenden Deismus beeinflußt und
endlich von demselben verschlungen ward, so daß der deistische Rationalismus
an seine Stelle trat, so läßt auch die moderne Theologie, die Tochter des
Pietismus, die in unserer Zeit herrschende Form des Unglaubens, den Pantheismus,
auf sich einwirken, wovon alle derselben eigenthümliche Ansichten
Zeugniß ablegen, und wird endlich auch dem Pantheismus völlig in die Arme
fallen, so daß eine gräuliche Lehre aufkommen wird, wie es schon am Tage
ist. Die reine Lehre aber, das lautere Evangelium Christi, wird durch die
starke Hand des allmächtigen Sohnes Gottes alle menschlichen Systeme und
Richtungen überdauern und bleiben bis an's Ende der Tage. Denn Gottes
Wort bleibet in Ewigkeit.

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370 Is Doctrine or Life More Important for the Well-Being and Salvation of the Church?

Council, obstinately refused the purification of doctrine according to
God's Word, but instead, quite as the modern view also demands,
undertook only a purification of life and of practice on the basis of a
popish doctrine leavened through with error. What success, now, has this
direction of churchly activity had? — That even now the portion of
Christendom that acknowledges the Tridentine Council, so far as it lies
under the rule of the Roman Church there prevailing, forfeits the comfort
of reconciliation through the blood of Christ and lies captive in the
idolatry of dead works. Considering this dreadful fact, should one think it
possible that, in the midst of the Lutheran Church, which stands in the
full blessing of purified doctrine, the demand should be raised that one
should put the bright, shining example of the Reformers out of sight and
imitate the Tridentine Council? God grant, in his grace, to look upon it! —
From the history of our own Church, too, we have in Pietism an example
of what consequences the exaltation of life above doctrine has. To be
sure, it had a beneficial influence on individual circles within the
Lutheran Church, in that Spener, Francke, and their associates pressed
with such decisiveness for repentance and faith among individuals, over
against those who, through a merely external esteem for pure doctrine,
had in many cases forfeited their inner life of faith; but in this they erred,
that they did not watch over pure doctrine with equal decisiveness, but
rather, as forerunners of modern Christians, declared it to be more or less
a matter of indifference and the strife over it reprehensible. This soon had
the consequence that errors which at first seemed slight, and then grew
ever grosser, broke in upon the circles they influenced, and thus the way
was broken open for Rationalism, which at last, at Halle, united with
Pietism into a single stream. So Pietism may well have had a value for
individuals, but for the Church as a whole it has, in part, remained
without any right effect, and in part has redounded to its ruin — precisely
because, against Scripture and against the example of the Reformation, it
did not, before all else, hold pure doctrine in high esteem. —

But just as Pietism, in its indifference regarding doctrine, was
increasingly influenced by the Deism that ruled in its day, and was at last
swallowed up by it, so that deistic Rationalism took its place, so too does
modern theology — the daughter of Pietism — let itself be worked upon by
Pantheism, the form of unbelief that prevails in our own time, of which
all its own peculiar views bear witness, and it will at last fall completely
into the arms of Pantheism as well, so that a horrible doctrine will arise,
as is already evident today. Pure doctrine, however — the unadulterated
Gospel of Christ — will, through the strong hand of the almighty Son of
God, outlast all human systems and tendencies and remain until the end
of days. For the Word of God abides forever.