Collection › Lehre und Wehre (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 8, Nummer 12 › Seite 366
Lehre und Wehre St. Louis, Missouri — December 1862, Seite 366
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366 Ist die Lehre oder das Leben wichtiger für das Bestehen und Heil der Kirche?
christianismus, wovon „Christenthum“ die Uebersetzung ist, eine Lehre, und
wiewohl solche Ausdrücke das von der betreffenden Lehre geforderte und durch
dieselbe gezeugte Leben per metonymiam mitumfassen können, so können sie
doch nie das Leben mit Ausschluß der Lehre und im Gegensatz zu derselben
bezeichnen, wie dies in den Sätzen von Kahnis geschieht.
Noch mehr aber muß bei der Erklärung, daß das Christenthum nicht
Lehre, sondern Leben sei, daß also die Kirche ihr Hauptstreben nicht auf die
Lehre, sondern auf das Leben zu richten habe, einem jeden Lutheraner der
schroffe Widerspruch auffallen, in welchem dieselbe mit der Ueberzeugung
Luther's und dem Ziele der ganzen deutschen Reformation steht. Denn
diese hat eben nicht zunächst ihr Hauptstreben auf das Leben, sondern auf die
Lehre gerichtet: nicht auf die Reinigung des Lebens in der Kirche, sondern
auf die Reinigung der Lehre der Kirche ist sie zunächst und vor allem ausgegangen,
in der festen Gewißheit, daß, wo nur die Lehre rein sei, auch das
rechte Leben von selbst folgen werde. So spricht sich Luther selbst aus, zu
Gal. 5, 10., Altenb. VI. S. 836: „Darum muß man, wie ich oft und
viel zu vermahnen pflege, die Lehre fleißig vom Leben scheiden.
Die Lehre ist der Himmel, das Leben die Erde: im Leben ist Sünde, Irrthum,
Uneinigkeit, eitel Mühe und Arbeit, da soll die Liebe überhören und
übersehen, soll sich leiden, da soll die Vergebung der Sünden regieren und
walten, so ferne doch, daß man solchen Irrthum und Sünde nicht vertheidigen
wolle; aber mit der Lehre ist's viel ein ander Ding, denn sie ist heilig, rein,
lauter, himmlisch, göttlich. Wer die ändern oder fälschen will, gegen den ist
weder Liebe noch Barmherzigkeit zu beweisen; darum bedarf sie auch keiner
Vergebung der Sünden. Darum taugts gar nicht, daß man Lehre und
Leben mit einander vergleichen will: denn an einem Buchstaben, ja an einem
einigen Titul der Schrift ist mehr und größer gelegen, denn an Himmel und
Erden, darum können wir's nicht leiden, daß man sie auch nur im allergeringsten
verrücken wollt. Was aber betrifft die Gebrechen und Fehl am Leben,
da können wir wohl zu gut halten und übersehen; denn wir sind auch arme
Menschen, so täglich straucheln und sündigen, ja alle lieben Heiligen bekennen
mit großem Ernst im Vaterunser, daß sie Sünder sein und glauben Vergebung
der Sünde. Aber unsere Lehre ist von Gottes Gnaden rein, so ist kein
Artikel unsers Glaubens, deß wir nicht guten beständigen Grund in der
heiligen Schrift haben: dieselben wollt uns der Teufel gern besudeln und
verkehren. Darum greift er uns so tückisch an mit diesem Argument, das er
uns durch die Rotten schuld gibt, wir halten nicht Friede, sondern sind zänkisch
und zerreißen die Einigkeit und Liebe in der Kirche oder Christenheit.“
Luther bekennt also mit der größten Entschiedenheit, daß die Lehre höher und
wichtiger sei, als das Leben, und sagt ausdrücklich, daß die Erhebung des
Lebens über die Lehre nicht aus dem heiligen Geist, sondern vom Teufel
komme. Ist nun der Grundsatz Luthers falsch, dann ist seine ganze Wirksamkeit,
dann ist die ganze lutherische Reformation, die vor allem auf Reinheit
der Lehre ausging, nicht bloß ohne Werth, sondern sogar höchst verderblich
English translation AI translation
366 Is Doctrine or Life More Important for the Well-Being and Salvation of the Church?
-ianismus, of which "Christenthum" [Christianity] is the translation, denote
a doctrine, and although such expressions can, by metonymy, also
comprehend the life demanded by and begotten of the doctrine in
question, they can nevertheless never denote life to the exclusion of
doctrine and in opposition to it, as happens in the propositions of Kahnis.
Still more, however, every Lutheran must be struck by the harsh
contradiction, in the assertion that Christianity is not doctrine but life, that
the Church's chief endeavor must therefore be directed not at doctrine
but at life, in which that assertion stands to the conviction of Luther and
to the goal of the whole German Reformation. For the Reformation did
not, in fact, direct its chief endeavor first of all at life, but at doctrine: it
proceeded first and above all not toward the purification of life in the
Church, but toward the purification of the Church's doctrine, in the firm
certainty that, where doctrine alone is pure, right life too will follow of
itself. So Luther himself declares, on Galatians 5:10, Altenburg edition,
vol. VI, p. 836: "Therefore one must, as I am accustomed often and much
to admonish, diligently separate doctrine from life. Doctrine is heaven, life
is earth: in life there is sin, error, discord, sheer toil and labor; there love
is to overhear and overlook, is to suffer, there the forgiveness of sins is to
govern and rule — so far, however, that one is not to defend such error and
sin; but with doctrine it is a wholly different matter, for it is holy, pure,
unmixed, heavenly, divine. Whoever would alter or falsify it, toward him
neither love nor mercy is to be shown; therefore it needs no forgiveness of
sins either. Therefore it will not do at all to want to compare doctrine and
life with one another: for in a single letter, indeed in a single title of
Scripture, more and greater weight lies than in heaven and earth; therefore
we cannot suffer that anyone should shift it even in the very least. But as
for the defects and faults in life, there we may well be indulgent and
overlook them; for we too are poor human beings who daily stumble and
sin, indeed all the dear saints confess with great earnestness in the Lord's
Prayer that they are sinners and believe in the forgiveness of sin. But our
doctrine is, by God's grace, pure, so that there is no article of our faith for
which we do not have good, firm ground in Holy Scripture: these the devil
would gladly defile and pervert for us. Therefore he attacks us so
maliciously with this argument, which he lays on us through the sectarians'
blame, that we do not keep peace but are quarrelsome and tear apart unity
and love in the Church or in Christendom." Luther thus confesses, with
the utmost decisiveness, that doctrine is higher and more important than
life, and says expressly that the exaltation of life above doctrine comes not
from the Holy Spirit but from the devil. If now Luther's principle is false,
then his whole work, then the whole Lutheran Reformation — which
aimed above all at the purity of doctrine — is not merely without worth,
but even in the highest degree ruinous