Collection › Lehre und Wehre (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 7, Nummer 11 › Seite 338

Lehre und Wehre St. Louis, Missouri — November 1861, Seite 338

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338 Referat vom Gesetz.

letzten, wenn der Mensch sein selbst rechte Liebe hätte, so bedürfte er
jetzt der Gnade Gottes nicht. Denn eben dieselbige Liebe, wenn sie recht ist,
so liebet sie sich und den Nächsten; denn das Gesetz auch will keine andere
Liebe haben, denn eben die. Aber wie gesagt, das Gesetz setzet schon zuvor,
daß der Mensch sich lieb hat; und Christus, da er spricht Matth. 7, 12.:
Alles, das ihr wollet, das euch die Menschen thun sollen, zeiget er klärlich an,
daß jetzt schon in ihnen ist der Wille und Liebe sein selbst, und gebeut hier
gar nichts nicht; wie du denn selbst siehest. Darum deucht mich, nach mei⸗
nem Verstande, daß das Gesetz rede von der verkehrten Liebe, mit der
ein jeder seines Nächsten vergisset und allein die Dinge suchet, die
ihm nützlich und förderlich sind; welche Liebe alsdenn „„recht geordnet““
wird, wenn einer sein selbst vergisset und dem Nächsten allein
dienet. Das zeigen auch an die Glieder des Leibes, unter welchen
ein jedes dem andern dienet, auch mit Gefährlichkeit. Sintemal die Hand
ficht für das Haupt und nimmt die Verletzung an; die Füße gehen in den
Dreck und Koth und Wasser, darum, daß sie den ganzen Leib erlösen. Es
wird aber auch ganz gefährlich die Neigung und der Affect des eigenen
Nutzens ernährt unter dieser Ordnung der Liebe, welche doch Christus mit
dem Gebot hat wollen gar niederlegen. Derohalben ich einen jeden
vermahnet will haben, daß er sich hüte vor solchen heid⸗
nischen Lehren und Sprüchen; Proximus esto tibi, das
ist, du sollst dir (selbst der) Nächste sein; und: Ein jeder
für sich selbst, Gott für alle; und dergleichen; denn sie sind falsch
und verkehrt, wie das Gebot anzeiget.“ (S. Luthers Werke, Walchs Ausg.
IX, 297—305.)

So schreibt Luther ferner in seiner ausführlicheren Auslegung des Brie⸗
fes an die Galater vom Jahre 1535: „Darum fehlen die Leute über die
Maaßen weit, so da meinen, sie verstehen solch Gebot sehr wohl: Liebe dei⸗
nen Nächsten als dich selbst. Wahr ist es, daß uns allen ins Herz gebildet
ist und wir von Natur wissen, daß ein jeder seinem Nächsten thun soll, was
er von ihm gethan will haben. Es folget aber darum nicht, daß wir es recht
verstehen; sonst würden wir es auch mit der That beweisen und die Liebe
allen andern Werken vorziehen. Weil aber die Werkheiligen so hoch und
groß halten von den Gaukelwerken, so sie selbst erwählt haben, ohne, ja wider
Gottes Befehl, als da sind, sauer sehen, den Kopf hängen, ehelos leben, Was⸗
ser und Brod essen, in der Wüsten wohnen, graue Röcke tragen, und derglei⸗
chen: ist es eine gewisse Anzeigung, daß sie die Liebe, so doch die Sonne ist
unter allen Werken, geringe, ja für lauter nichts halten. So ein unbegreif⸗
lich und unmäßig Ding ist es mit der Blindheit der menschlichen Vernunft,
daß sie nicht allein von der Lehre des Glaubens, sondern auch von den
Werken, so Gott geboten und Gefallen daran hat, nichts rechts verstehen
noch urtheilen kann... Willst du denn nun wissen, wie du deinen Nächsten
lieben sollst, und deß ein klar und gewiß Exempel haben, so bedenke mit
Fleiß, wie lieb du dich selbst hast; so wirst du gewiß befinden, daß du

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338 Report on the Law.

end, if man had of himself the right love, he would now have no need of
the grace of God. For this same love, when it is right, loves both itself
and the neighbor; for the law, too, wants no other love than exactly this
one. But as has been said, the law already presupposes that man loves
himself; and Christ, when he says, Matt. 7:12, "All that ye would that men
should do to you," shows clearly that the will and love of self is already
present in them, and commands nothing at all in that regard — as you
yourself see. Therefore it seems to me, as I understand it, that the law
speaks of the perverted love with which a man forgets his neighbor and
seeks only the things useful and advantageous to himself; whereas that
love is only "rightly ordered" when a man forgets himself and serves his
neighbor alone. This is also shown by the members of the body, among which
each serves the other, even at its own peril: the hand fights for the head
and takes the blow upon itself; the feet go into filth and mud and water,
because they thereby save the whole body. But under this order of love —
which Christ, by this commandment, wanted altogether to lay to rest — the
inclination and affection toward one's own advantage are also very
dangerously nourished. I therefore wish everyone admonished to guard
himself against such heathen teachings and sayings as: Proximus esto tibi,
that is, you shall be your own nearest neighbor; and: Every man for
himself, God for all; and the like — for they are false and perverse, as
the commandment shows." (See Luther's Works, Walch ed. IX, 297–305.)

So Luther writes further, in his fuller exposition of the Letter to the
Galatians of the year 1535: "Therefore people go very far astray who
think they understand this commandment very well: Love thy neighbor as
thyself. It is true that it is imprinted on the hearts of us all, and we
know by nature that everyone ought to do to his neighbor what he would
have done to himself. But it does not follow from this that we understand
it rightly; otherwise we would prove it also by deed, and would prefer
love above all other works. But since the work-righteous think so highly
and greatly of the sham works they have themselves chosen, apart from —
indeed against — God's command, such as looking sour, hanging the head,
living unmarried, eating bread and water, dwelling in the wilderness,
wearing gray habits, and the like, it is a sure sign that they hold love
— which is nevertheless the sun among all works — cheap, indeed as nothing
at all. So incomprehensible and immoderate a thing is the blindness of
human reason, that it can rightly understand or judge neither the
teaching of faith nor even the works that God has commanded and takes
pleasure in... Do you, then, want to know how you should love your
neighbor, and have a clear and certain example of it? Then consider
carefully how dearly you love yourself; you will surely find that you