Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 9, Nummer 26 › Seite 200
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1853-07-19, Seite 200
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aus.
zu Hauſe iſt, orientire ſich lieber nach des un—
übertroffenen Chemnitz Anleitung ſelbſt, beſon⸗
ers p. 116. sqq., ſowie nach deſſelben aus⸗
gezeichneten examen concil. Trident. hin und
wieder. Es iſt ein ungewiſſes Schwanken in
Grabau's Verſtand am Evangelio nicht zu ver⸗
kennen, wenn man ſeine Worte im zweiten
Synodalbrief, Seite 25. unten, lieſt: „Wie
nun der Glaube an die reine Lehre und Sa⸗
crament, ſo iſt Gottes Reich an die wahre
ſichtbare Kirche verbunden. Undaller
wahrer lebendiger Glaube, der
durch's Wort in den Herzen der
Menſchen auf Erden iſt, gehört
in die ſicht bare lutheriſche
Kirche“ ꝛc. ce. Woher hat doch der Mann
ſeine theologiſche Wiſſenſchaft geholt? Er hat
zwar viel gepredigt in ſeinem Leben und gewiß⸗
wenigſtens in frühern Perioden, trefflich und
mit großem Segen; aber die lutheriſche Dogma—
tik ſcheint er nicht gründlich ſtudirt zu haben;
alle reinen Lehrer mit den ſomboliſchen Büchern
beſtimmen genauer. — Das Sichtbare iſt nur
die Erſcheinung des Unſichtbaren als des eigent—
lichen Weſens; im Gebraͤuch der Gnadenmittel
erſcheint diet Kirche; auf der Wahrheit ſelbſt, auf
dem feſten, tiefen Grunde aller Wirklichkeit ihr
Gebäude errichtend, liegt ſie doch und er der Decke
der Erſcheinung und führt ſich aus in der Welt,
welche für ſie die nur vorübergehende Exiſtenz
eines zu verbrauchenden Materials hat. Da—
ber die auswendige Seite der Kirche ſo wenig
ihrer inwendigen (Apol. p. 148.) entſpricht;
daher, obſchon die ſichtbare Kirche mit reinem
Wort u. Sakramenten eine manifeſtirende Wir—
kung der unſichtbaren iſt, denn durch das Be—
kenntuiß der erſtern redet der Gkaube der letz—
teru, ſie doch nur iſt partikukar, inſofern die
aͤußere Thätigkeit und Geſtaltung bald mehr,
bald weniger im Lauf der Jahrhunderte hervor—
tritt und in der Geſchichte gar verſchiedentlich
ſich ausprägt, dem Inhalte nach zwar ewig das
Eine in ſich faſſend, in ſeiner Form aber den
Beſtimmungen der Jeit und des Orts und den
Schranken des Erdenlebens unterworfen, und
vorwärts ſchreitend in der Entwicklung des un—
wandelbaren Erkenntnißgrundes, wie der erſte
Blick auf die Symbole kehrt, weil ſolches Alles
zur Erſcheinung gehört. Der Begriff der wah—
ren ſichtbaren Kirche deckt nicht völlig den der
unſichtbaren, wie Grabau anzunehmen n. wo⸗
rin die Quelle und der Sitz ſeiner Irrwege ver—
borgen zu kiegen ſcheint; ſondern am Wort und
Sakrament überhaupt in dem ganzen ſichtbaren
Bereich aller Ehriſtenpartheirn iſt das ſonſt ver⸗
borgene, unſichtbare Daſein der heiligen Kirche
Jeſu zu erkennen, ſie thut ſich darin durch die⸗
ſelben kund, aber vorzugsweiſe in der äußeren
Geuꝛeinſchaft eines rechtgläubigen Bekennkniſſes,
denn durch ſolches ſpricht allein und ausſchließ—
lich die Gemeinde der Heiligen ihren Glauben
JO. Gerhardi I. e. V. p. 321 sq.
Ejusd. conf. cath. p. 728. sq. Quenstedtit
Yst. theol. IV. p. 504. Durch das Be⸗
lenntniß falſcher ſichtbarer Kirchen, inſoweit es
tbeu korrumpirt iſt, redet ſreilich Nichts als
8 —15—
Menſchliches (oder Teufliſches), ja irgendwel⸗
che Ketzerei und Satansſchule; aber wegen der
geiſtigen Macht der unſichtbaren allgemeinen
Kirche, die über den ganzen Erdkreis, alſo auch
unter dieſen zerſtreuet und das Salz in ihnen
iſt, kann das Wort nur verfälſcht, die Lehre
durch unreinen Beiſatz, freilich oft jämmerlich,
getrübt und entſtellt werden, unter ihren ſicht—
baren Haufen find Glieder des Leibes Chriſti
verborgen, deren Vorhandenſein eben an dem
darin noch übrig gebliebenen reinen Wort und
Sakrament offenbar wird. Erſt wenn dieſe und
mit ihnen alle wahrhafte Annahme göttlichen
Wortes erſtirbt, wird der ſichtbare Haufe ſolcher
falſchen Kirchen nach und nach von aller Ber—
binrung und Zuſammenhaͤng mit der allgemei—
nen Kirche im urſprünglichen Sinn, die wir
nicht ſehen, ſondern glauben, losgeriſſen. S.
Ernesti Gerhardi (des Sohnes jenes großen
Jo. Gerh.) confess. Augustan. enucl. p. 126
sqd. So lange der öffentliche Glaube ſolcher
falſchen Kirchen zu dem Weſen wenigſtens des
erſten, grundlegenden Sakraments, der heiligen
Taufe, ſich bekennt, behaupten ſie auch noch Et—
was ovon dem ökumeniſchen Charakter, und i h-
re Sakramentshandlungen ſind
daher gültig.
Gottes Reich, das inwendig iſt, iſt an die
ſichtbare Geſammtheit der durch die Gnadenmit—
tel Berufenen verbunden. Jo. Gerhardi conk.
cath. p. 717. ed. Francofurt. Aller wahre
lebendige Glaube, der durch's Wort in den Her⸗
zen der Menſchen auf Erden iſt, gehört in d. h.
findet ſich innerhalb des ganzen Umkreiſes
der ſich in ſichtbare wahre und falſche Partiku⸗
larkirchen ſpaltenden allgemeinen ſichtbaren Kir—
ſche, welche, inſofern das, was den in ihr, ob—
ſchon nicht von derſelben feienden Böſen und
namentlich den in den falſchen Gemeinden prä⸗
valirenden Rotten mit Recht abgeſprochen wird,
doch den durch anklebenden Irrthum noch nicht
um Glauben und Seligkeit gebrachten Auser⸗
wählten zukommt, inſoweit ſie ſelbſt darum von
Wort und Sakrament noch nicht gefallen iſt,
ſpnekdochiſch die katholiſche heißen kann,
während die ſichtbare wahre Partikularkirche
metonymiſch ſolchen Namen führt. Man ſehe
Apolog. ed. Rechenberg. p. 141. J. Gerh.
locc.th. p. 334 sqq. 245 sqd. Ejusd. annott-
in Timoth. II, 2, 20. BRaieri I. c. p. 757.
767 sꝗ 770— Cunr. Dieterici institutt. cat.
p. 472 sq. (Athanasii opp. ed. Paris.
1698. tom. I. p. 779.) und halte dagegen
des berühmten Biſchofs von Meaur, Boſſuet
coll. c. Jo. Claud. de ecel. Alle reine Lehre,
die irgendwo auf Erden erſchallt, gehoͤrt aller⸗
dings nur in die ſichebare waͤhre Kirche, denn
dieſer Ausdruck bedeutet gar nichts Anderes;
wicht ſind die Meuſchen alle, wel⸗
chen Wort u. Sakramente rein ge⸗
geben ſind, die ſichtbare wahre Kir⸗
che, ſonſt wäre die Kirche nicht bloß
ſichtbar, fondern die eimzelnen Glie⸗
der der Kirche als Gliederz vielmehr
ſind reine Lehre und Sakramente die untrügli⸗
hen Kennzeichen, dadurch die Kirche im eigent⸗
ichen Sinn des Worts als Kirche der Wahr—
beit Chriſti ſichtbar wird d. h. ſich kund thut
und erkennbar iſt. Jo. Gerh. I. e. conk. cath.
p. 717. §. 10. Die Glieder der unſichtbaren
Kirche ſind die lebendigen wahren Glieder der
letztern; die todten Glieder derſelben ſind gar
keine Glieder der unſichtbaren, und eben als
todte auch dem ſichtbaren Leibe als ſolchem nicht
mehr gehörig (obſchön ſie von der äußeren Ge—
meinſchaft des Wortes und der Sakramente noch
nicht geſondert werden können, es ſei denn, daß
der Bann im recht en Gebrauche die offenbar ge—
wordenen abſch nitte,), wie die Spreu kein Theil
des Weizen⸗Haufens, das Unkraut kein Theil!
des Weizenackers iſt, ſondern nur ein Theil des
ganzen Haufens, da Weizen unter der Spreu
vermengt liegt, ein Theil des Ackers, ſofern der—
ſelbe ein aus Weizen und Unkraut beſtehendes
Ganze iſt. Quenstecdtii syst. th. IV. p. 488.
492. Aber die ſeligwerdenden d. h. wahrhaft
gläubigen Seelen, obwohl ſie im prägnauten
Sinne in die ſichtbare wahre Kirche gehören
und an dieſelbe verbunden ſind, befinden ſich
doch nicht alle in derſelben, auch nicht allemal
in falſchen ſichtbaren Gemeinſchaften als mit
dem Bekenntniß derſelben nicht einig, ſondern
mitten unter den Verſammlungen der letztern,
durch irgend welches ungekannte Hinderniß da⸗
rin aufgehalten, bis die Decke von ihren Augen
ſchwindet, oder ſie, bereits zur ewigen Herrlich—
keit zubereitet, durch einen ſeligen Tod errettet
werden, da alles Unvollkommene aufhört. Nur
eine ungeachtet helleren Lichtes der
Erkeuntniß wider das Gewiſſen in
denſelben verharrende Seele kann,
wie die geiſtlich todte überhaupt, zu der wahren
Kirche nicht gehören. Jene aber glauben von
Herzen an ihren Seligmacher und lieben und
folgen ihm; allein im Bezug auf die Unterſchei—
dung der Lehre ihrer Kirche von der reinen ſind
ſie unklar und fchwach, wie denn die Jünger
des Herrn Jeſu ſelbſt im Evangelio bei aller
frommen Redlichkeit vor ſeiner Auferſtehung oft
ſo irrigen und mangelhaften Verſtändniſſes wa⸗
ren, und unter den Samaritern Etliche gläubi⸗
gen, dankbaren Sinnes ſich befanden. (Hier
iſt, wie nicht zu leugnen, ein eigentlicher fauler
Fleck der Sichtbarkritslehre Graͤbau's, die als⸗
eine falſche und unreine ſolche nach ſich ziehen
muß. Ganz ähnlich, wie er hin und wieder,
reden feine papiſtiſche hinſichtlich ihrer Kirchen⸗
gemeinſchaft, obgleich ſie de anima und de cor-
pore unterſcheiden, und einige verlegene hyper⸗
orthodore Thevlogen unſeres Theils.. Wenn
jene verborgenen rechtſchaffenen Seelen in den
Schriften unſerer Väter „Lutheraner“ genannt
werden, ſo zählen ſie ſie nicht damit zur luthe—
riſchen ſichtbaren Kircht, denn das iſt nicht mög⸗
lich und wäre Unſinn, ſondern, man ſehe nach,
zu dem unſichtbaren großen Kirchenleibe, deſſen
Glaube und Bekenntniß dem weſentlichen In⸗
halte nach ganz und gar das lutheriſche iſt.
Nach Grabau muß wirklich der Begriff der un⸗
ſichtbaren in dem der ſichtbaren wahren Kirche
völlig anfgehn, vgl. Informatorium Ihrg. 1.
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