Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 9, Nummer 26 › Seite 202
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1853-07-19, Seite 202
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— — —.
(Eingeſandt von Paſtor Fürbringer in Freiſtatt und Kirchbain, Wisc.,
Geſchichtlich⸗theologiſcher Beitrag
zu vollſtändigerer Beurtheilung
der Streitigkeiten zwiſchen den
Grabauianern und den ſogenann⸗
ten Miſſourienn.
(Fortſetzung.)
Zufälliger Weiſe, per accidens, wird die Er⸗
ſcheinung der heiligen Kirche Jeſu Chriſti, (die
ihrem Weſen nach, eigentlich zu reden, per essen-
tiam, Hutter compend. p. 412, nur Eine iſt,)
weil ſie auf Erden, durch den Satan mit der
Welt verflochten, und daraus entſtehen denn die
verſchiedenen, mehr oder weniger reinen Theil—
kirchen, gleich den dort unverhüllten, hier durch
Wolke und finſtere Nebel getrübten, mannigfal⸗
tigen Strahlen eines Lichts, d. i. mit einzelnen
abgeſchloſſenen Bekenntniſſen, von denen aber et—
liche unter des göttlichen Geiſtes Walten den
Glauben, welcher den Heiligen einmal beigelegt
iſt, und die Stellung des Lehrbegriffs gegen ent—
ſtandene Häreſien im Lauf der Zeiten zu immer
klarerer und tieferer Erkenntniß der Kirche im
Ganzen durch den Streit der Gegenſätze in der
Welt hiedurch ausſprechen impressa exprimunt,
wie die lutheriſchen Dogmatiker ſagen.“ Das
Unſichtbare kann nicht anders als durch das
Sichtbare ſtets ſich äußern, Apol. p. 148; nur
ſoweit hat das letztere Wahrheit, Heil und Le—
ben, ſoweit es theilhaftig iſt des erſtern. Der
Begriff des Sichtbaren umfaßt allein und aus—
ſchließlich die Mittheilung der Gnadenmittel,
bald von Flecken freier, bald nicht, ja ganz ent⸗
ſtellt, deſſenungeachtet Kennzeichen der Kirche
simpliciter et absolute loquendo, wie die Dog—
matiker ſprechen, J. Gerh. loco. th. V. p. 321
sq. Die wahre ſichtbare Kirche iſt vermöge ih—
res ſchriftgemäßen Bekenntniſſes die Vertretung
der Gemeinde der Wiedergeborenen; ſie iſt der
Typus jener himmliſchen Gottesſtadt, wo Gott
abwiſchen wird alle Thränen von unſern Augen;
aber die bereits dort eingebürgerte Braut des
Herrn, welche unter ſchweren Kämpfen hier zu
dieſem herrlichen Ziele eilt, der alle die Verhei—
ßungen der Schrift gelten, wird auch geboren in
den weiter liegenden Kreiſen des ooetus vocato⸗
rum, welche als Gemeinſchaften Berufener An⸗
nahme der göttlichen Gnade und des dadurch
fort und fort in der Kirche ſich Mittheilenden
und Erarbeiteten, wenn auch nur bei Wenigen
und ſtufenweiſe vorausſetzen, die dann rückwärts
»Anm. Denn an die Sielle apoſtoliſcher Ent ſcheidung in
der Lehre trat nothwendiger Weiſe das Beſtreben, vermöge
des der Kirche fort und fort mitgetheilten Heiligen Geiſies,
ven Inhalt des Bekenntniſſes in der Schrift aus ſeinen
Gründen aufzufaſſen und darzuſtellen, um allcs Fremdartige,
ras ſich eindrängte, von der Kirche auszuſcheiden; und ohne
Norm dieſes ewigen Bekenntniſſes aller Gläubigen kann
überhaupt gar keine Verfaſſung in der Kirche gedacht werden.
zu No. 12.
Beilage
Jahrg.
wirken auf Andere, bis es als ein edler Sauer⸗
teig durchſäuert, oder ein entſchiedenes Antichri⸗
ſtenthum zum Vorſchein kommt. Die Incon—
gruenz zwiſchen der ſichtbaren Erſcheinung und
dem unſichtbaren Weſen der Kirche iſt in der be⸗
ſchränkten und ſündhaften Menſchennatur ge⸗
gründet; in der Lehre von einer ſichtbaren und
der unſichtbaren Kirche liegt ſo wenig eine Zwei⸗
heit oder innere Selbſttheilung, als wenn ich
von dem Aeußern und Innern einer menſchli⸗
chen Perſon ſpreche; von der Wirkſamkeit der
Gnade des Dreieinigen wird die Geſammtheit
aller Getauften berührt, daß die von der Gott—
heit unzertrennte Menſchheit des Sohnes Got—
tes in ihnen, welche Nichts als Fleiſch ſind von
Adam her, ausgeboren und ſie darein verklärt
werden; im Fall der Affirmation werden ſie Or⸗
gane des Geiſtes, der durch Wort und Sacra⸗
ment den neuen Menſchen in denſelben vollendet,
die dienend ſich und den Leib erhalten und das
Reich Chriſti mehren; im Fall der Negation
werden ſie zu Unrath, Krankheitsſtoffen, Erkre—
menten.
che als der Seele iſt es, die das Ganze trägt.
Wir müſſen jedech dem Punkt, um den es ſich
ſich hier eigentlich dreht, noch näher rücken, und
genauer zuſehen, worauf in dieſem Streite Alles
ankommt. Wir meinen die Frage: Iſt die
Kirchſe, wenn ihrem Weſen, alſo auch
urſprünglich ihrer Entſtehungténach
eine ſichtbare oder unſichtbare? Die
ſomboliſchen Bücher antworten im hellſten Licht
der göttlichen Wahrheit. Wir wollen, was wir
aus dieſer Wahrheit geſchöpft haben, die Folge⸗
rungen ganz kurz entwickeln, welche jene hoch—
wichtige Frage und die verſchiedene Antwort da—
rauf nach ſich ziehen. Es iſt ja dies der status
controversiae, wie ihn ſelbſt die namhafteſten
päpſtlichen Theologen eingeſtehen, zwiſchen uns
und ihnen. Nach den letztern, wie auch Gra—
bau lehren muß, hat Chriſtus um ſich geſammelt
eine Schaar von 12 Jüngern, denen er das Amt
in der Kirche anvertraute, das Verſprechen gab,
bei ſolchem Amt zu ſein alle Tage bis an der
Welt Ende, und die Verheißung des Heiligen
Geiſtes, der ſie in alle Wahrheit leiten ſollte.
(Vergl. Grabau's Hirtenbrief III. Informat.
Jahrg. 1. S. 73 fg.) Dieſen Heiligen Geiſt
empfingen ſie als nothwendige Mitgabe zu ihrem
Amt; die Worte Chriſti St. Johannis Ev. 20,
21 fg. ſind von der Ordination in einem ſolchen
Sinne zu verſtehen, daß die Mittheilung des
Heiligen Geiſtes hier nicht weſentlich identiſch
iſt mit der, welche allen Gläubigen geſchieht.
(Vergl. Inform. Jahrg. 1. S. 74. Dagegen
Luüther in ſeinen Predigten über dieſen Text.“*
»Aum. Es iſt merkwürdig, wie das Orgau der Buffaloer
Synode, das kirchliche Informatorinm, die Lehre Luthers vom
geiſtlichen Prieſterthum und Predigtamt mißverſteht und un⸗
Die Lebenskraft der unſichtbaren Kir⸗
9. des Lutheraners.
Dieſe prinzipielle Sichtbarkeit der Kirche in ſol⸗
chem Amt und die gegebene chriſtliche Wahrheit
waren nicht von einander zu trennen. An eine
ſichtbare Gemeinſchaft war demnach die Selig⸗
keit gebunden; wie von derſelben die Lehre Jeſu
überliefert und der Sinn des Heiligen Geiſtes
in ihr ausgelcgt, was darnach die Gemeinſchaft
durch ihr fortgehendes apoſtoliſches Lehramt
ſetzte, einrichtete, gebot, war göttlich; das Heil
der Menſchheit ſtand allein bei Menſchen. Wer
konnte aber gewiß ſein, daß dieſe Menſchen nicht
Alles mit unreinen Zuſätzen vermiſchten —Ganz
anders verhält es ſich mit der lutheriſchen Lehre.
Aus der unſichtbaren Kirche heraus entwickelt
ſich mit Nothwendigkeit die ſichtbare; jene wird
durch den Glauben inwendig aufgebaut, und
nur dem Glauben alle Verheißung
gegeben; ſie iſt zunächſt das unmittelbare
Produkt des dreieinigen Gottes ſelbſt; ſollte an⸗
ders eine Kirche auf Erden entſtehn und beſtehn
ſo durfte das Wort, das Gott im Paradieſe, der
Herr Jeſus zu ſeinen Jüngern redete, micht
blos von außen gegebene poſitive
Wahrheit bleiben, ſondern mußte in den
Geiſt und in den Willen der Hörer aufgenom⸗
men werden; alsdann aber iſt ſolche unſichtbare
Kirche auch die Werkſtätte, das lebendige Organ
deſſelben Gottes, das er ſich für den Zweck Sei⸗
ner weiteren Wirkſamkeit ſelbſt geſchaffen hat;
das iſt ihre wahre Natur, ihr eigentliches We—⸗
ſen und ihr eigenſter Beruf. So wie nun das
Wort ein göttlich-menſchliches iſt—denn Gott
hat es, unmittelbar oder mittelbar, doch allemal
menſchlich geredet—; und die Sacramente ein
göttlich-menſchliches Handeln: ſo hat auch die
Kirche eine göttliche und menſchliche Seite zu—
gleich, der Glaube des Herzens bethätigt ſich in
des Mundts und der Werke Bekenntniß, ja ſie
organiſirt ſich zwar, ſo viel an ihr iſt, nach dem
Befehle ihres unſichtbaren Hauptes unter einem
geordneten reinen Predigtamt, darin ſich das ge⸗
meinſame Bekennen der Gläubigen konzentrirt.
(Die Trennung des Götilichen von dem Menſch⸗
lichen und umgekehrt oder das Ineinanderauf⸗
gehn laſſen beider iſt die Mutter aller Ketzerei,
wie bei der Perſen Chriſti, ſo in den andern Ar⸗
tikeln der chriſtlichen Lehre.) Wer ſelig werden
und im Bereich der Kirche ſein will, die hier
ſtreitet, dort triumphirt, darf ſie jedoch nicht bei
menſchlicher Auctorität als ſolcherſuchen, noch an
gewiſſe Stätte, äußere Berfaſſung und Stände
binden wollen, „ſiehe hier iſt Chriſtus und Sein
gerecht beurtheilt, überhaupt das, was er über dieſen Gegen-
ſtand gelehrt und geſchrieben hat, geringe hält, ja ihren Ge⸗
meinden verdächtig macht, in ſonderheit ſeinen Tractat an die
Böhmen, den er und die Symbelt doch niemals widerrnfen,
noch dit rechtgläubigen Lehrer der lutheriſchen Kirche jemals
gemißbilligt haben, während die ſogenannten Rottirer, ſcben
ehe ſie miſſouriſche Paſtoren berieſen, die Previgten der Kir⸗
chenpoſtille hoch ſchäßten und fleißig sebrauchten.
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