Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 9, Nummer 26 › Seite 163

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1853-07-19, Seite 163

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Kirche und die einzelnen Abtheilungen derſelben
Kirchen genannt werden. weil in dieſem Haufen
der Berufenen die eigentliche chriſtliche Kirche
enthalten ſei, daß daher auch dieſe äußerliche
Gemeinſchaft die Gewalt der Schlüſſel beſitze;
viertens, daß, obwohl Gott auch ſeine Gläubi⸗
gen habe und erhalte in ſolchen Gemeinſchaften,
welche in mancher Lehre irrten, aber den Grund
der Seligkeit nicht gänzlich verleugneten, doch
Jedermann bei ſeiner Seligkeit verbunden ſei,
ſich zu den Gemeinden zu halten, in welchen
Goties Wort rein gelehrt und die hl. Sacra⸗
mente recht verwaltet würden; daß daher auch
kein Chriſt, wo er etwa keine rechtgläubigen Ge—
meinden finden könne, in irrgläubige Gemeinden
eintreten dürfe, da zur Seelen Seligkeit nur die
Mitgliedſchaft an der unſichtbaren Kirche un⸗
bedingt erfordert werde. Daß nun dieſe Lehre
falſch ſei, wird Niemand behaupten, der in dem
vorliegenden Buche ſieht, wie Schrift, Bekennt—
niß und Kirchenlehrer alle in derſelben überein—
ſtimmen, ja das älteſte Bekenntniß der Kirche,
das Apoſtoliſche Symbolum, und hernach ſo
treffliche alte Kirchenlehrer, wie Ignatius, Hie⸗
ronymus, Auguſtinus u. A. alle dieſe Lehre füh⸗
ren. Wenn daher He. P. Grabau lehrt, daß

außer der lutheriſchen Kirche, welche allerdings

ſichtbar iſt, Niemand ſelig werden kann, weil in
ihr allein die unſichtbare Gemeinde der Heiligen
vorhanden ſei, ſo wird kein einfältiger Chriſt
mehr ſich durch ſolche irreführende Rede anfech—
ten laſſen. Wenn er behauptet, die ſichtbare
Kirche habe die Gewalt der Schlüſſel nicht we⸗
gen der in ihr vorhandenen Gemeinde der Hei⸗
ligen, ſondern wegen des in ihr beſtehenden
DPredigtamtes, ſo wird Jedermann einſehen müſ—
ſen, daß Hr. P. Grabau auf dem Wege iſt, ein
papiſtiſches Prieſterthum über der Gemeinde nuf⸗
zurichten, und dies als die eigentliche Kirche zu

betrachten. Auch wird Niemand Hrn. P. Gra⸗

bau zuſtimmen, wenn er unſere Lehre für gefähr⸗
lich hält, einmal, weil ihm der Satz, daß der
Kirche die Gewalt der Schlüſſel gegeben ſei, zur
Schwärmerei zu führen ſcheint, ferner, weil er
meint, der Einzelne werde ſich der Mitgliedſchaft
der äußeren rechtgläubigen Kirche leicht ent—

ziehen, wenn er wiſſe, daß unbedingt zur Selig⸗
keit nur nothwendig ſei die Mitgliedſchaft an der

unſichtbaren Kirche. Es iſt ja nicht bloß Ge⸗
fahr da, ſondern geſchieht leider nur zu oft, daß
die reine Lehre zu allerlei Schwärmerei gemiß⸗
braucht wird; aber ſollen wir deshalb dieſe Lebre
verſchweigen? Damit, daß die Kirche die Ge⸗
walt der Schlüſſel hat, iſt nicht geſagt, daß Je⸗
dermann dieſe Gewalt zum öffentlichen Dienſte
gebrauchen darf; thut es dieſer und jener un⸗
berufen, ſo ſündigt er eben, und dafür kann die
reine Lehre nichts. Daß aber zur Seelen Se—
ligkeit unbedingt nothwendig nur die Mitglied⸗
ſchaft der unſichtbaren Kirche iſt, wird einestheils
den, welcher zwiſchen lauter irrlehrenden Ge⸗
meinden wohnt, abhalten, zu irgend einer der⸗
ſelben zu treten, dagegen Niemanden treiben, ſich
von den rechtgläubigen Gemeinden fernzuhal⸗
ten, es ſei denn, er wollte dieſe Lehre mißbrau⸗

chen; den Mißbrauch aber hat die reine Lehrt
nicht zu verantworten.

*
—

—.
*

—162—

Der zweite Theil lehrt folgendermaßen

mehr alle Gläubigen Prieſter ſind, ſo hat an⸗
dererſeits unſer Herr Chriſtus ſelbſt beſtimmt,
daß bis ans Ende der Tage einzelne Perſonen in
der Gemeinde zur öffentlichen Predigt des Wor—
tes Gottes und Verwaltung der hl. Sacramente
berufen und beſtellt werden ſollen, und hat da⸗
mit ein Amt in der Gemeinde geſtiftet, welches
unterſchieden iſt von dem Prieſterthum aller
Gläubigen. Das hl. Predigtamt hat alſo über—
all keine weltliche Gewalt oder Regiment, aber
es hat die geiſtliche Gewalt der öffentlichen Pre—
digt und Verwaltung der hl. Sacramente und
daher die Gewalt eines geiſtlichen Gerichts.
Gott ſelbſt beruft zum hl. Predigtamt, aber er
thut dies durch ſeine Prieſterſchaft, die Gemein—
de, unter welcher, auch wie ſie auf Erden in
ihrer Vermiſchung mit Maulchriſten beſteht,
keineswegs ein roher und wüſter Haufe zu ver⸗
ſtehen iſt, ſondern eine Gemeinſchaft ſolcher, die
ſich zum Worte Gottes bekennen und wenigſtens
äußerlich demſelben gehorchen, auch entweder
ſchon Prediger oder Aelteſte haben, oder doch,
wenn möglich, von Predigern berathen werden.
Die Ordination der Berufenen durch Handauf⸗
legung iſt eine apoſtoliſche Ordnung zur Beſtä⸗
tigung der Berufung und ſoll allzeit geſucht
werden, obwohl allerdings unbedingt nothwen⸗
dig zur Beſtellung des Predigtamts nur die Be⸗
rufung iſt; das Predigtamt iſt das höchſte,
eigentlich das einzige öffentliche Amt in der Ge—
meinde, aber die Prediger können ſich dieſer oder
jener Werke des Amtes begeben und die Ge—
meinde veranlaſſen, zu denſelben beſondere Per⸗
ſonen zu erwählen, z. B. zum Dienſt der Armen⸗
und Krankenpflege, zum Negiment u. ſ. f. Wenn
der Prediger Gottes Wort führt, ſo gebührt ihm
unbedingter Gehorſam, in allen anderen recht⸗
ſchaffenen Dingen beſondereEhrfurcht u. Achtung;
dagegen hat er nicht das Recht, äußere Ordnungen
und Ceremonien aus eigener Macht einzurichten
oder den Bann allein ohne vorhergehendes Er⸗
kenntniß der Gemeinde zu verhängen. Die
Pflicht, über Lehre nach dem Worte Gottes zu
urtheilen, haben die Prediger vor allen Anderen,
aber auch die Gemeindeglieder, die daher zu den
Kirchengerichten und Verſammlungen hinzu⸗
gezogen werden ſollen. — Auch dieſe Lehre wird
wiederum aus der Schrift, den evangel.-luther.
Bekenntniſſen und den Schriften der rechtgläu⸗
bigen Bäter ſiegreich erwieſen, ja gegen das
Ende hin mehren ſich die Zeugniſſe und werden
geradezu gewaltige Predigten an uns, daß wir
ſollen Gott und ſeinem heiligen Worte allein die
Ehre laſſen und ſeiner Gemeinde die theuer er⸗
kaufte Freiheit von papi ſtiſchem Prieſterthum
und Menſchenſatzung bewahren. Namentlich
fährt Luther hier mit ſo mächtiger Predigt da—
her, daß man gleichſam das Schwert des Geiſtes
in ſeiner Hand ſauſen hört; die Anführungen
aus ſeinen Schriften, wie im ganzen Buch, ſo
namentlich in dieſem zweiten Theile, beweiſen,
daß, ſo lange er überhaupt von Kirche und Amt

lehrte, er allezeit dieſelbe Lehre füͤhrte. Es ſcheint

*
7

es einerſeits in der Gemeinde keinen beſonderen
Stand der Geiſtlichen oder Prieſter giebt, viel⸗

nun freilich, daß Hr. P. Graban auch nach die⸗ ö
ſer Rechenſchaft, die wir von unſerer Lehre ge⸗
geben haben, nicht aufhören will, uns des kirch⸗

lichen Independentismus oder der Schwärmerei
zu zeihen und die Klage einiger unſerer Freunde
in Deutſchland, als ob wir die Volksſouveräni⸗
tät in die Kirche führten und aus der chriſt⸗
lichen Gemeinde eine Demokratie machtti, zu
beſtätigen. Aber wer das vorliegende Buch lieſt,
wird einſehen müſſen, daß die chriſtliche Kirche,
von der wir reden, nicht gleichgeſtellt werden
kann einem ſolchen Haufen Menſchen, den man
Volk nennt, daher auch unſere Lehre, daß die
chriſtliche Gaemeinde das Recht der Berufung ö
ihrer Prediger beſitze, nichts mit der Lehre von
der Volksſouveränität zu thun hat und daher
eben ſo wenig aus der Kirche eine Demokratie
macht. Dagegen überführt dieſer zweite Theil
des Buchs den Hrn. P. Grabau der Irrlehre,
erſtlich, als ſei es das Predigtamt, durch welches
in der Gemeinde die Gewalt des Predigens,
Bindens und Vöſens ſei, und als übertrage das
Miniſterium oder die öffentlichen Verwalter des
Amtes, als die alleinigen Inhaber deſſelben,
dem erwählten Prediger das Amt durch die Or⸗
dination, daraus denn freilich auch folgen
würde, daß Prediger den Bann über Gemein⸗
deglieder ausſprechen dürften, ohne vorher in
der Sache einen einſtimmigen Gemeindebe⸗
ſchluß ausgewirkt zu haben; zweitens, als ob
die Wirkſamkeit der hl. Sacramente abhängig
wäre von den Predigern und deren Beruf, ſo
daß Prediger, die nicht rechtmäßig beſtellt wäten,
z. B. im Abendmahl eitel Brod und Wein aus⸗
theilten; drittens, als ob die Gemeindeglieder
dem Prediger müßten gehorſam ſein auch in
weltlichen Dingen, die nicht wider Gottes Wort
ſind, da doch auf dieſe Weiſe wider Gottes Wort
dem Prediger eine weltliche Gewalt geßeben
würde; viertens, als ob die Prediger zu Herrn
über die Gewiſſen der Gemeindeglieder beſtellt
wären, indem nemlich ſie allein Lehre und Leben
zu prüfen hätten, den Gemeindegliedern dagegen
nur mit Erlaubniß der Prediger zuſtehe, an
Prüfung und Urtheil über Lehre und Leben
Theil zu nehmen. — Der Weg der reinen Lehre
iſt ſchmal; Hrn. P. Grabau's Abweichungen
davon mögen gering und unbedeutend aus⸗
ſehen, aber ſchon die eine Lehre, um welcher
willen er das Wort Gottes und die kirchli⸗
chen Bekenntniſſe ſo arg zwängt und dreht,
die Lehre, daß die Gewalt des Predigens,
Bindens und Löſens nicht als unmittelbare
Gabe und Geſchenk Gottes bei der Gemeinde
der Heiligen ſei, ſondern durch das Predigtamt,
daher denn die Prediger von Predigern durch
Ordination mit jener Gewalt betraut ſein müß⸗
ten, dieſe Hinneigung zu der papiſtiſchen Forr⸗
pflanzung des Amts durch das Amt führt ihn
ab von dem ſchmalen Wege der Kirchenlehre auf
die weiten wirren Wege der Sectirer, auf denen

allen offen oder verſteckt der Papismus wuchert.

Will er auch durch das volle und klare Zeugniß
dieſes Buchs ſich nicht zur lauteren Kircheniehre
zurückführen laſſen, ſo wird er endlich auch unter
die Sectirer gerathen, wovor ihn Gott wolle in

Gnaden behüten.

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