Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 9, Nummer 26 › Seite 198
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1853-07-19, Seite 198
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Geſchichtlich⸗theologiſcher Beitrag
zu vollſtändigerer Beurtheilung
rer Streitigkeiten zwiſchen den
Grabauianern und den ſogenann⸗
ten Miſſouriern.
(Fortſetzung.)
Anſtößige Händel ſchleſſen ſich im Verlaufe
deſſelben Jahres an dieſe Trennung an, herbei⸗
gefübrt durch Krauſens Hartnäckigkeit, wobei
leider auch nicht Alles entſchuldigt werden kann,
was von Seiten Einzelner unter ſeinen Geg—
nern vorgefallen iſt.
was für eine Behandlung ſie gereizt worden
waren. Vergehungen von unten überwiegt das
Unrecht, das von oben ſie gezeugt hat. Es
lommt ſogar in Freiſtatt durch Paſtor Krauſe,
unter deſſen Anleitung der ihm tren und gün⸗
ſtig gebliebene Theil den Anfang machte, von
wegen des Kircheneigenthums zu bürgerlichen
Prozeſſen, nach deren Beendigung beide Par—
tbeien gutwillig durch Looſe, davon das erſte
auf Krauſens Anhänger gefallen war, Kirche,
Pfarrei und das dazu gehörige Land unter ſich
theilen, und die Getrennten das Kirchengebäude
mit der Hälfte des Landes erhalten. Man ver⸗
gleiche nun damit den — auf's Gelindeſte ge—
ſagt — ganz partheiſüchtigen Bericht Grabau's
in ſeinem 2. Synodalſchreiben, das überhaupt
tin ſeltſames Gewebe von Wahrheit, lügenhaf⸗
ter Entſtellung, Verkebrung und Verleumdung
iſt, welches auch entſchlafener Frommer in Wis—
conſin, wie in Miſſouri, nicht verſchont. Mitt-—
lerweile bemühen ſich die Kirchhainer, zumal da
auch unter ihnen, obſchon von den in Freiſtatt
Abgetretenen mit Mißtranen angeſehn, viele Be
denkliche waren, Friede und Einigkeit herzuſtel⸗
len: und im Jannar 1847 halten ſie eine Ge⸗
meindeverſammlung, wo ſie, der Paſtor und ſei—
ne Kirchglieder, vornehmlich auf Betrieb des
Vorſtehers Retzlaff, des Schullehrers Stiemke,
welcher auf St. Johannis Ev. 17. und den
trefflichen, hochverſtändigen Jak. Andreä und
deſſen wahrhafte Einigung und Union durch
auf einander folgende Konkordienformeln hin—
wies, und Anderer mehr, den Beſchluß faſſen,
die Buffaloer Synode dahin zu vermögen, mit
den miſſouriſchen Predigern eine Zuſammen⸗
kunft zu bewirken, um die obſchwebenden Strei⸗
tigkeiten beizulegen. Dieſer Vorſchlag wird nicht
angenommen, und Kindermann, der ihn erſt
ſelbſt vor der ganzen Gemeinde für Gottes Werk
erkannt und bezeugt hatte, will nichts mehr da—
von wiſſen. Als nun bei den gerichtlichen
Verhandlungen des Freiſtätter Prozeſſes Krauſe
durch ſein leider unwuͤrdiges Benehmen großes
Aergerniß gegeben hatte: wurde er in einer
Bußtagspredigt des Frühjahrs 1847 von ſei⸗
(Eingeſandt von Peſtor Fürbringer in Freiſtatt unt Kirchbain, Wisc.)
Man bedenke aber, durch
· 4 ..—
Beilage
Jahrg. 9. des Lutheraners.
nem Kirchhainer Amtsbruder als ein Unſchul⸗
diger dargeſtellt, der um Chriſti und Seines
heiligen Amtes willen, gleichwie der Herr ſelbſt
vor dem Gericht zu Jeruſalem, gelitten habe
und verhöhnt worden ſei, und alle die auch von
den Kirchhainern und neu Eingewanderten für
keine Chriſten erklärt, welche mit ſeinen Gegnern
in Freiſtatt noch Gemeinſchaft oder Umgang
pflegten. Kindermann hatte früher in ſeiner
Gemeinde gegen Krauſe ſchweren Verdacht ein—
geflößt, jetzt ſtrafte er die, welche demgemäß ſich
von jenem fern hielten und ihn freundlich daran
erinnerten; er hatte geäußert, die Miſſonrier
Paſtoren ſeien rohiſhoffore Prediger, mit der
Sendung Geyer's nach Wisconſin habe es ei⸗
ne ganz andere Bewandniß, als mit des Paſt.
Klügel's Amtsübernahme, er habe ſeiner Ge—
meinde bei Watertown ſelbſt zu der Berufung
eines andern Predigers die Erlaubniß gegeben,
derſelbe ſei auch nicht auf eignem Wege hierher
gegangen, ſondern nach Ordnung der Kirche,
er wolle mit Paſt. Walther in St. Louis ſich
in Correſpondenz ſetzen ꝛc. — jetzt ſtimmte er
denen bei, welche Geyer einen Rottenprediger
und ſeinen Beruf einen ungöttlichen nannten;
und, wie Krauſe, griff er mit Schelten und
Toben trotz aller Vermahnungen auch von der
Kanzel gegen die ein, mit welchen er in gott—
gefälliger Eintracht vordem geſtanden hatte.
Man hat keinen Begriff, was für Perſonalien
dieſe ſogenannten Hirten der Schafe auf die
Kanzel zu bringen ſich unterſtehn, was doch
aller lutheriſchen Kirchenordnung
ſtraks zuwiderläuft. Auf das Empfindlichſte
und Tiefſte verletzt machen einige ſeiner ihm
bisher mit am treuſten ergebenen Gemeindeglie—
der eine Eingabe an das Kirchenminiſterium in
Buffalo, die natürlich der Form ermangelte, wie
ſie demſelben wäre recht und genehm geweſen,
und erhielten ein halbes Jahr darnach die aller—
dings etwas ſtyliſirter abgefaßte Antwort. Da—
rauf erklärt Kindermann in öffentlicher Ge⸗
meindeverſammlung: Ich ſehe hier 2 Parthei—
en; derjenigen, welche mit dem Antwortſchrei
ben übereinſtimmt, pflichte ich von Herzen bei
und deren Paſtor bin ich, die Andern mögen für
ſich ſelbſt ſchreiben (— nämlich dem Kirchenmi—
niſterio wiederum antworten —), und ſich zu
den Town⸗Neunern (— d. h. zu den ſogenann—
ten Rottirern, den von Pſt. Krauſe Getrenn⸗
ten —) ſchlagen. So hatte die Buffaloer Sy—
node von Neuem die Spaltung in Kirchhain
bloß durch eigne Schuld und Verblendung her—
beigeführt. Denn die auf ſolche Weiſe ſelbſt
Hinausgeſtoßenen und von den Gegnern Be—
ſchimpften ſuchten Wort und Sacramente bei
dem unterdeß im September 1847 nach Mil⸗
waukie und Freiſtatt berufenen Pſt. Keyl, mit
welchem ſie ſich 4 Wochen nach ihrer Losſage⸗
ſchrift vereinigten. Den Gemeinden der Buf—
faloſynode blieb aus leicht begreiflichen Grün—
den die Decke hangen vor den Augen ihrer Her—
zen, welche man darüber gebreitet hatte; und
wenn gleich die Separirten, in Freiſtatt oder in
Kirchhain, durch Unbeſcheidenheit oder auch un—
lauteres Weſen zum Theil ſich hier und da ver—
ſündigt haben: der Bann, welcher ſie von ihren
bisherigen gegen Gottes Wort untreuen Peedi⸗
gern traf, und die ſogenannten elenden Grade
deſſelben ſind verabſcheuungswerth vor dem Al—
lerheiligſten, und verdienten von Menſchen ver—
achtet zu werden.
Wie kann doch aberbd von Kirchenzucht
hier nur die Rede ſein, da Lei ſolchem Verfahren
die Paſtoren ſelbſt vielmehr dieſer hätten anheim—
fallen ſollen! Der von Krauſe getreunte Theil
hatte ſich nach der erſten Vermahnung bereits
vom ganzem Kirchenminiſterio mit Recht losge—
ſagt, und die Art und Weiſe, womit ſie aufge—
fordert wurden zurückzukehren, zeugte von dem—
ſelben verkehrten, ungebrochenen, hochfahrenden
Sinn, womit man bisher gegen ſie gehandelt
hatte, dergeſtalt, daß ſie unmöglich den Namen
der Stufen kirchlicher Diseiplin führen durfte.
Bei den Kirchhainern ſind ſolche nicht einmal
in ihrer Ordnung nach Chriſti Befehl vorge—
kommen, und daß ſie auf die letzte Vorladung
den Thoren närriſch geantwortet, iſt der unſäg—
lich liebloſen Herzenshärtigkeit der erſtern zuzu—
ſchreiben, die ſie dann wieder unter einer heuch—
leriſchen Bußermahnung verſteckten. Daß die
Separirten in Kirchhain ſchon früher eine Zeit—
lang nicht zum Sakrament des Altars gegangen
waren, weil ſie die Gemeinſchaft Kindermann's
mit Krauſe nicht billigten, hatte zum Grunde
jenen ernſten Eifer für rechte kirchliche Einigkeit,
der bei den lutheriſch geſinnten Preußen nur
leider oft in ſeinem Ziele ſich vergreift. Welcher
abſcheuliche Greuel iſt hingegen vor Gottes Au—
gen und der heiligen Kirche das gehäſſige Ab—
kanzeln dieſer Prediger, das ſie mit Verachtung
der Worte Chriſti Matth. 18, 15. trotzig gleich-
ſam von Amts wegen ſich anmaßen! Man be—
denke dagegen, was der ehrw. Martin Chem—
nitz in ſeiner Harntonie zu dieſer Steie den
Kirchendienern ſagt. Die erſte Stimme der
Oppoſition, welche in einer nach Lehre und Le
ben verderbten Gemeinſchaft dem Worte Gttes
gemäß redet, ſie konnne aus einem Munde, wo
ſie wolle, geſchieht auf Heißen, wie Luther ſagt,
d. h. durch Wirkung der unſichtbaren Kirche,
und dieſe als unſer Aller Mutter muß bei Ver—
luſt der Seligkeit gehört werden; ſie allein hat
auch nur das Recht von Gottes wegen, das
Himm elreich zu- und aufzuſchließen, die Predi⸗
ger ſind nur die Haushalter, die Knechte, die
Verwalter deſſen, was den Kindern, den Erben
gehört; wohl ihnen, wenn ſie ſelbſt als Kinder
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