Collection › Lehre und Wehre (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 10, Nummer 5 › Seite 145
Lehre und Wehre St. Louis, Missouri — Mai 1864, Seite 145
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dort so gut wie in der deutschen Kirche, mit Abänderung der Abrenunciations⸗
fragen und des Glaubensbekenntnisses. Aber wie wurden nun die Worte
gepreßt! Ging doch Lindberg so weit, die Taufe für mangelhaft zu erklären,
wenn man sage: „Ich glaube an Gott den Vater, allmächtigen Schöpfer ꝛc.“,
statt: „an Gott den Vater, den Allmächtigen (παντοκράτορα), Schöpfer Him-
mels und der Erde“, oder wenn man spreche: „an den heiligen Geist“ statt:
„an den Heilig Geist.“ Solchem Verfahren gegenüber hat die Kritik freilich
leichtes Spiel. Was will man ihr antworten, wenn sie fragt, von wie vielen
seiner Anhänger denn Grundtvig gewiß wisse, daß sie „richtig“ getauft seien,
den rechten gültigen Taufbund geschlossen haben, zu einer Zeit, da in dieser
Beziehung erweislich die größte Willkühr herrschte? Sollte unter Zehn auch
nur Einer den vollgültigen Beweis dafür beibringen können? Müßte er
nicht der Sicherheit wegen eigentlich von Jedem, der dies nicht vermag,
verlangen, daß er sich einer wiederholten richtigen Taufe unterziehe? und da
er das nicht kann und will, muß er nicht die Mitglieder seiner Gemeinde auf
guten Glauben annehmen? — Und heißt es nicht aller Erfahrung ins
Gesicht schlagen, die lebendige und lebenzeugende Wirksamkeit des geschrie⸗
benen und gelesenen Wortes zu leugnen? Haben nicht selbst Grundt⸗
vig's Lieder gezündet, auch bei denen, die sie nur lasen? und das Wort des
heiligen Geistes in der Schrift sollte nicht eben so gut durch das Auge, wie
durch das Ohr in die Herzen eingehen und göttliches Leben in ihnen schaffen?
Die Ueberordnung der Tradition über die Schrift, die für das System
des Grundtvigianismus so verhängnißvoll geworden ist, steht in nahem
Zusammenhange mit einem praktischen Bedürfniß. Man verzweifelte an der
corrumpirten Staatskirche, man wollte um jeden Preis die Integrität der
Gemeinde, die wahre Glaubensgemeinschaft retten. Darum zuerst Dringen
auf unmangelhafte Beobachtung der Agende, und da diese nicht zu erreichen
stand, wiederholte Versuche, eine freie Gemeinde zu bilden, endlich, da hierzu
die Erlaubniß versagt wurde, die Forderung, daß Niemand an seinen zustän⸗
digen Pfarrer gebunden sein solle. Der letzten Forderung, die eigentlich im
Interesse der gläubigen Kirchenglieder gestellt wurde, aber natürlich Allen
zugestanden werden mußte, ist durch die schon erwähnte Lösung des Kirchspiel⸗
verbandes Genüge geschehen.
Dies führt uns zuletzt auf die Stellung, welche Grundtvig der Staats⸗
kirche gegenüber zu verschiedenen Zeiten eingenommen hat. Denn in dieser
Beziehung begegnen wir bei ihm sehr bedeutenden Schwankungen. In der
ersten und größeren Hälfte seines Lebens stand er ihr durchaus⸗feindlich
gegenüber. Kein Baptist kann das Babel der Staatskirche gründlicher ver⸗
achten und inniger verabscheuen. So oft die schweren Mißstände des kirch⸗
lichen Lebens ihn drückten und er vergeblich sie zu beseitigen suchte, drohete er
mit Austritt, mit ihm seine zahlreiche Partei. Aber er wollte in aller Form
und mit gesetzlicher Berechtigung aus dem staatskirchlichen Verbande ent⸗
lassen sein, und dies konnte er nie erreichen. Und so blieb er denn, und all⸗
mählig scheint er sich in die drückenden Verhältnisse gefügt doch nicht
English translation AI translation
Grundtvig. 145
there just as in the German church, with an alteration of the renunciation
questions and of the creed. But how the words were then squeezed! Lindberg
indeed went so far as to declare baptism defective if one said, "I believe in
God the Father, almighty Creator, etc.," instead of, "in God the Father, the
Almighty (παντοκράτορα), Creator of heaven and earth," or if one spoke, "in
the holy Ghost" instead of, "in the Holy Ghost." Faced with such a procedure,
criticism of course has an easy game of it. What is one to answer it when it
asks how many of his followers Grundtvig can be certain were "rightly"
baptized, had entered into the true, valid baptismal covenant, at a time when
in this respect the greatest arbitrariness demonstrably prevailed? Could even
one in ten furnish full proof of it? Would he not, for the sake of certainty,
actually have to require of everyone who cannot furnish it that he submit to a
repeated, proper baptism? and since he neither can nor will do that, must he
not receive the members of his congregation on good faith? — And is it not
striking all experience in the face to deny the living and life-begetting
efficacy of the written and read Word? Have not Grundtvig's own hymns kindled
fire, even in those who only read them? and should the word of the Holy
Ghost in Scripture not enter the heart just as well through the eye as
through the ear, and work divine life in it?
The subordination of Scripture beneath tradition, which has proved so
disastrous for the system of Grundtvigianism, stands in close connection with
a practical need. Men despaired of the corrupted state church; they wished at
any price to save the integrity of the congregation, the true communion of
faith. Hence first the insistence on unblemished observance of the liturgy,
and when that could not be attained, repeated attempts to form a free
congregation, and finally, when permission for this was refused, the demand
that no one should be bound to his assigned pastor. This last demand, which
was actually put forward in the interest of the believing members of the
church but of course had to be granted to all, was satisfied by the
already-mentioned dissolution of the parish bond.
This brings us at last to the position which Grundtvig took toward the state
church at various times. For in this respect we meet with very considerable
fluctuations in him. In the first and larger half of his life he stood
altogether hostile toward it. No Baptist can despise the Babel of the state
church more thoroughly or abhor it more deeply. As often as the grievous
ills of church life oppressed him and he sought in vain to remove them, he
threatened withdrawal, he and his numerous party with him. But he wished to
be released from the state-church body in due form and with legal
warrant, and this he could never obtain. And so he remained after all, and
gradually he seems to have resigned himself to the oppressive
circumstances, yet not