Collection › Lehre und Wehre (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 9, Nummer 3 › Seite 89

Lehre und Wehre St. Louis, Missouri — März 1863, Seite 89

65 66 67 68 69 70 71 72 73 74 75 76 77 78 79 80 81 82 83 84 85 86 87 88 89 90 91 92 93 94 95 96

⤓ Download page image (full resolution)

German transcription AI-corrected against the scan

⤓ Download .txt · copy text

Luther als Prediger. 89

Die besten Predigten heut zu Tage verrathen nur zu sehr das Doctrinäre, das Reflectirende, das Sinnen auf die Kunst, und nur zu oft sind sie ein Gemachtes, das Allem genügen mag, was die Kunst der Anlage und Exegese fordert: nur dürfen sie nicht mit den lebendigen Zeugnissen Luthers und der Reformatoren in eine Linie gestellt werden, denen es lediglich darauf ankommt, das Evangelium zu predigen, es gehe wie es wolle. Damit ist freilich nicht gesagt, als ob Luther und seine Freunde vollkommen formlos gepredigt hätten. Auch ist nicht gesagt, als ob etwa Luther ohne alle Vorbereitung auf die Kanzel gestiegen wäre und gepredigt hätte, was ihm der Geist eingegeben. Wir werden unten uns näher mit der Form der Predigten Luthers beschäftigen und wenn wir auch sagen werden, seine Methode sei, wie die Alten sagten, die methodus heroica gewesen, wie sie nicht ohne weiteres nachgeahmt werden kann: immer war es eine Methode. Hier soll nur daran erinnert werden, daß Luther vollkommen vorbereitet war auf seine Predigten. Wer so wie er im Vollen der Schrift allezeit lebte, so viel sich beschäftigte und beschäftigt wurde mit „Gebet, Betrachtung und Versuchung“, wer so viel studirte, wem die Kirche so im Herzen lag, wie es bei ihm der Fall war, der war alle Zeit zum Predigen vorbereitet. Man sehe seine Predigten nach der gelehrten Seite hin an: er kennt die Erklärung des Augustin, Hieronymus, Gerson und Anderer, er kennt und führt die verschiedenen Auslegungen der Kirchenväter an, er führt z. B. in der Hauspostille, wo er doch nur seinen Kindern und Hausgenossen predigte, den Josephus an, sowohl die Antiquitäten desselben als auch den Jüdischen Krieg, und citirt das Buch, auf das er Rücksicht nimmt; in derselben Hauspostille kommt er auf Herodes zu sprechen und erzählt da im Vorbeigehen die Geschichte der Familie des Herodes, er citirt den Ennius und den Virgil, er citirt die Kirchengeschichte und erzählt die Legenden: kurz das ganze Gebiet, das seine Predigt durchmißt, ist ein so weites und durch Textkenntniß und Fach⸗ und weitgedehnten Sachapparat so reiches, daß Niemand auf den Gedanken kommen kann, daß Luther unvorbereitet gepredigt und nicht vollständig Text und Predigt in der Hand gehabt hätte. Und wenn Luther direct von einer gewöhnlichen Beschäftigung, ja vom Tische hinweg auf die Kanzel hätte gehen müssen, so würde er vorbereitet gewesen sein. Er war ein Prediger im eminenten Sinne des Wortes; er lebte in der Predigt, die das Wort seiner Seele allezeit hielt, — er brauchte blos zu sprechen über das ihm allezeit in der Seele und auf dem Herzen liegende Wort und die Predigt war da. Aber wir wissen es auch, daß er seine Predigten sogar aufgeschrieben hat. Er schrieb auf der Wartburg die Kirchenpostille und zwar die Auslegung der Epistel und Evangelien von Advent bis Epiphania. „Auch will ich hiemit meinen lieben Deutschen die Postillen kredenzen, mitten aus dem Faß, wiewohl ich sie jetzt nicht weiter, denn vom Advent bis Epiphania gebracht habe und mitten in der Arbeit, um der Lästerer willen, die Ordnung brechen muß, doch da liegt nichts an, es kommt wohl wieder zurecht.“ Daß

English translation AI translation

⤓ Download .txt · copy text

Luther as Preacher. 89

The best sermons of today betray only too plainly what is doctrinaire, reflective, a straining after art, and all too often they are a contrived thing, made to satisfy everything that the art of composition and exegesis demands: only they must not be set in one line with the living testimonies of Luther and the Reformers, whose sole concern was to preach the Gospel, come what may. By this, of course, it is not meant that Luther and his friends preached in a wholly formless way. Nor is it meant that Luther, say, climbed into the pulpit without any preparation whatever and preached simply as the Spirit gave it to him. Further on we shall occupy ourselves more closely with the form of Luther's sermons, and although we shall say that his method was, as the ancients put it, the methodus heroica, one not to be imitated without more ado, it was nevertheless always a method. Here it need only be recalled that Luther was thoroughly prepared for his sermons. Whoever lived at all times as fully in Scripture as he did, was as much occupied and preoccupied with "prayer, meditation, and temptation," studied as much, had the Church so much at heart as was the case with him, was at all times prepared to preach. Look at his sermons from their learned side: he knows the exposition of Augustine, Jerome, Gerson, and others; he knows and cites the various interpretations of the Church Fathers; he cites, for instance, in the Hauspostille — where after all he was preaching only to his own children and household — Josephus, both his Antiquities and the Jewish War, and quotes the book to which he refers; in that same Hauspostille he comes to speak of Herod and tells, in passing, the history of Herod's family; he cites Ennius and Virgil, he cites church history and relates the legends: in short, the whole territory his preaching ranges over is so vast, and so rich through knowledge of the text and a far-reaching, specialized apparatus of learning, that no one can possibly suppose that Luther preached unprepared and did not have text and sermon fully in hand. And had Luther had to go directly from some ordinary occupation, even straight from the table, up into the pulpit, he would still have been prepared. He was a preacher in the eminent sense of the word; he lived in the sermon, which held the word of his soul at all times — he needed only to speak of the word that lay ever in his soul and upon his heart, and the sermon was there. But we also know that he even wrote his sermons down. He wrote, at the Wartburg, the Kirchenpostille, namely the exposition of the epistles and Gospels from Advent to Epiphany. "I also intend hereby to serve up the postils to my dear Germans, straight from the cask, although so far I have carried them no further than from Advent to Epiphany, and, in the midst of the work, must for the slanderers' sake break off the order — yet that matters nothing, it will come right again in the end." That