Collection › Lehre und Wehre (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 9, Nummer 3 › Seite 85

Lehre und Wehre St. Louis, Missouri — März 1863, Seite 85

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Luther als Prediger. 85

auch die Historienschreiber die allernützlichsten Leute und besten Lehrer, daß
man sie nimmer genug kann ehren, loben oder danksagen.“ Besonders aber
ist ihm die Geschichte des Alten Testamentes geläufig; er citirt sie hin und
her in seinen Predigten aber dann auch die Profangeschichte wie einer, der
sie bis ins Einzelnste kennen gelernt hat. Luther war ein Mann der Geschichte.
An der Geschichte der Evangelien hatte er die ganze Geschichte in
seinem Herzen erlebt: die Geschichte des Abfalls von Gott, die Geschichte der
todten ungenügenden Werke und die Geschichte der Erlösung durch Christum.
Darum hatte er einen Blick für alles Geschichtliche. Nichts Menschliches
achte ich mir fremd, konnte er mit vollstem Rechte sagen. Weil er aber an
der Geschichte des Herrn Jesu Christi selbst ein neuer Mensch geworden war,
darum war diese Geschichte ihm die liebste und darum kömmt sie vor aller Geschichte,
sowohl der altestamentlichen als auch der profanen Geschichte, bei ihm
zur Bedeutung. Immer und immer wieder knüpft er an das N. T. an.
Aus ihm holt er immer wieder seine Beispiele und Argumente her.

Auch in den Kirchenvätern war Luther bewandert. Bekannt ist sein
Verhältniß zu Augustin. Aber auch Hieronymus, Chrysostomus kannte er.
„Ich habe manche Stunde über den Hieronymus, Chrysostomus und Andern
verderbet, die ich besser beim Augustin zugebracht hätte.“ Den Gabriel und
den Petrus von Aliaco wußte er fast auswendig. Den H. Bernhard von
Clairv. liebte er besonders und nennt ihn einen „güldenen Prediger,“ wo er
nicht disputire und setzt ihn sogar noch über Augustin. Besonders lieb waren
ihm aber Taulers Schriften. „Wenn es dich ergötzt, sagt er, eine solide,
der alten vollkommen ähnliche Theologie in deutscher Zunge kennen zu lernen,
so schaffe dir Johannes Taulers Predigten an, denn weder in lateinischer
noch in unserer Sprache habe ich je eine gesundere und mit dem Evangelio
übereinstimmendere Theologie gesehen.“ Fassen wir nun das Alles
zusammen, so müssen wir bekennen, daß Luther den ganzen, freilich noch sehr
mangelhaften Bildungestoff seiner Zeit nach der humanistischen, so wie nach
der kirchlichen Seite hin in sich aufgenommen hatte.

Wenn wir aber verstehen wollen, woher es kam, daß Luthers Predigten
so großen Einfluß gewannen, so müssen wir freilich dabei bleiben, daß es
eben das Evangelium war, daß er in Kraft und Geist verkündete. Das
Erdreich dürstete, darum sog es den Thau in sich, der von des Wittenberger
Augustiners Lippen auf den dürren Kirchenacker niederträufelte. Nicht allein
daß die Kanzel schier entweiht war durch die Predigtweise: auch an gedruckten
Predigten fehlte es fast ganz. Außer Taulers und Geilers von Kaisersberg
Büchern gab es fast keine gedruckten Predigten. Die gehaltenen Predigten
aber waren völlig ohne Erklärung des Wortes Gottes. Die Perikopen
wurden freilich hergelesen, aber, sagt Erasmus, ewiger Gott, wie sie gesticuliren,
wie sie die Stimme verändern, wie sie sich hin und her werfen, wie
sie von Zeit zu Zeit immer wieder andere Gesichter annehmen, wie sie Alles
mit ihrem Geschrei erfüllen! Und diese Kunst zu predigen überliefert wie eine
geheime Sache ein Brüderchen dem andern. Den Anfang machen sie mit

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Luther as a Preacher. 85

the historians too were the most useful people and the best teachers, so that
one can never thank, praise, or honor them enough.” To him, especially, the
history of the Old Testament is familiar; he cites it here and there in
his sermons, but then also profane history, like one who has come to know
it down to its smallest details. Luther was a man of history.
In the history of the Gospels he had experienced the whole of history in
his heart: the history of the fall from God, the history of dead,
insufficient works, and the history of redemption through Christ.
That is why he had an eye for everything historical. Nothing human
do I consider foreign to me, he could rightly say. But because he had himself
become a new man through the history of the Lord Jesus Christ,
this history was dearest to him, and therefore it takes precedence, with him,
over all other history — both that of the Old Testament and profane history
alike. Again and again he ties back to the New Testament.
From it he continually draws his examples and arguments.

Luther was also well versed in the Church Fathers. His relationship
to Augustine is well known. But he also knew Jerome and Chrysostom.
“I have spent many an hour on Jerome, Chrysostom, and others that I
would have spent to better use on Augustine.” He knew Gabriel and
Peter of Ailly almost by heart. He especially loved Saint Bernard of
Clairvaux, and calls him a “golden preacher” — where he is not disputing —
and even sets him above Augustine. But dearest to him were
Tauler’s writings. “If it delights you,” he says, “to become acquainted with
a solid theology in the German tongue, wholly like that of the ancients,
then get yourself Johannes Tauler’s sermons, for neither in Latin
nor in our own language have I ever seen a sounder theology, or one more
in agreement with the Gospel.” If we now sum all this
up, we must confess that Luther had absorbed into himself the whole —
admittedly still very deficient — body of learning of his time, both on
its humanistic and on its ecclesiastical side.

But if we wish to understand how it came about that Luther’s sermons
gained so great an influence, we must indeed hold fast to this: that it
was the Gospel itself that he proclaimed in power and spirit. The
ground was thirsting, and so it drank in the dew that trickled from the
Wittenberg Augustinian’s lips onto the parched field of the church. Not only
had the pulpit become almost profaned through the manner of preaching:
printed sermons, too, were almost entirely lacking. Apart from the books of
Tauler and of Geiler von Kaysersberg, there were scarcely any printed
sermons. And the sermons that were delivered were wholly without
exposition of God’s Word. The pericopes, to be sure, were read aloud,
but — says Erasmus — good God, how they gesticulate, how they change
their voice, how they throw themselves this way and that, how
time and again they put on ever new faces, how they fill everything
with their shouting! And this art of preaching is handed down like a
secret thing, one little brother to the next. They begin with