Collection › Lehre und Wehre (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 9, Nummer 3 › Seite 71
Lehre und Wehre St. Louis, Missouri — März 1863, Seite 71
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Der Materialismus oder die sog. Resultate der modernen Naturwissenschaft. 71
aber der nicht existirende Stoff, so wartet die Kraft vergeblich darauf, je die Eigenschaft eines Dinges zu sein oder als solche gedacht werden zu können. Ueberdies, da die Voraussetzung gegenseitig ist, der Stoff die Kraft voraussetzt, die Kraft aber den Stoff, der Stoff wiederum die Kraft und so weiter ins Unendliche: so kommen die beiden weder in Wirklichkeit je zusammen, noch können sie, wenn die Bedingung gegenseitiger Voraussetzung erfüllt werden soll, je zusammengedacht werden. Denn diese Bedingung besteht darin: Willst du den wahren Begriff der Dinge haben, wie sie sind, so denke dir den Stoff vor der Kraft und die Kraft vor dem Stoff, nur in dieser gegenseitigen Voraussetzung geben diese Abstractionen das richtige Bild. Sollte das dem Leser gelingen, so würden wir ihm gern zugestehen, die Natur der Dinge bei den Materialisten kennen gelernt zu haben. — „Kraft und Stoff haben vereinzelt keinen Bestand.“ Wenn nun keines von beiden an und für sich existirt, wie kann ihr, der nicht existirenden Dinge, Zusammen der Grund ihrer Existenz werden oder sein? Ein Schatten ist nichts an und für sich; aber er ist vorhanden, wenn ein Gegenstand da ist, an dem er haftet. Ist nun aber dieser Gegenstand, gleich dem Stoffe der Materialisten, ein solches Ding, von dem man sagen muß: es giebt keins, wird dann der Schatten mit einem solchen Dinge verbunden „Bestand haben?“ Schwerlich; es müßte denn der dem Mephistopheles verhandelte Schatten Peter Schlemihls der Art gewesen sein. — „Die Kraft ist des Stoffes unzertrennliche, ihm von Ewigkeit innewohnende Eigenschaft.“ Haben diese Worte einen Sinn, so ist es dieser: Die Kraft kann von dem Stoffe, dem sie angehört, nie getrennt werden. Ist sie ihm von Ewigkeit innewohnend, so ist sie nie von ihm ausgegangen, um auf andern Stoff zu wirken. Es wird aber ferner behauptet: „Nichts in der Welt berechtigt uns, die Existenz von Kräften ohne Körper, von denen sie ausgehen, vorauszusetzen.“ Verhalten sich also die Kräfte nicht „wie Pferde, die vor einem Fuhrwerk nun angespannt, dann abgeschirrt werden können,“ so verhalten sie sich, um das Resultat der ganzen Untersuchung kurz zusammenzuziehen, unzweifelhaft wie Pferde, die 1. die Materie wie einen Stall benützen, indem sie aus⸗ und eingehen; 2. blos Eigenschaften ihres Stalles sind; 3. mit ihrem Stalle unzertrennlich verbunden und in ihm von Ewigkeit einwohnend sind; und 4. dies alles zugleich so, daß weder sie existiren noch ihr Stall.
Der Leser werde nicht ungeduldig, falls ihn etwa die nun gewonnene Einsicht in das, was Kraft und Stoff ist, nicht ganz befriedigen sollte. Er bedenke, daß, sollten auch noch einige Mängel daran haften, dennoch das, was ihm hier geboten worden ist, diejenige geistige Nahrung ist, welche die Menge der Gebildeten deutscher Zunge im alten und neuen Vaterlande, Ausnahmen abgerechnet, mit großer Befriedigung als die höchste Errungenschaft des menschlichen Geistes in sich aufnehmen, nach deren Genuß sie sich weit erhaben fühlen über den, noch an Gott und Bibel glaubenden, gemeinen Haufen, und die ewigen Güter, welche das Evangelium darbietet, mit verächtlichem Lächeln von sich weisen; die selbst in manchem aufrichtigen Chri-
English translation AI translation
Materialism, or the So-Called Results of Modern Natural Science. 71
matter which does not exist, then force waits in vain ever to be the property of a thing, or to be thought of as such. Moreover, since the presupposition is mutual — matter presupposes force, but force presupposes matter, and matter again presupposes force, and so on into infinity — the two never actually come together in reality, nor, if the condition of mutual presupposition is to be fulfilled, can they ever be thought together. For this condition consists in this: if you wish to have the true concept of things as they are, then think of matter before force and force before matter — only in this mutual presupposition do these abstractions yield the correct picture. Should the reader succeed in this, we would gladly grant him to have come to know the nature of things as held by the materialists. — "Force and matter, taken separately, have no subsistence." If, then, neither of the two exists in and of itself, how can their togetherness — the togetherness of things that do not exist — become or be the ground of their existence? A shadow is nothing in and of itself; but it is present when an object is there to which it clings. Now if this object, like the matter of the materialists, is such a thing that one must say of it, "there is no such thing," will the shadow, joined to such a thing, then "have subsistence"? Hardly — unless it were of the kind of shadow that Peter Schlemihl bargained away to Mephistopheles. — "Force is the inseparable property of matter, inherent in it from eternity." If these words have a meaning, it is this: force can never be separated from the matter to which it belongs. If it is inherent in matter from eternity, then it has never gone forth from it to act upon other matter. But it is further asserted: "Nothing in the world entitles us to presuppose the existence of forces without bodies from which they proceed." Do the forces, then, not behave "like horses that are now harnessed to a cart, now unharnessed," but rather — to draw together briefly the result of the whole inquiry — do they behave, beyond doubt, like horses that 1. use matter as a stable, going in and out of it; 2. are merely properties of their stable; 3. are inseparably bound up with their stable and dwell in it from eternity; and 4. all this at once, in such a way that neither they nor their stable exist.
The reader should not grow impatient if the insight now gained into what force and matter are should not fully satisfy him. Let him consider that, even should some deficiencies still cling to it, what has been offered him here is nonetheless that spiritual nourishment which the mass of educated persons of the German tongue, in the old fatherland and the new — exceptions aside — take into themselves with great satisfaction as the highest achievement of the human spirit, after partaking of which they feel themselves exalted far above the common crowd that still believes in God and the Bible, and with a contemptuous smile wave away the eternal goods which the Gospel offers — nourishment which, even in many a sincere Chris-