Collection › Lehre und Wehre (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 9, Nummer 2 › Seite 60

Lehre und Wehre St. Louis, Missouri — Februar 1863, Seite 60

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60 Eine neue homiletische Monatsschrift.

In den „Aphorismen“ von Dr. Mann findet sich Beherzigenswerthes, vorzüglich was er über „die Freiheit“ (näher: Faulheit) mancher Prediger sagt, die es nicht der Mühe werth halten, sich gründlich für ihre Vorträge vorzubereiten. Anderes ist uns in den Aphorismen unverständlich. So wenn er sagt: „Es ist freilich ein Glück, daß wir Prediger von unsern versammelten Gemeinden eine gewisse ideale Anschauung haben, denn sonst würde uns das Predigen oft eine furchtbare Last werden. Aber diese ideale Anschauung verführt uns oft, daß wir für sehr Vieles, was wir sagen, eine Sympathie bei unsern Zuhörern voraussetzen, die der gemeinen Wirklichkeit nach gar nicht vorhanden ist . . . .“ Was Dr. Mann unter der „idealen Anschauung“ versteht, können wir uns nicht recht klar machen. Noch dunkeler ist es, wie dieselbe „ein Glück“ genannt werden kann. Jeder Prediger sollte, unserer Meinung nach, vielmehr dahin streben, zum Nutzen seiner Gemeinde, seine ideale Anschauung zu einer wahren, sachgemäßen zu verbessern, wozu ihm der heil. Apostel Paulus in seinen Briefen gute und sichere Anleitung gibt. Oder hatte der Apostel Paulus vielleicht auch das Glück „ideale Anschauungen“ zu haben? — Wir möchten uns vielmehr gerade bei dieser Gelegenheit erlauben, alle Prediger ernstlich zu warnen vor allen sogenannten „idealen Anschauungen;“ namentlich auch vor der: daß man böse Geschwüre in den Gemeinden mit solcher Klugheit und Umsicht behandeln könnte, daß beim Ausschneiden derselben kein Schmerz und keine Zuckung verspürt würde. So ist z. B. das Geheime⸗Gesellschafts⸗Wesen anerkanntermaßen ein wahrer Krebs in den Gemeinden; dieses Uebel wird nun auch von vielen Predigern angegriffen und bekämpft, aber mit so feiner Klugheit, mit so vorsichtiger und nachsichtiger Umsichtigkeit, daß der außerordentliche Kampf jahrelang währt, und auch die außerordentliche Wirkung hat, daß kein Schmerz, kein Streit, kein Abgang von Gemeindegliedern stattfindet, aber auch das außerordentliche Ziel erreicht, daß — — nichts ausgerichtet ist, sondern Alles beim Alten bleibt. Es rührt das von der „idealen Anschauung“ her, daß man dem Teufel auf den Kopf treten könnte, ohne daß derselbe es gleichsam selbst merkte, und darum das „in die Fersen stechen“ vergäße. Allein das ist eine Täuschung, die alte Schlange hat ihre Natur nicht verändert. Sticht sie nicht, so ist das ein sicherer Beweis, daß sie auch nicht getreten ist. Das Fußaufheben kann sie schon leiden, und „ideale Anschauungen“ thun ihr nicht weh!

Auch folgende Aphorisme ist unklar: „Sei wahr in allem! das ist eine Forderung, deren Recht alle, deren außerordentliche Schwierigkeit Wenige einsehen. Diese Schwierigkeit des Wahrseins findet sich aber überall, ganz besonders bei uns Predigern. Daß wir uns so geben dürften, wie es uns etwa ums Herz sein mag, daran ist ja gar nicht zu denken . . . . .“ Diese letzte Bemerkung aus einer general⸗synodalen Feder ist für einen „Missourier“ wirklich schwer zu verstehen. Ob das die Verschiedenheit des Geistes macht? Bei uns gilt die Regel: gib dich in allen Verhältnissen immer so, wie es dir ums Herz sein mag, sei wahr in Allem, vorausgesetzt,

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60 A New Homiletical Monthly.

In Dr. Mann's "Aphorisms" one finds much worth taking to heart, above all what he says about "the freedom" (more precisely: the laziness) of many preachers who do not consider it worth the trouble to prepare themselves thoroughly for their discourses. Other things in the Aphorisms are unintelligible to us. So, for instance, when he says: "It is indeed fortunate that we preachers hold a certain ideal view of our assembled congregations, for otherwise preaching would often become an unbearable burden to us. But this ideal view often misleads us into presupposing, for a great many things we say, a sympathy among our hearers that, as a matter of plain fact, is not there at all . . . ." What Dr. Mann means by an "ideal view" we cannot quite make clear to ourselves. Still more obscure is how the same thing can be called "fortunate." Every preacher, in our opinion, should rather strive, for the benefit of his congregation, to improve his ideal view into a true, accurate one — toward which the holy Apostle Paul, in his epistles, gives him good and sure guidance. Or did the Apostle Paul, perhaps, also have the good fortune of holding "ideal views"? — We would rather take this very occasion to warn all preachers earnestly against all so-called "ideal views"; and in particular against this one: that one could treat the evil ulcers in the congregations with such cleverness and circumspection that, in cutting them out, no pain and no flinching would be felt at all. Thus, for example, the secret-society business is, by common acknowledgment, a true cancer in the congregations; this evil is now also being attacked and fought by many preachers, but with such refined cleverness, with such cautious and indulgent carefulness, that the extraordinary struggle drags on for years, and has, moreover, the extraordinary effect that no pain, no conflict, no loss of members occurs — yet also achieves the extraordinary result that — — nothing at all is accomplished, and everything remains as it was. This comes from the "ideal view" that one could step on the devil's head without his so much as noticing it himself, and thereby forget that he would "strike at the heel." But that is a delusion; the old serpent has not changed its nature. If it does not strike, that is a sure proof that it has not been trodden on either. It can well tolerate having a foot raised against it, and "ideal views" do it no harm at all!

The following aphorism, too, is unclear: "Be true in everything! That is a demand whose rightness all perceive, but whose extraordinary difficulty few do. This difficulty of being true is found everywhere, but especially among us preachers. That we might present ourselves just as it happens to be in our hearts — that, indeed, is quite out of the question . . . . ." This last remark, coming from a General-Synod pen, is truly hard for a "Missourian" to understand. Can it be that this marks the difference in spirit? Among us the rule holds: conduct yourself in all circumstances always just as it is in your heart to do; be true in everything, provided,