Collection › Lehre und Wehre (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 7, Nummer 9 › Seite 287

Lehre und Wehre St. Louis, Missouri — September 1861, Seite 287

257 258 259 260 261 262 263 264 265 266 267 268 269 270 271 272 273 274 275 276 277 278 279 280 281 282 283 284 285 286 287 288

⤓ Download page image (full resolution)

German transcription AI-corrected against the scan

Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Predigtamt. 45⁵5⁷

⤓ Download .txt · copy text

Kirchlich-Zeitgeschichtliches. 287

Recensionen im weimarischen Sonntagsboten und in der Berliner evangelischen Kirchen⸗
zeitung mit freudiger Anerkennung darüber ausgesprochen haben, und Pfarrer Tümpel
aus dem Gothaischen in einer eignen Schrift ausführt. Der zweite Theil, welcher die
kirchlichen Handlungen enthalten soll, ist noch nicht erschienen.

Constantinopel. Es wird hier jeden Sonntag in dreißig Localen und in acht
verschiedenen Sprachen, in der englischen, französischen, deutschen, spanischen, griechischen,
armenischen, hebräischen und türkischen s. g. evangelischer Gottesdienst gehalten. Die
Gottesdienste in englischer und armenischer Sprache werden von etwa 200 Personen besucht.
Die eingebornen Protestanten belaufen sich auf etwa 600 Seelen, die sich an sechs Orten,
zu verschiedenem Cultus versammeln. Die Fremden, größtentheils Engländer und
Deutsche, können auf 5000 Seelen geschätzt werden.

Die Lehre der Kirche in ihren Symbolen. Die scharfe Kritik, welche
die Schrift: „Minister von Raumer,“ in Kliefoth's theol. Zeitschrift (in dem Artikel:
„Carricaturen conservativer Kirchlichkeit“) erfahren hat, scheint Dr. Hengstenberg etwas
aus dem Gleichgewicht gebracht zu haben. In seiner Ev. Kirchenzeitung vom Juni d. J.
findet sich eine Antikritik, in welcher wir ihn zu Gegenerklärungen hingerissen sehen, die
wir aus seinem Munde kaum erwartet hätten. Er spricht sich hierüber auch selbst also
aus: „Wir sind hier anderer Meinung und befinden uns nun allerdings, indem wir sie
darzulegen versuchen, zunächst in einer gewissen Verwunderung über uns selbst. Wir
sind sonst nicht in der Lage, gegen lutherische Bestrebungen zu streiten und haben es immer
für unsere Aufgabe gehalten, sie in ihren gerechten Kämpfen für das geschichtliche“ (nicht
mehr?) „Recht der Kirche zu stärken. Aber unser Gegner hat uns in diese Position ge⸗
bracht, und die rechte Freiheit wissenschaftlicher Bewegung und kirch⸗
licher Entwickelung ist ein zu theuer erworbenes Gut, als daß wir uns nicht ver⸗
pflichtet fühlen müssen, es auch gegen ihn in Schutz zu nehmen.“ Und nun folgen Erklä⸗
rungen wie folgende: „Die reine Lehre ist nicht identisch mit der orthodoxen Lehre.. Es
ist eine Schwäche unserer Bekenntnißschriften als solcher und namentlich der sonst so ausge⸗
zeichneten Concordienformel, daß sie von theologischen Ausführungen sich nicht ganz frei⸗
gehalten haben. Wir sind dadurch in die Lage gebracht, ihnen gegenüber das allerdings
bedenkliche quatenus nicht schlechthin entbehren zu können; und nun ist natürlich damit
nicht das gesagt, daß sie nur in so weit gelten sollen, als sie mit der heil. Schrift zu⸗
sammenstimmen.“ (Was denn? — H. fährt fort:) „Das ist der bekannte rationalisti⸗
sche Ausweg, auf welchem man den ganzen Glaubensgehalt derselben und damit ihre
ganze kirchliche Bedeutung beseitigt hat. Sondern das ist die Meinung, daß sie nur da
bindend und verpflichtend sind, wo sie das Bekenntniß der Kirche im eigentlichen Sinne, d.i.
die Grundwahrheiten und Grundthatsachen des Evangelii, wo sie eigentliche Glaubensarti⸗
kel uns darbieten.“ (Das ist das bekannte Löhe'sche quatenus, aber welche Gewähr
bleibt dann, daß der Theolog wirklich sich durch „das Bekenntniß der Kirche im eigentlichen
Sinne“ für gebunden ansieht und nicht eine subjective Auswahl macht?) Weiter schreibt
Dr. H.: „Sodann ist die reine Lehre, wie sie symbolisch fixirt ist, darum nicht auch schon
die vollkommene unter allen Umständen zureichende Lehre. Wir dürfen nicht übersehen,
daß das lutherische Bekenntniß in sehr stürmischer Zeit und unter schweren Kämpfen mit
heftigen Gegnern formulirt ist. In Folge dieses Umstandes ist es geschehen, daß die strei⸗
tige Lehre in den Vordergrund getreten, und andere, für das Wohlsein der Kirche keinesweges
gleichgültige, wenn nicht mit Stillschweigen übergangen, doch minder beachtet worden sind.
Neue Verhältnisse regen neue Fragen an und nicht immer werden wir in den symbolischen
Schriften die vollständig genügende Antwort finden. Die Lehre von den letzten Dingen,
von der Höllenfahrt Christi, die für die rechte Einsicht in die Gesammtwahrheit des Evan⸗
gelii nicht unwichtig ist, die Lehre von den Sacramenten, ihrem Verhältniß zum Worte
Gottes und ihrer specifischen Wirksamkeit, die neuerlich so in den Vordergrund getretenen
Lehren von der Kirche, deren Amte und Verfassung sind nur unzureichend behandelt.“
„Merkwürdig daß H. hier gerade lauter in der Zeit der Verfassung der Symbole „streitige
Lehren“ nennt, die daher alle in den Symbolen ex professo behandelt sind, während er doch

English translation AI translation

⤓ Download .txt · copy text

Ecclesiastical-Contemporary Notes. 287

reviews in the Weimar Sonntagsbote and in the Berlin Evangelical Kirchenzeitung have expressed themselves about it with joyful appreciation, and Pastor Tümpel of the Gotha region sets it forth in a treatise of his own. The second part, which is to contain the liturgical acts, has not yet appeared.

Constantinople. Here a so-called evangelical service is held every Sunday in thirty locations and in eight different languages — English, French, German, Spanish, Greek, Armenian, Hebrew, and Turkish. The services in English and Armenian are attended by about 200 people. The native Protestants number about 600 souls, who gather in six places for various forms of worship. The foreigners, mostly English and German, may be estimated at 5000 souls.

The Doctrine of the Church in Its Symbols. The sharp criticism which the pamphlet "Minister von Raumer" has undergone in Kliefoth's theological journal (in the article "Caricatures of Conservative Churchliness") seems to have thrown Dr. Hengstenberg somewhat off balance. In his Evangelische Kirchenzeitung of June of this year there appears a counter-critique, in which we see him carried away into counter-declarations such as we would scarcely have expected from his mouth. He himself expresses himself on this as follows: "We are of a different opinion here, and, in attempting to set it forth, we find ourselves at first in a certain astonishment at ourselves. We are not otherwise in the position of contending against Lutheran endeavors, and have always held it our task to strengthen them in their just struggles for the historical" (no longer?) "right of the church. But our opponent has put us in this position, and the true freedom of scholarly movement and ecclesiastical development is too dearly bought a good for us not to feel obliged to defend it, even against him." And now follow declarations such as the following: "Pure doctrine is not identical with orthodox doctrine.... It is a weakness of our confessional writings as such, and particularly of the otherwise so excellent Formula of Concord, that they have not kept entirely free of theological elaborations. We are thereby placed in the position of not being able simply to dispense with the admittedly questionable quatenus [insofar as] with respect to them; and now this naturally does not mean that they are to be valid only insofar as they agree with Holy Scripture." (Then what does it mean? — H. continues:) "That is the well-known rationalist evasion, by which the whole content of faith they contain, and with it their whole ecclesiastical significance, is done away with. Rather, the meaning is this: that they are binding and obligatory only where they present to us the confession of the church in the proper sense, that is, the fundamental truths and fundamental facts of the Gospel, where they offer us properly articles of faith." (That is the well-known Löhean quatenus — but what guarantee remains, then, that the theologian really regards himself as bound by "the confession of the church in the proper sense" and is not making a subjective selection?) Dr. H. writes further: "Furthermore, pure doctrine, as it is symbolically fixed, is not therefore already, under all circumstances, the complete and sufficient doctrine. We must not overlook that the Lutheran confession was formulated in a very stormy time and amid severe struggles with fierce opponents. As a consequence of this circumstance it has come about that the doctrine then in dispute was pushed into the foreground, while others, by no means indifferent to the well-being of the church, if not passed over in silence, were nevertheless given less attention. New circumstances raise new questions, and we shall not always find the fully sufficient answer in the symbolical writings. The doctrine of the last things, of the descent of Christ into hell, which is not unimportant for the right insight into the total truth of the Gospel; the doctrine of the sacraments, their relation to the Word of God and their specific efficacy; the doctrines concerning the church, its office, and its constitution, which have recently come so much to the fore, are only inadequately treated." "It is remarkable that H. here calls precisely those loud 'disputed doctrines' of the time when the symbols were composed — doctrines which are therefore all treated ex professo in the symbols — while he himself