Collection › Lehre und Wehre (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 50, Nummer 4 › Seite 190
Lehre und Wehre St. Louis, Missouri — April 1904, Seite 190
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Abendmahl · Abendmahl—Gegenwart 13 · Glaube · Glaube 20 · Gnade 3
19⁰ Kirchlich⸗Zeitgeſchichtliches.
punktes treten. Auch hier iſt das Studium des Evangeliums und der apoſtoliſchen
Briefe ſehr lehrreich. Das Ordensweſen iſt zwar nicht von Anfang an in der Kirche
üblich geweſen, hat aber ſeine tiefen Wurzeln in dem contemplativen und asketiſchen
Geiſt des Evangeliums und iſt daher als eine echte Ausgeburt des Chriſtenthums zu
erachten und zu ſchätzen. Da aber die Ordensidee der Gedanke der höheren Voll⸗
kommenheit iſt, ſo muß um ſo ſtrenger gerade hier auf Ausartungen ein wachſamer
Blick gerichtet werden. Die Aufnahme geſchehe nach ſtrengen moraliſchen Kriterien,
ohne Rückſicht auf das Ordensbedürfniß; auch ein längeres Noviziat und vor allem
ein höheres Alter (40 bis 50 Jahre) wäre dringendes Bedürfniß, namentlich für die
männlichen Orden. Einmiſchung in weltliche Gebiete, beſonders in das politiſche,
Verdrängung des Weltelerus aus einflußreichen Poſitionen und Functionen, ärger⸗
liche Beanſpruchung und Geltendmachung von Privilegien, Anhäufung und Gewin⸗
nung von Geldmaſſen, Ueppigkeit und hochmüthige Geſinnung möge mit allen
Mitteln hintangehalten werden, da erfahrungsgemäß gerade die Haltung der Orden
der Kirche die meiſten Schwierigkeiten gegenüber dem Staat bereitet. Auch der
Weltelerus ſoll ſich ſeiner umfaſſenden und heiligen Aufgabe, die einen ganzen Mann
erfordert, ausſchließlich widmen und vor allem das große Aergerniß politiſcher Wirk⸗
ſamkeit, das ſo viele Herzen der Kirche entfremdet, vermeiden. Viel näher ſteht ihm
das pädagogiſche Gebiet, wo ſeine Poſition ernſtlich bedroht, ja, vielfach ſchon unter⸗
graben iſt. Er mache ſich theoretiſch und praktiſch mit den neueren Methoden gründ⸗
lich vertraut, und zwar nicht bloß auf katechetiſchem, ſondern auf allgemein ſchuliſchem
Gebiet; zu empfehlen ſind praktiſche Curſe und jährige Uebungen im Schulehalten,
damit der Vorwurf des „Nichtfachmannes“, den ſelbſt der Volksſchullehrer zu erheben
ſich erkühnt, als völlig haltlos ſich herausſtelle. Pädagogiſche Inſpectionen und
Scholarchate ſollen nicht als Nebenfächer geübt werden, ſondern ſollen rein nach
techniſchen Rückſichten unter Zulaſſung der Laienconcurrenz beſetzt werden. Der
Kreisſchulinſpector ſoll immer ein Geiſtlicher ſein; es widerſpricht der Würde des
Theologen, einen nicht akademiſch Gebildeten als Vorgeſetzten zu haben. Die Biſchöfe
mögen in dieſem Sinne auf die Regierungen ihren Einfluß üben. In der Verwal⸗
tung der Diöceſen möge dem Seelſorgeclerus, und zwar nicht etwa bloß den Decanen,
ein Einfluß mindeſtens in berathender Hinſicht vergönnt werden. Eine offene Aus⸗
ſprache über ſchwebende Fragen würde der Oberleitung ſicher von Nutzen und dem
Vertrauensverhältniß zwiſchen Biſchof und Clerus von hoher Förderung ſein; da⸗
durch würde auch der Stimmung im Clerus ein Ventil und der ärgerlichen anonymen
Auseinanderſetzung in der Preſſe, zumal in der altkatholiſchen, ein Paroli geboten
ſein. Die umfangreichen Rechte der Prieſter der alten Kirche in beſchließender und
optirender Hinſicht wagen wir jedoch keineswegs zurückzufordern. Sehr wichtig iſt,
daß der katholiſchen Wiſſenſchaft die Feſſeln immer größerer Bevormundung, präven⸗
tiver Cenſur, rigoroſer Behandlung ohne Rückſicht auf Adel der Motive genommen
werden, da das Anſehen und die Zukunft der Theologie auf dem Spiele ſteht. Eine
Kritik und Cenſur ſoll nur von ſolchen geübt werden, die an Gelehrſamkeit dem
Autor ebenbürtig ſind; Kenntniß der Sprache, in der das Werk geſchrieben iſt, ein⸗
gehende, zuſammenhängende Lectüre und unbefangener, nicht zu engherziger Stand⸗
punkt ſind unbedingte Erforderniſſe eines Cenſors. Es iſt kränkend, einen verdienten
Gelehrten zu indiciren (ſeine Werke auf den Index der verbotenen Bücher zu ſetzen),
ohne ſeine Interpretation gehört zu haben. Die neuerdings verſchärften Grundſätze
über Leſung und Anſchaffung verbotener Bücher erfordern im Intereſſe der Bildung
und des kirchlichen Anſehens dringend eine Milderung. Statt rein negativer dürfte
beſſer die poſitive Arbeit, die obrigkeitliche Widerlegung moderner Irrthümer Gegen⸗
ſtand der zur Reinerhaltung des Glaubens aufgeſtellten Congregationen ſein. Was
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