Collection › Lehre und Wehre (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 3, Nummer 4 › Seite 107
Lehre und Wehre St. Louis, Missouri — April 1857, Seite 107
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Der Rumor über die neuesten Oberconsistorialgeneralien in Bayern. 107
drängt sich die Vermuthung auf, daß sie den übrigen Kirchgenossen nicht bekannt werden sollten. Diejenigen, über welche Gewalt geübt werden will (!), sollten nicht wissen, nicht erfahren, wie und nach welchen Rechten verfahren werden soll. Muß ein solches Vorschreiten der geistlichen Gewalt, zumal im Zusammenhalt mit dem bereits dem Vernehmen nach theilweise stattfindenden Vollzug der erlassenen Anordnungen, nicht den Verdacht wecken und nähren, als seien es vornehmlich hierarchische Bestrebungen, welche den jüngsten Verfügungen des Kirchenregiments zu Grunde liegen?“ — Daß die Erlasse an die Pfarrämter hinausgegeben wurden, um sie, und namentlich den über Kirchenzucht, den Kirchenvorständen mitzutheilen und mit ihnen zu besprechen, das ignoriren diese „Protestanten;“ sollten die Oberconsistorialgeneralien etwa durch Maueranschläge süßen Angedenkens veröffentlicht worden sein? Denn hätte man auch Erlasse, die größtentheils erst von allmähliger Anbahnung besserer Zustände handeln, von den Kanzeln verlesen lassen wollen, so würden sie doch ihrem wörtlichen Inhalte nach den meisten jener „Protestanten“ aus augenfälligen Gründen verborgen geblieben sein. Woher sind sie aber nun doch zu ihrer Kenntniß gekommen, wenn die Sache so geheim betrieben wurde? — Aber freilich: „Mehr noch als der Mangel an Offenheit ist es der Inhalt der Erlasse des königl. Oberconsistoriums, welcher die evangelisch⸗lutherische Kirchengemeinde schwer beunruhigt“ (fährt die Adresse fort). „Gewissensfreiheit, Freiheit der Meinungsäußerung, Gleichheit vor dem Gesetz sind in der Verfassungsurkunde gewährleistete Rechte eines jeden bayerischen Unterthans. Eben diese Rechte sind aber auch geheiligt und gesichert durch die Gesetze unserer Kirche. Sie und in ihnen die Grundpfeiler des Protestantismus sind erschüttert und bedroht.“ — Da müssen wir wieder ein wenig inne halten und nachdenken. Die Gewissensfreiheit sei durch die Erlasse des Oberconsistoriums erschüttert und bedroht, und — damit die Verfassung verletzt; das ist die Anklage. Und allerdings erklärt die Verfassungsurkunde Tit. IV. § 9: „Jedem Einwohner des Reichs wird vollkommene Gewissensfreiheit gesichert; die Hausandacht darf daher niemanden, zu welcher Religion er sich bekennen mag, untersagt werden.“ Nun, hat vielleicht das Oberconsistorium in jenen Erlassen irgend jemand die Hausandacht untersagt? Das behauptet niemand, kanns auch niemand behaupten; die Verfassungsverletzung muß also wo anders stecken. Sehen wir weiter nach. Die Beilage II. zur Verfassungsurkunde bestimmt „über die äußern Rechtsverhältnisse in Beziehung auf Religion und kirchliche Gesellschaften;“ und da heißt es im zweiten Kapitel, das von der Wahl des Glaubensbekenntnisses handelt, § 5: „Die Wahl des Glaubensbekenntnisses ist jedem Staatseinwohner nach seiner eigenen, freien Ueberzeugung überlassen.“ Hat nun vielleicht das Oberconsistorium durch seine Erlasse jene eifrigen „Protestanten“ gehindert, nach ihrer eigenen freien Ueberzeugung sich ein anderes Glaubensbekenntniß zu wählen? Mit nichten. Sie sind sich dessen auch selbst so sehr bewußt, daß sie ja bereits gedroht haben, sich ein anderes zu wählen, reformirt oder katholisch
English translation AI translation
The uproar over the most recent Superior Consistory generalia in Bavaria. 107
the suspicion suggests itself that they were not meant to become known to the other members of the church. Those over whom power is being exercised (!) were not supposed to know, not to learn, how and by what rights it would proceed. Must not such an advance of spiritual power, especially taken together with the partial implementation of the issued ordinances already reportedly under way, awaken and nourish the suspicion that it is chiefly hierarchical aspirations that underlie the most recent measures of the church government?" — That the decrees were sent out to the parish offices in order to communicate them, and in particular the one on church discipline, to the church councils and to discuss them with them — that these "Protestants" ignore; were the Superior Consistory generalia perhaps supposed to have been published by means of wall placards, of sweet memory? For even had one wished to have decrees, which for the most part deal only with the gradual initiation of better conditions, read out from the pulpits, their literal content would still, for obvious reasons, have remained hidden from most of those "Protestants." How then did they nevertheless come to knowledge of them, if the matter was conducted so secretly? — But of course: "More even than the lack of openness, it is the content of the decrees of the royal Superior Consistory which gravely disquiets the Evangelical Lutheran church congregation" (the address continues). "Freedom of conscience, freedom of expression of opinion, equality before the law are rights guaranteed to every Bavarian subject in the constitutional charter. But these very rights are also sanctified and secured by the laws of our church. They, and in them the cornerstones of Protestantism, are shaken and threatened." — Here we must again pause a little and reflect. Freedom of conscience, it is said, has been shaken and threatened by the decrees of the Superior Consistory, and — thereby the constitution violated; that is the accusation. And indeed the constitutional charter declares, in Title IV, § 9: "Every inhabitant of the realm is guaranteed complete freedom of conscience; domestic devotion may therefore be forbidden to no one, to whatever religion he may profess." Now, has the Superior Consistory perhaps, in those decrees, forbidden anyone domestic devotion? No one asserts that, no one can assert it either; the violation of the constitution must therefore lie elsewhere. Let us look further. Appendix II to the constitutional charter determines "concerning the external legal relations with regard to religion and church societies;" and there it says, in the second chapter, which deals with the choice of confession of faith, § 5: "The choice of confession of faith is left to every inhabitant of the state according to his own free conviction." Has the Superior Consistory perhaps, through its decrees, hindered those zealous "Protestants" from choosing another confession of faith according to their own free conviction? By no means. They themselves are so very much aware of this that they have already threatened to choose another one, to become Reformed or Catholic