Collection › Lehre und Wehre (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 1, Nummer 7 › Seite 212
Lehre und Wehre St. Louis, Missouri — Juli 1855, Seite 212
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German transcription AI-corrected against the scan
212 Prof. Dr. Hengstenbergs Urtheil über den Stand der Union.
natürlich keinen Boden hat. Hengstenberg schreibt, ziemlich zu Ende seines Vorworts, in der 5. und 6. Nummer des Januars, wie folgt:
Die Freunde der absorptiven Union haben sich in dem vergangenen Jahre viel rühriger gezeigt als ihre Gegner. Es erklärt sich dies daraus, daß die ersteren ihrer Sache selbst aufhelfen müssen, die letzteren dagegen auf Grund so mancher Thatsachen, welche zeigen, daß das Wahre in der confessionellen Richtung jetzt nach Gottes Fügung zur Geltung kommen soll, das Wort ins Herz geschlossen haben: „Der Herr wird für euch streiten, und ihr werdet stille sein.“
Die Vertheidiger der absorptiven Union fahren fort, ihre Union für die Union überhaupt auszugeben. Wir dagegen behaupten, daß dies eine Anmaßung ist, daß der objektive Thatbestand der Union nur die Vereinigung im Kirchenregiment ist und eine mit derselben Hand in Hand gehende Geneigtheit zur gegenseitigen Zulassung zum Abendmahl, ohne daß für dieselbe gesetzlicher Zwang bestände und ohne daß sie von den Umständen völlig unabhängig wäre. Daß die Vertheidiger der Lehrunion nicht einmal den Buchstaben der Kabinetsordren für sich haben, ist schon vielfach in diesen Blättern nachgewiesen worden: die von 1817 wird durch die von 34 mindestens neutralisirt. Wäre dies aber auch anders, so würde das nichts ausmachen. Wir wollen es hier so klar und unverholen wie möglich aussprechen: Die Kabinette sind nicht der Ort, wo die Dogmen der Kirche auch nur leise modificirt, geschweige denn gemacht werden; auf dem Gebiete der Lehre haben die „vorzüglichsten Glieder der Kirche“ nicht im mindesten mehr Recht wie die geringsten, und eine Kabinetsordre, welche neue Festsetzungen in Bezug auf die Lehre treffen wollte, würde nimmer einen rechtlichen Zustand begründen können. Wäre dies anders, so hätten wir sehr Unrecht auf das Papstthum herabzusehen. Dort ist die weltliche Gewalt doch nur Annex der geistlichen, hier wäre die höchste geistliche Gewalt Annex der weltlichen. Dazu kommt, daß die Lehrgewalt des Papstes eine mannigfach beschränkte ist, durch Concilien, das Collegium der Cardinäle u. s. w.
Fahren sie aber fort in ihrem gegen göttliches und menschliches Recht streitenden Eindringen auf fremdes Gebiet, so werden sie dieselben Folgen hervorrufen, wie einst ihre Vorgänger, die Kryptocalvinisten. In dem fortwährenden Kampfe gegen das andringende Unrecht wird das confessionelle Bewußtsein gar leicht einen Zusatz von Bitterkeit erlangen, es wird wenigstens theilweise versucht werden der Wahrheit zu entsagen, welche der absorptiven Union zu Grunde liegt und in ihr nur verzerrt und ins Fleisch gezogen wird, und das um so mehr, da die Vertreter der absorptiven Union mit einzelnen rühmlichen Ausnahmen selbst gar sehr von dem Geiste der Bitterkeit durchdrungen sind,*) welcher so leicht sich einstellt, wenn man auf selbstgemachten
*) Ein eclatantes dies belegendes Beispiel ist Herr Stier. L. u. W.
English translation AI translation
212 Prof. Dr. Hengstenberg’s Judgment on the State of the Union.
naturally has no basis. Hengstenberg writes, fairly near the end of his preface, in the fifth and sixth January issues, as follows:
The friends of the absorptive Union have shown themselves much more active during the past year than their opponents. This is explained by the fact that the former must themselves help their cause along, while the latter, on the basis of so many facts showing that, by God’s providence, what is true in the confessional position is now to prevail, have taken to heart the words: “The Lord will fight for you, and you shall be still.”
The defenders of the absorptive Union continue to represent their Union as the Union as such. We, on the other hand, maintain that this is a presumption; that the objective substance of the Union consists only in unification under one church government and in a corresponding willingness to admit one another to the Lord’s Supper, without any legal compulsion to do so and without this willingness being entirely independent of circumstances. It has already been demonstrated many times in these pages that the defenders of doctrinal union do not even have the letter of the royal cabinet orders on their side: the order of 1817 is at least neutralized by that of 1834. But even if this were otherwise, it would make no difference. We wish to state it here as clearly and frankly as possible: royal cabinets are not the place where the Church’s dogmas may be even slightly modified, much less made; in the sphere of doctrine, the “most distinguished members of the Church” have not the least bit more right than the humblest, and a royal cabinet order that sought to make new determinations concerning doctrine could never establish a lawful state of affairs. If it were otherwise, we would be very wrong to look down upon the papacy. There the secular authority is, after all, only an appendage of the spiritual authority; here the highest spiritual authority would be an appendage of the secular authority. Moreover, the pope’s doctrinal authority is restricted in many ways—by councils, the College of Cardinals, and so forth.
But if they continue their encroachment upon another’s territory in defiance of divine and human law, they will produce the same consequences as their predecessors, the Crypto-Calvinists, once did. In the continual struggle against encroaching injustice, confessional consciousness will very easily acquire an added bitterness; at least in part, attempts will be made to renounce the truth that underlies the absorptive Union and is merely distorted and made carnal within it, all the more so because, with a few praiseworthy exceptions, the representatives of the absorptive Union are themselves deeply imbued with the spirit of bitterness,*) which so easily arises when one stands upon a self-made
*) A striking example that proves this is Mr. Stier. L. u. W.