Collection › Lehre und Wehre (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 10, Nummer 6 › Seite 178
Lehre und Wehre St. Louis, Missouri — Juni 1864, Seite 178
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Wucher
178 Martin Chemnitz über den Wucher.
lehrt in seinen Randglossen jene Unterscheidung mit diesen Worten: Etliche sind Lehr-Gesetze, welche zeigen, welches der Wille sei Röm. 12, 2., etliche Wehr-Gesetze, wann in politischen Verfassungen manches Böse geduldet wird, damit nichts Schlimmeres geschehe. Ebenso wird die Stelle vom Wucher erklärt Matth. 5, 42., Luc. 6, 35. Die Deuteroten gaben nehmlich diese Auslegung: Weil Moses in den Gesetzen vom Leihen und Wuchern zwischen den Nächsten oder Brüdern und den Fremden einen Unterschied macht, so werde dem Willen Gottes genügt, wenn nur die Freunde durch den Liebesdienst des Leihens unterstützt würden, es sei aber keine Sünde, wenn andere durch Wucher ausgesogen würden. Christus aber, welcher gesandt war, nicht daß er ein politischer Gesetzgeber wäre, sondern daß er das Gewissen vor Gott durch Offenbarung seines ewigen und unwandelbaren Willens unterrichtete, sagt, im Gericht des Gewissens, gelte jener Unterschied zwischen dem Nächsten und dem Fremden, welcher Unterschied in der bürgerlichen Gesellschaft seinen Platz hat, nicht, sondern: Gib jedem, der dich bittet, er sei Freund oder Feind. Und von jenem gemeinen Leihen, mag es den Armen oder Reichen, den Freunden oder Feinden, geschehen, sagt er: „Daß ihr nichts dafür hoffet.“ Wie also das Gesetz des Scheidebriefs auch politisch abgeschafft ist, so soll es auch dieselbe Bewandniß mit der Bestimmung über den Wucher haben, wie aus dem, was wir gesagt haben, offenbar ist. — Dieses habe ich über die Stelle 5 Mos. 23. etwas weitläuftiger angemerkt, weil diese Erklärung für viele Fragen Licht gibt, und es war Anfangs zu zeigen, daß es keinen Fall gebe, in welchem die Schrift den Wucher als eine gute, fromme und erlaubte Sache im Gewissen vor Gott billigte.
Was die übrigen Stellen betrifft 5 Mos. 5, 6., 28, 12., so ist die Antwort leicht aus der Art des Ausdrucks. Denn der Text sagt nicht, daß der Wucher, welcher anderwärts so hart verdammt wird, ein göttlicher Segen sei. Denn das Wort Wucher steht in keiner von den beiden Stellen, sondern Abat und Lavah, was Leihen bedeutet, so daß der Sinn dieser ist: Durch Gottes Segen werden deine Sachen so glücklich stehen, daß sie nicht nur zu deinen und der Deinigen Bedürfnissen hinreichen, sondern auch, daß du ohne deinen Nachtheil fremde Völker durch den Dienst des Leihens wirst unterstützen können.
Weil wir nun gezeigt haben, daß das Wort Gottes den Wucher in keinem Falle im Gericht des Gewissens vor Gott gutheiße, so sind nun die Zeugnisse der Schrift davon zu bemerken, nicht was Moses im politischen Gericht, sondern was Gott vor seinem Richterstuhl vom Wucher urtheile. Hierbei ist darauf zu achten, daß die Schrift den Wucher nicht tadelt, wie das Gesetz Gottes viele Gebrechen auch in den Heiligen in diesem Leben straft; es ist vielmehr die Härte der Worte in jedem einzelnen Zeugniß zu erwägen, worin der Wucher verdammt wird. 5 Mos. 23, 19.: Du sollst an deinem Bruder nicht wuchern ꝛc., sondern ohne Wucher, wessen er bedarf, leihen, auf daß dich der HErr, dein Gott, segne in allem, was du vornimmst im Lande ꝛc. Also wird der
English translation AI translation
178 Martin Chemnitz on Usury.
teaches, in his marginal glosses, that distinction in these words: Some are teaching-laws, which show what the will [of God] is, Romans 12:2; some are defense-laws, in that in political constitutions much evil is tolerated so that nothing worse may happen. In the same way the passage concerning usury is explained, Matt. 5:42, Luke 6:35. For the Deuterotae gave this interpretation: since Moses, in the laws concerning lending and usury, makes a distinction between neighbors or brothers and foreigners, the will of God is satisfied if only friends are supported by the loving service of lending, while it is no sin if others are drained by usury. But Christ, who was sent not to be a political lawgiver, but to instruct the conscience before God through the revelation of his eternal and unchangeable will, says that in the tribunal of conscience that distinction between neighbor and foreigner — a distinction which has its place in civil society — does not hold; but rather: Give to everyone who asks of you, whether he be friend or enemy. And concerning that ordinary lending, whether it be done to the poor or the rich, to friends or enemies, he says: "Hoping for nothing again." Just as the law of the bill of divorce has also been abolished politically, so the same must hold of the provision concerning usury, as is evident from what we have said. — I have remarked on this at somewhat greater length concerning the passage Deuteronomy 23, because this explanation sheds light on many questions, and it was necessary first to show that there is no case in which Scripture approves of usury, in the conscience before God, as a good, godly, and permissible thing.
As for the remaining passages, Deuteronomy 5:6, 28:12, the answer is easy from the manner of the expression. For the text does not say that usury, which is elsewhere so harshly condemned, is a divine blessing. For the word "usury" occurs in neither of the two passages, but rather "Abat" and "Lavah," which mean "to lend," so that the sense of this is: through God's blessing your affairs will stand so prosperously that they will not only suffice for your own needs and those of your household, but that you will also, without harm to yourself, be able to support foreign nations by the service of lending.
Since we have now shown that the Word of God does not, in any case, approve of usury in the tribunal of conscience before God, the testimonies of Scripture concerning it are now to be noted — not what Moses judged in the political court, but what God, before his judgment seat, judges concerning usury. Here it must be noted that Scripture does not merely rebuke usury in the way that God's Law punishes many faults even in the saints in this life; rather, the severity of the words is to be weighed in each individual testimony in which usury is condemned. Deuteronomy 23:19: You shall not charge your brother usury, etc., but shall lend him, without usury, whatever he needs, so that the LORD your God may bless you in all that you undertake in the land, etc. Thus the