Collection › Lehre und Wehre (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 7, Nummer 3 › Seite 77
Lehre und Wehre St. Louis, Missouri — März 1861, Seite 77
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Rechtfertigung
Referat über die Predigt der rechten Lehre von der Rechtfertigung. 77
gen der angeerbten bösen Lust wird durch die Drohungen des Gesetzes nicht im Geringsten gehemmt. Ein Mensch z. B. kann wohl durch solche Wirkung des Gesetzes und anderweitige feine äußerliche Zucht vor dem Ausbruch der bösen Lust in Hurerei und Ehebruch bewahrt bleiben; aber innerlich entbrennet sie um so heftiger, je weniger er von Gott die sonderliche Gabe der Keuschheit und Enthaltung hat, und je stärker von Natur sein Geschlechtstrieb ist. Je mehr er also mit dem Gesetz wider diese böse Lust ankämpft, desto unkeuscher und unzüchtiger, voll Brunst und Geilheit und ein desto größerer Sünder wird er deshalb vor Gott.
Zum Andern, wo die Lehre von der Buße gesetzlich überspannt und dem reumüthigen Menschen, dem man keine Heuchelbuße nachweisen kann, der Trost des Evangelii vorenthalten wird, da wird eben auf schädliche und seelenverderbliche Weise die Lehre von der Rechtfertigung und vom Glauben verkürzt. Darum soll ein lutherischer Prediger niemals und nirgends das Gesetz allein predigen, sondern darnach auch das Evangelium, damit die reumüthigen Sünder nicht aufgehalten werden, zu glauben. So heißt es denn auch im 12. Artikel der Augsburgischen Confession: „Und ist wahre rechte Buße eigentlich Reu und Leid oder Schrecken haben über die Sünde und doch daneben glauben an das Evangelium und Absolution, daß die Sünde vergeben und durch Christum Gnade erworben sei, welcher Glaube wiederum das Herz tröstet und zufrieden macht.“ Und wäre auch nur ein einziger bußfertiger Sünder — aber wer kann wissen, ob deren nicht mehrere sind — unter einem großen Haufen Unbußfertiger, so soll doch diesem „seine. Gebühr“ nämlich das Evangelium nicht verhalten werden.
Zudem soll allen Menschen, sie seien innerlich reumüthig oder nicht, das Evangelium gepredigt werden, zur Erzeugung des Glaubens in dem Bußfertigen und zu einem Zeugniß wider die Unbußfertigen schon jetzt in ihrem Gewissen, darnach in ihrer Todesstunde und endlich am Gericht des jüngsten Tages, falls sie in Unbußfertigkeit verharren und gerade auf die Predigt des Evangelii, aus Schuld der äußersten Verderbniß unserer Natur, der natürliche, erbsündliche angeborene Unglaube des Herzens sich in den böswilligen Unglauben wider Christum und sein Evangelium umsetzt und verschlimmert.
Endlich kann es auch geschehen, daß das Evangelium, wo es voll und rein mit Beweisung des Geistes und der Kraft und mit freudigem Aufthun des Mundes, einem gemischten Haufen bezeugt wird, durch den Ueberschwang der Güte Gottes und der Liebe Christi, diesen und jenen Brand aus dem Feuer reißt, den die bloße Predigt des Gesetzes nur immer tiefer hineingestoßen hätte, also daß er darin ewiglich verdorben wäre. Denn mitten in dem unschlachtigen und verkehrten Geschlecht der offenbar Unbußfertigen, denen allerdings die Predigt des Evangelii ein Geruch des Todes zum Tode ist, giebt es immer, auch in dieser unsrer Zeit des massenhaften Abfalls vom Glauben und des groben oder feinen Sündendienstes, etliche Menschen, die das Schwert des Gesetzes im Gewissen schon verwundet hat und die da⸗
English translation AI translation
Report on the Preaching of the Correct Doctrine of Justification. 77
ments of inherited evil desire is not in the least restrained by the threats of the Law. A person, for example, may indeed, through such an effect of the Law and other refined outward discipline, be kept from the outbreak of evil desire into fornication and adultery; but inwardly it burns all the more fiercely, the less he has from God the special gift of chastity and continence, and the stronger his sexual drive is by nature. The more, then, he fights against this evil desire with the Law, the more unchaste and unclean, full of heat and lust, and so much the greater a sinner he thereby becomes before God.
Secondly, where the doctrine of repentance is legalistically overstrained, and the comfort of the Gospel is withheld from the penitent person in whom no feigned repentance can be shown, there the doctrine of justification and of faith is being curtailed in a harmful and soul-destroying way. Therefore a Lutheran preacher should never and nowhere preach the Law alone, but afterward the Gospel as well, so that penitent sinners are not held back from believing. Thus it is also stated in Article 12 of the Augsburg Confession: "And true, proper repentance consists properly in having contrition and sorrow, or terror, on account of sin, and yet at the same time believing the Gospel and absolution, that sin is forgiven and grace obtained through Christ — which faith in turn comforts the heart and sets it at peace." And even if there were only a single penitent sinner — though who can know whether there are not more — among a great crowd of the impenitent, this one should nevertheless not be denied "his due," namely, the Gospel.
Moreover, the Gospel should be preached to all people, whether they are inwardly penitent or not, for the producing of faith in the penitent, and as a testimony against the impenitent — already now in their conscience, afterward in their hour of death, and finally at the judgment of the last day, should they persist in impenitence — precisely because, in the face of the preaching of the Gospel, owing to the utmost corruption of our nature, the natural, inherited, innate unbelief of the heart turns into, and worsens into, malicious unbelief against Christ and his Gospel.
Finally, it can also happen that the Gospel, where it is testified fully and purely, with demonstration of the Spirit and of power, and with a joyful opening of the mouth, to a mixed multitude, snatches this or that brand out of the fire through the overflowing abundance of God's goodness and Christ's love — a brand which the mere preaching of the Law would only have driven ever deeper in, so that he would have been eternally lost in it. For in the very midst of the uncouth and perverse generation of the manifestly impenitent, to whom indeed the preaching of the Gospel is a savor of death unto death, there are always, even in this our time of wholesale falling away from the faith and of gross or refined service of sin, some people whose conscience the sword of the Law has already wounded, and who there-