Collection › Lehre und Wehre (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 3, Nummer 12 › Seite 379
Lehre und Wehre St. Louis, Missouri — December 1857, Seite 379
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Die lutherische Kirche im Norden Europa's. 379
der Grenzen mehr andeutender Allgemeinheit halten. Der Regierungsantritt des gegenwärtigen Kaisers hat mit einer Reihe von Reformen auf allen Gebieten begonnen. Bei der Eigenthümlichkeit russischer Verhältnisse wird man aber bezweifeln dürfen, ob sie von wirklichem Erfolg begleitet sein oder nicht vielmehr auf Decorationsmalerei hinauskommen werden. Die stärksten Aeußerungen über die sittliche Verderbniß von oben bis unten und die dadurch bedingten Gefahren kommen zu uns. Wie nöthig wäre es da, daß die Kirche ein fester Hort da stände und ihr Licht hell leuchtete. „Unsere Kirche“ — so ungefähr schreibt man — „die unverkennbar in unserem Lande eine providentielle Stellung hat neben einer Staatskirche, die in behaglicher, selbstgenügsamer Ruhe von der Welt sich tragen läßt und satt ist und todt an Haupt und Gliedern, kann sich leider nicht aller bösen Einflüsse erwehren, die ihr aus diesem Kirchenwesen zufließen; und der Weltgeist in seiner Gott feindlichen Verkehrtheit weiß durch seine klugen Kinder diese gefährliche Stellung reichlich auszubeuten und immer bedenklichere Mischungen herbeizuführen, so daß die Vorstellungen darüber immer dunkler und verworrener werden, was da sei die rechte Lehre und der rechte Wandel vor Gott. Unsere Kirche ist unaufhörlich dem Gifte eines Indifferentismus ausgesetzt, der eben alles gut heißt, was unter der Firma von Friede, Aufklärung, Bildung, Toleranz dem Zeitgeist Rechnung trägt und dem Fleische dient. Sie kann aber leider auch der Versuchung nicht Herr werden, bei einem Schein von Vergünstigung sich mit sanguinischen Hoffnungen zu schmeicheln und falsche Schritte zu thun, sich zufrieden stellen zu lassen und Concessionen zu machen, wo sie bedenken sollte, daß ihr durch Stillehalten und rechtes Kreuz am ersten könnte geholfen werden. Darum wird ihr das fröhliche und furchtlose Bekennen so schwer; darum will sie es fast ärgern, wenn sie falsche und rechte Lehre wie schwarz und weiß aus einander gehalten sieht. Das Ineinander von Schutz und Druck verführt, verwirrt sie, also daß auch sie an Haupt und Gliedern matt ist und krank. Ueberall fehlt es an Zeugen, die wie Daniel und seine Freunde weder die Ofenglut eines tapferen Streites, noch die Löwenrachen der Feindschaft fürchten. Je älter, würdiger und achtungswerther einige Hauptvertreter unserer Kirche erscheinen in ihrer Persönlichkeit, und je tiefer deren theologisches Bewußtsein und christliche Lebensanschauung in derjenigen Zeit wurzelt, wo die Kirche sich kaum der seichten Aufklärerei des vulgären Rationalismus entledigt und sich in das süße Helldunkel des Supernaturalismus verloren hatte, bis der Indifferentismus und die Sentimentalität sich zärtlich einigten und die Union zeugten, welche die gefährlichsten Mischungen von Wahrheit und Lüge bereitete, — um so gefährlicher sind Jene unserer Zeit und der mit ihr erwachsenen Jugend. Diese, begründet auf die Bekenntnisse der Reformation, ins Zeugenamt berufen, sieht sich dem grauen Haar gegenüber, das von einem längst und weit bewährten Rufe umleuchtet und von großer Liebenswürdigkeit getragen wird, zum Schweigen gedrungen und läßt sich bestechen und gewinnen und eine Spitze nach der andern, die der neue Standpunct, das klare,
English translation AI translation
The Lutheran Church in the North of Europe. 379
keep within the bounds of a rather suggestive generality. The accession of the present emperor has begun with a series of reforms in every field. Given the peculiarity of Russian conditions, however, one may be permitted to doubt whether they will be attended with real success or will not rather amount to decorative painting. The strongest expressions concerning the moral corruption from top to bottom and the dangers it entails reach us. How necessary it would be, then, that the church should stand there as a firm refuge and let her light shine brightly. „Our church“ — so one writes, in substance — „which unmistakably occupies a providential position in our land alongside a state church that lets itself be carried by the world in a comfortable, self-satisfied repose and is sated and dead in head and members, cannot unhappily ward off all the evil influences that flow to it out of this ecclesiastical system; and the spirit of the world in its God-hostile perversity knows how, through its clever children, richly to exploit this dangerous position and to bring about ever more questionable mixtures, so that the notions of what is the right doctrine and the right walk before God grow ever darker and more confused. Our church is unceasingly exposed to the poison of an indifferentism which approves everything that, under the firm name of peace, enlightenment, culture, tolerance, takes account of the spirit of the age and serves the flesh. But unhappily she also cannot master the temptation, at any show of favor, to flatter herself with sanguine hopes and to take false steps, to let herself be satisfied and to make concessions, where she ought to consider that she could soonest be helped by holding still and by the right cross. Hence the joyful and fearless confession becomes so hard for her; hence it almost vexes her when she sees false and true doctrine held apart like black and white. The intertwining of protection and pressure seduces her, confuses her, so that she too is faint and sick in head and members. Everywhere witnesses are lacking who, like Daniel and his friends, fear neither the furnace-heat of a brave contest nor the lions' jaws of enmity. The older, the more venerable and estimable some chief representatives of our church appear in their personality, and the more deeply their theological consciousness and Christian view of life is rooted in that time when the church had scarcely rid itself of the shallow enlightenment of vulgar rationalism and had lost itself in the sweet chiaroscuro of supernaturalism, until indifferentism and sentimentality tenderly united and begot the Union, which prepared the most dangerous mixtures of truth and falsehood — so much the more dangerous are those men to our own time and to the youth grown up with it. This youth, founded on the confessions of the Reformation, called into the office of witness, sees itself over against the gray head which is haloed by a long and widely proven repute and borne up by great amiability, is forced into silence, and lets itself be bribed and won over, and yields one point after another which the new standpoint, the clear