Collection › Lehre und Wehre (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 5, Nummer 11 › Seite 352
Lehre und Wehre St. Louis, Missouri — November 1859, Seite 352
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352 Kirchlich⸗Zeitgeschichtliches.
menier ihre Zuflucht zur Gewalt nehmen wollten, um sich der Verbreitung des Evangelii unter ihnen zu widersetzen, richtete er folgende Rede vor allem Volk an sie: „Ich gehöre weder zur griechischen, noch zur armenischen, noch zu der protestantischen Geistlichkeit; ich bin also unfähig, über das gegenseitige Verdienst der Schriften dieser drei Secten ein Urtheil zu fällen, es würde mir ebenfalls unmöglich sein, mich über die Frage auszusprechen, ob in den Kirchen zwei oder vier Kerzen angezündet werden müssen: aber das weiß ich, daß jetzt im ganzen Reich für Jedermann Gewissensfreiheit und Cultusfreiheit gilt. Die verschiedenen Secten können also frei über ihre religiösen Meinungen verhandeln und ihren Glauben öffentlich bekennen. Außerdem ist jeder Muhamedaner frei, ein Christ zu werden, wenn es ihm beliebt.“ Bei diesen Worten machten alle den Pascha umgebenden Gerichtspersonen ein Zeichen der Bestätigung, und der Pascha fuhr fort: „In Stambul sind mehrere Türken ohne alle Hindernisse Protestanten geworden, der Sultan hat die Religionsfreiheit für Jedermann verkündet, und wenn morgen mein eigener Sohn mir erklären würde, er sei Protestant geworden, so dürfte ich ihm weder etwas sagen noch etwas thun.“
Der N. Preuß. Zeitung wird aus Wien geschrieben: „In der Commission, welche über die confessionelle Frage jetzt berathet, ist dem Vernehmen nach eine starke Partei vorhanden, welche erklärt, von einer solchen Gleichberechtigung könne keine Rede sein, sondern Oesterreich müsse den Standpunct eines streng katholischen Staates wahren; höchstens theilweise könne eine Gleichberechtigung Platz greifen. Es scheint, daß man es auch bezüglich der confessionellen Frage vorzieht, provinciell, d. h. mit Rücksicht auf die Verschiedenheit der Kronländer, vorzugehen. In Verbindung damit steht wohl die Meldung eines hiesigen Blattes, daß Kinder von österreichischen Protestanten, welche in militärische Staatsanstalten eintreten wollen, einen Revers ihrer Eltern oder gesetzlichen Vertreter beibringen müssen, in welchem diese ihre Einwilligung erklären, daß die Kinder zum Katholicismus übertreten.“
Der Zeitung für Norddeutschland wird aus Wien geschrieben: „Eine ungarische Zeitung enthielt die Aufforderung zu Beiträgen für den Wiederaufbau einer abgebrannten protestantischen Kirche. Die Aufnahme dieser Aufforderung wurde ihr verboten, und dabei gesagt: die Protestanten möchten unter sich sammeln, so viel sie wollten, aber eine öffentliche Aufforderung zu Beiträgen für eine protestantische Kirche könne in dem katholischen Oesterreich nicht geduldet werden.“
Abnahme der Unitarier in England. Vom Januar d. J. schreibt ihre Zeitschrift, der Inquirer, folgendermaßen:
„Jahr für Jahr werden unsre Gemeinden schwächer, nicht nur an Zahl, sondern noch mehr an öffentlichem Einfluß und an Bedeutung. Es ist noch nicht lange her, daß der Schatzmeister einer unsrer Anstalten uns versicherte, unsre Gemeinschaft ginge allmählich einer gänzlichen Veränderung entgegen, er müsse jetzt schon die Beiträge aus den geringern Ständen der großen Mittelclasse erheben. Einzelne Gemeinden liefern dazu den Beweis. Wir finden dasselbe Ergebniß im Wakefield, Exeter und Norwich und so ist es überall. Liverpool hat seine Bevölkerung verdoppelt und verdreifacht und die drei unitarischen Gemeinden, welche daselbst zu Anfange dieses Jahrhunderts bestanden, sind unverändert, wie sie waren, an Zahl und Einfluß. Was uns zuerst aufstößt bei dieser betrübenden Wahrnehmung, ist, daß der Unitarismus unveränderlich auf unsre ältesten Familien beschränkt bleibt, welche uns durch altväterliche Bande zu eng verbunden sind, als daß sie uns hätten weggeschnappt werden können. Dagegen aber gehören manche geachtete Namen uns nicht mehr an. Es würde eben so unnöthig als verletzend sein, sie namhaft zu machen. Eine zweite Thatsache ist die: Unter der großen Zahl der Abtrünnigen ist es immer zuerst der weibliche Theil der Familien, welcher uns verläßt. Diese Entdeckung haben wir aber nicht erst seit kurzem gemacht. Wir haben lange darum gewußt, und man hat sie auf Rechnung theils des geselligen Verkehrs, theils des schwächern Verstandes gesetzt. Das ist aber ganz falsch. Eine genauere Untersuchung wird zeigen, daß die Ausgetretenen mehr an geistlichem Leben zugenommen als abgenommen haben, und daß den Austritten ganz andere Beweggründe unterliegen. Wir haben die freie Forschung“ (die Lehrfreiheit) „an die Spitze der theologischen Untersuchung gestellt und sie zur Grundlage des Gottesdienstes gemacht. Wir haben weniger auf die Heiligkeit und das Werk Christi gehalten, als vielmehr demselben einen Stoß versetzt durch unverständige Streitigkeiten und durch Zweifel, womit wir den Grund wankend gemacht haben. Wir haben keinen Eifer gehabt und haben auch keinen erweckt. Wir haben einen Stein für das Brot des Lebens gegeben und bittere Wasser in den Gnadenkelch geschüttet. Das ist die Ursache des Abfalls. Wir ernten, was wir gesäet haben. Es muß aber etwas geschehen, sonst wird am Ende dieses Jahrhunderts auch nicht Eine Seele von allen alten unitarischen Familien Englands übrig sein.“
English translation AI translation
352 Church and Contemporary Affairs.
-menians wanted to resort to force in order to oppose the spread of the Gospel among them, he addressed the following speech to them before all the people: "I belong neither to the Greek, nor to the Armenian, nor to the Protestant clergy; I am therefore unable to pass judgment on the respective merits of the writings of these three sects, and it would likewise be impossible for me to give an opinion on the question of whether two or four candles must be lit in the churches: but this I do know, that throughout the whole empire freedom of conscience and freedom of worship now prevail for everyone. The various sects may therefore freely discuss their religious opinions and publicly confess their faith. Moreover, every Muhammadan is free to become a Christian, if it pleases him." At these words all the court officials surrounding the Pasha made a sign of approval, and the Pasha continued: "In Stambul several Turks have become Protestants without any hindrance whatsoever; the Sultan has proclaimed religious freedom for everyone, and if tomorrow my own son were to declare to me that he had become a Protestant, I could neither say anything to him nor do anything to him."
The N. Preuß. Zeitung is written to from Vienna: "In the commission which is now deliberating on the confessional question, there is, by all accounts, a strong party present which declares that there can be no talk of such an equality of rights, but that Austria must maintain the standing of a strictly Catholic state; at most, an equality of rights could partly take hold. It seems that, with regard to the confessional question too, one prefers to proceed provincially, that is, with regard to the diversity of the crown-lands. Connected with this is presumably the report, from a paper here, that children of Austrian Protestants who wish to enter military state institutions must produce a written undertaking from their parents or legal guardians, in which these declare their consent that the children go over to Catholicism."
The Zeitung für Norddeutschland is written to from Vienna: "A Hungarian newspaper carried an appeal for contributions toward the rebuilding of a burned-down Protestant church. Publication of this appeal was forbidden to it, and it was told at the same time: the Protestants might collect among themselves as much as they liked, but a public appeal for contributions for a Protestant church could not be tolerated in Catholic Austria."
The Decline of the Unitarians in England. Writing in January of this year, their periodical, the Inquirer, has the following to say:
"Year by year our congregations grow weaker, not only in numbers, but still more in public influence and in importance. It is not long since the treasurer of one of our institutions assured us that our community was gradually heading toward a complete transformation, that he must now already raise contributions from the lower ranks of the great middle class. Individual congregations furnish proof of this. We find the same result in Wakefield, Exeter, and Norwich, and so it is everywhere. Liverpool has doubled and trebled its population, and the three Unitarian congregations that existed there at the beginning of this century remain unchanged, as they were, in numbers and influence. What strikes us first in this distressing observation is that Unitarianism remains invariably confined to our oldest families, who are bound to us by ancestral ties too close for them to have been snatched away from us. On the other hand, however, many respected names no longer belong to us. It would be as needless as it would be hurtful to name them. A second fact is this: among the great number of those who fall away, it is always first the female part of the families who leaves us. We did not make this discovery only recently. We have long known of it, and it has been put down partly to social intercourse, partly to weaker understanding. But that is entirely wrong. A closer investigation will show that those who have left have gained rather than lost in spiritual life, and that quite different motives underlie their leaving. We have set 'free inquiry' (the freedom of doctrine) at the head of theological investigation and made it the foundation of worship. We have paid less regard to the holiness and the work of Christ, but have rather dealt it a blow through ill-considered controversies and through doubts, by which we have made the foundation totter. We have had no zeal, nor have we awakened any. We have given a stone for the bread of life, and poured bitter water into the cup of grace. That is the cause of the falling-away. We reap what we have sown. But something must happen, or else, by the end of this century, not a single soul will be left of all the old Unitarian families of England."