Collection › Lehre und Wehre (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 10, Nummer 8 › Seite 233

Lehre und Wehre St. Louis, Missouri — August 1864, Seite 233

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Wucher

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Martin Chemnitz über den Wucher. 233

derselben entspricht es sicherlich nicht, daß die anderen sich nur den Mühen
unterziehen und die Gefahren tragen, du aber müßig und ungefährdet dich
mit den Mühen und Gefahren anderer mästest. Wenn aber die Ursache in
der Gesundheit, oder im Alter, oder im Stande (wie bei den Wittwen oder
bei denen, welche auf eigene Kosten ein Staatsamt verwalten), oder in der
Ungeschicklichkeit liegt oder eine andre ehrbare Ursache zu Grunde liegt, so
gibt es noch andere durch die Gesetze gebilligte Contracte, daß diejenigen,
welche Geld haben und nicht selbst Geschäfte zu treiben im Stande sind,
durch einen ehrlichen und rechtmäßigen Gebrauch ihres Geldes ihren Unter⸗
halt erwerben können, nehmlich den Wiederkaufs⸗ und Gesell⸗
schafts⸗Contract.

Die Sache ist es aber werth, daß man erwäge, wie dies mit der Billigkeit
des natürlichen Rechtes übereinkomme. Denn weil wegen der Verschieden⸗
heit und Bequemlichkeit der Handelsgeschäfte der Gebrauch geborgten Geldes
nothwendig ist, so war es zu Justinians Zeit ein erlaubter Handel, im
wahren Leihen den Vertrag zu machen, daß Wucher zu geben sei entweder
zum Ersatz des möglichen Schadens oder des entgehenden Nutzens, oder zur
Theilnahme am Gewinn. Damit aber die Gläubiger nicht über das Maß
den Wucher steigern und die Schuldner aussaugen oder die Schuldner selbst
sich mit dem Schaden des Gläubigers bereichern möchten, brachte er den Wu⸗
cher auf ein bestimmtes Maß und zwar mehr zu Gunsten der Schuldner, als
der Gläubiger. Weil aber der Wucher mit dem Rechte der Natur streitet
und durch ausdrückliche Schriftzeugnisse hart verdammt wird, so ist das bür⸗
gerliche Recht jetzt*) so corrigirt worden, daß in dem wirklichen Leihcontract
kein Vertrag auf Wucher erlaubt ist**). Aber mit dem dritten Stand der
Menschen, welche des unentgeltlichen Leihens nicht bedürfen und sich geborg⸗
ten Geldes zu ihrem Gewinn und Vortheil bedienen wollen, wird der
Contract des Wiederkaufs gestattet, namentlich denjenigen, von
denen wir in diesem Falle handeln. Vieles wird aber in diesem Contracte
erfordert, damit derselbe rechtmäßig geschehe. 1. Es werden entweder Be⸗
sitzungen oder gewisse auf Besitzungen gestellte Erträge gekauft. 2. Dem
Kauf wird der Vertrag oder die Verbindlichkeit beigefügt vom Wiederverkauf,
daß der Gläubiger die Macht des Wiederkaufs habe, so daß, wenn der
Preis erlegt wird, der Käufer gezwungen ist, entweder das Besitzthum oder
das Recht die Erträge zu ziehen zurückzuerstatten. 3. Bis der Verkäufer den
Preis zurückerstattet, hat der Käufer an dem so gekauften Besitzthum die Be⸗
sitzgewalt und Nutzung; oder er erlangt das Recht, gewisse Erträge aus dem
Besitzthum zu beziehen, dessen er sich bedient, bis der Verkäufer Wiederkauf
geleistet hat. 4. Gleichheit des Preises muß stattfinden, weil es offenbar ist,

*) Schon seit Jahrhunderten. D. R.

**) Nach dem Vorgange einzelner deutscher Territorien in dem letzten Drittel des 16.
Jahrhunderts wurde erst im Jahre 1654 das Zinsennehmen von geliehenem Gelde durch
einen Reichsabschied legalisirt, woraus sich Luthers Berufung auf die Entscheidung der
Juristen seiner Zeit, was Wucher sei, erklärt. D. R.

English translation AI translation

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Martin Chemnitz on Usury. 233

it certainly does not correspond to that love that others alone should
undertake the labors and bear the risks, while you, idle and unexposed to
danger, fatten yourself on the labors and risks of others. But if the
cause lies in health, or in age, or in one's estate (as with widows, or
with those who administer a public office at their own expense), or in
lack of skill, or if some other honorable cause lies at the root of it, then
there are still other contracts, approved by the laws, by which those who
have money and are not themselves able to carry on business can, by an
honest and lawful use of their money, earn their livelihood — namely, the
repurchase contract and the partnership contract.

The matter is worth considering, how this agrees with the equity of
natural law. For because, on account of the diversity and convenience of
commercial dealings, the use of borrowed money is necessary, it was, in
Justinian's time, a permitted transaction, within a true loan, to make the
agreement that usury should be paid, either as compensation for possible
loss, or for lost profit, or as a share in the gain. But so that creditors
might not raise usury beyond measure and drain their debtors, or so that
debtors themselves might not enrich themselves to the creditor's loss, he
brought usury within a fixed measure, indeed one favoring debtors more
than creditors. But because usury conflicts with the law of nature and is
harshly condemned by express testimonies of Scripture, civil law has now*)
been so corrected that in an actual loan contract no agreement for usury
is permitted**). But with the third estate of people, who have no need
of gratuitous lending and who wish to make use of borrowed money for
their own gain and advantage, the contract of repurchase is permitted —
namely, for those with whom we are dealing in this case. Much is
required in this contract, however, for it to take place lawfully. 1. Either
properties are purchased, or certain yields set upon properties. 2. To the
purchase is added the agreement or obligation of repurchase, that the
creditor should have the power of repurchase, so that, when the price is
paid, the buyer is obliged to restore either the property itself or the right
to draw its yields. 3. Until the seller restores the price, the buyer has
possession and use of the property so purchased; or he obtains the right
to draw certain yields from the property, which he makes use of until the
seller carries out the repurchase. 4. Equality of price must hold, because
it is evident that

*) Already for centuries. The Editors.

**) Following the precedent of individual German territories in the last third of
the 16th century, the taking of interest on borrowed money was legalized only in the
year 1654 by an Imperial Recess — which explains Luther's own appeal to the
decision of the jurists of his time as to what usury is. The Editors.