Collection › Lehre und Wehre (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 10, Nummer 8 › Seite 232
Lehre und Wehre St. Louis, Missouri — August 1864, Seite 232
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Wucher
232 Martin Chemnitz über den Wucher.
die Pflicht des Leihens hauptsächlich um der Armen und Dürftigen willen
geboten, daher auch derselben in den Zeugnissen der Schrift Erwähnung
gethan wird. Außerdem gehört zur Definition und zum
Wesen des Leihens, daß es ein umsonst gethaner Dienst
sei und daß der Empfänger verbunden sei, nur dasselbe der Gattung oder
der Quantität nach zurückzuerstatten. Wenn daher der Leiher etwas über
das Capital sich vertragsmäßig ausbedingt, so geschieht dies wider die Natur
des Leihcontractes, ist daher nicht giltig. Was man dem Dinge aber auch
immer für einen Namen geben mag: wenn das Recht das Capital wieder⸗
zufordern bei dem Gläubiger bleibt, so ist es ein wahres Leihen, und was
immer beim Leihen über das Capital gefordert wird, das ist Wucher. Und
die Schrift verbietet darum den Wucher im Allge⸗
meinen, weil sie nicht will, daß im Austausch der
bürgerlichen Gesellschaft alles verkäuflich sei,
sondern sie will, daß manche Dienstleistun⸗
gen unentgeltlich seien, welche ohne Zweifel entstellt
und verderbt werden, wenn sie entweder als ver⸗
käufliche verkauft oder wie Gegenstände der Miethe
vermiethet werden. Und wenn die Schrift gestattete, bei dem Leihen
mit Reichen Wucher zu treiben, so würde schnell und leicht die Pflicht unent⸗
geltlich zu leihen abgeschafft werden. Damit daher die Freigebigkeit nicht
aufhöre, verdammt die Schrift den Wucher häufig schlechthin und im
Allgemeinen.
Befiehlt also das Evangelium, daß in einem solchen Falle, von dem
hier die Frage ist, der andere, welcher nicht verarmt ist, mein Geld so ge⸗
brauche, daß er sich mit meinem Schaden bereichert? Das befiehlt es freilich
nicht, laut des offenbaren Ausspruchs 2 Cor. 8, 13. Zweierlei ist daher nun
festgesetzt: 1. daß in diesem Fall den Leuten des dritten Standes unentgelt⸗
licher Austausch mit Nachtheil des andern nicht gebührt; 2. daß es nicht er⸗
laubt ist, weder von Armen, noch von Reichen über das Capital einen
Gewinn um des mit dem Leihen geleisteten Dienstes willen zu fordern.
Denn der Wucher ist im Allgemeinen verdammt, so daß er in keinem Falle
mit gutem Gewissen ausgeübt werden kann. Was soll daher derjenige thun,
welcher zur Leistung der Staatslasten und zur Ertragung der Kosten des
Haushaltes den Gebrauch seines Geldes nicht entbehren kann? Die Ant⸗
wort ist nach den oben in das Licht gestellten Gründen klar. Denn es gibt
viele andere rechtmäßige Contracte, welche in der Schrift gebilligt werden;
dieser bediene er sich daher. Aber, spricht er, dem Geschäfte des Kaufs, des
Pachtes, des Tausches ꝛc. kann ich nicht obliegen. Ich antworte: Wer jene
rechtmäßigen Contracte scheut, weil er sich keinen Mühen und Gefahren un⸗
terziehen will, sondern eine andere leichtere Weise sucht, welche mit weniger
Mühe und mit keiner Gefahr verbunden ist, der sündigt wider die Lehre von
dem Austausch der Güter in der bürgerlichen Gesellschaft. Denn die Regel
ist, daß in jenen bürgerlichen Dienstleistungen die Liebe geübt werde, aber
English translation AI translation
232 Martin Chemnitz on Usury.
the duty of lending is commanded chiefly for the sake of the poor and
needy, and this is why mention is made of them in the testimonies of
Scripture. Moreover, it belongs to the definition and the very essence of
lending, that it be a service rendered free of charge, and that the
recipient be bound only to restore the same thing according to kind or
quantity. If, therefore, the lender stipulates by agreement something
over and above the principal, this is done against the very nature of the
loan contract, and is therefore not valid. Whatever name one may give
the thing, however: if the right to demand back the principal remains
with the creditor, then it is a true loan, and whatever is demanded, in
lending, over and above the principal, is usury. And Scripture forbids
usury in general precisely because it does not want everything, in the
exchange of civil society, to be for sale; rather, it wants certain services
to be rendered free of charge — services that would, without doubt, be
disfigured and corrupted if they were either sold as merchandise or let
out as objects of rent. And if Scripture permitted the practice of usury in
lending to the rich, then the duty of lending free of charge would quickly
and easily be abolished altogether. So that generosity might not,
therefore, cease, Scripture condemns usury frequently, without
qualification and in general.
Does the gospel, then, command that in such a case as is here in
question, the other party — who has not become poor — should use my
money in such a way as to enrich himself at my expense? Certainly it
does not command this, according to the plain statement of 2 Corinthians
8:13. Two things, then, are now established: 1. that in this case the
people of the third estate are not owed a gratuitous exchange to
another's disadvantage; 2. that it is not permitted to demand a profit
over and above the principal, from either the poor or the rich, for the
sake of the service rendered by lending. For usury is condemned in
general, so that it can in no case be practiced with a good conscience.
What, then, is a man to do who cannot do without the use of his money
for paying public burdens and bearing the costs of his household? The
answer is clear from the grounds set out above. For there are many other
lawful contracts which are approved in Scripture; let him therefore avail
himself of these. But, he says, I cannot engage in the business of
buying, leasing, or exchange, etc. I answer: whoever shuns those lawful
contracts because he does not want to undertake any labors or risks, but
instead seeks another, easier way, one bound up with less labor and no
risk at all, sins against the doctrine of the exchange of goods in civil
society. For the rule is that, in those civil services, love is to be
practiced; but