Collection › Lehre und Wehre (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 10, Nummer 8 › Seite 228

Lehre und Wehre St. Louis, Missouri — August 1864, Seite 228

225 226 227 228 229 230 231 232 233 234 235 236 237 238 239 240 241 242 243 244 245 246 247 248 249 250 251 252 253 254 255 256

⤓ Download page image (full resolution)

German transcription AI-corrected against the scan

Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Wucher

⤓ Download .txt · copy text

228 Martin Chemnitz über den Wucher.

bedient, daß es seine einige Decke seiner Haut ist, darin er schläft, so sollst du
es ihm wiedergeben, ehe die Sonne untergeht. Wird er aber zu mir
schreien, so werde ich ihn erhören ꝛc. 5 Mos. 24, 10—13.: Wenn du dei⸗
nem Nächsten irgend eine Schuld borgest, so sollst du nicht in sein Haus
gehen und ihm ein Pfand nehmen, sondern du sollst draußen stehen und er,
dem du borgest, soll sein Pfand zu dir heraus bringen. Ist er aber ein
Dürftiger, so sollst du dich nicht schlafen legen über seinem Pfande, daß dich
der HErr segne und habest Gerechtigkeit vor ihm. Ebendaselbst V. 6.: Du
sollst nicht zum Pfande nehmen den untersten und obersten Mühlstein, denn
er hat dir die Seele zum Pfande gesetzt, d. i., eine solche Sache, welcher der
Schuldner nicht entbehren kann zu seinem nothwendigen Lebensunterhalt.
Solches zum Pfande nehmen, strafen zwar die bürgerlichen Gesetze nicht, aber
die Liebe erklärt es für unrecht. So spricht Christus Luc. 6, 35.: Ihr sollt nicht
nur leihen, wenn ihr hoffet, daß das Capital werde zurückerstattet werden,
oder wenn ihr der Wiedererstattung durch ein Pfand vergewissert worden
seid, sondern auch wenn der Arme um ein Anlehen bittet, wo auch das Capi⸗
tal gefährdet wäre, so leihet, daß ihr nichts dafür hoffet. Und doch ist ein
solches Leihen kein Schenken, weil die Bedingung dabei ist, daß, wenn der
Schuldner in bessere Verhältnisse kommt und wohl Wiedererstattung thun
könnte, er das Capital zurückzahlen solle; wo nicht, so sollst du ihn nicht drän⸗
gen wie ein Schuldeneintreiber, sagt das Gesetz. So gebietet die Schrift im
dritten Stande, wenn die Contracte den Nächsten aussaugen und drücken,
Erlassung der Schuld; wie denn Jesaias Cap. 58, 6. von Obligationen
redet: Laß los, welche du mit Unrecht verbunden hast, laß ledig, welche du
beschwerest, gib frei, welche du drängest; reiß weg allerlei Last. Und zwar
ist es an sich keine Sünde, die Schuld auf Grund von Obligationsscheinen
wiederfordern, aber wenn es wider die Liebe streitet, werden auch rechtmäßige
und gerechte Obligationsscheine ungerecht.

Dieses sind einfache, gewisse, feste und deutliche Grundlagen, welche ein
klares Urtheil über viele Disputationen darbieten. Und in der That ist die⸗
ser Fleiß eines Gelehrten würdig, daß man die Quellen der Erklärungen er⸗
wägt, um welcher Ursachen willen etwas entweder gebilligt oder verworfen
werde. Manche, um sich aus den Labyrinthen vieler Fragen zurechtzufinden,
haben verschiedene Unterscheidungen des gewinnsüchtigen, Ersatz leistenden,
als Strafe auferlegten, beschwerlichen, leihcontractlichen ꝛc. Wuchers aus⸗
gedacht. Allein diese Methode ist leichter und gewisser. Die Anwendung
aber auf die Erklärung der Fragen ist leicht und offenbar. Wir wollen
einige als Beispiele vorführen. Als, wenn jemand dieser Welt Güter hat,
und einem Armen leihet und außer dem Capital Zinsen fordert, so daß der
Nächste gebissen, beschwert und ausgesogen wird: da ist es eine ganz klare
Sache, daß dies verdammter Wucher sei, weil die Schrift gebietet, daß man
den verarmten Brüdern durch unentgeltlichen Liebesdienst zu Hilfe komme.
Wenn jemand sagen wollte: Wenn unentgeltlich geliehen werden soll, so
werde ich mein Geld entweder zu anderen Contracten verwenden oder es im

English translation AI translation

⤓ Download .txt · copy text

228 Martin Chemnitz on Usury.

it is the only covering of his skin in which he sleeps, then you shall give it
back to him before the sun goes down. And if he cries out to me, I will hear
him, etc. Deuteronomy 24:10–13: If you lend anything to your neighbor,
you shall not go into his house to take his pledge, but you shall stand
outside, and the man to whom you lend shall bring his pledge out to you.
And if he is a poor man, you shall not sleep with his pledge in your
possession, so that the LORD may bless you and you may have
righteousness before him. In the same place, verse 6: You shall not take
the lower or the upper millstone as a pledge, for he has thereby pledged his
very life to you — that is, such a thing as the debtor cannot do without for
his necessary livelihood. The civil laws, to be sure, do not punish the
taking of such a thing in pledge, but love declares it wrong. So Christ
says, Luke 6:35: You shall not only lend when you hope that the principal
will be repaid, or when you have been secured for its restoration by a
pledge, but also when the poor man asks for a loan where even the
principal would be at risk — lend, expecting nothing back for it. And yet
such lending is not a gift, because the condition attached to it is that, if the
debtor comes into better circumstances and is well able to make
restitution, he should repay the principal; if not, the law says, you shall not
press him as a debt-collector would. So Scripture commands, in the third
estate, when contracts exhaust and oppress one's neighbor, the release of
the debt; as indeed Isaiah, chapter 58:6, speaks of bonds: Loose those
whom you have bound unjustly, set free those whom you burden, release
those whom you press; tear away every kind of load. And indeed it is in
itself no sin to demand repayment of a debt on the basis of promissory
notes, but when it conflicts with love, even lawful and just promissory
notes become unjust.

These are simple, certain, firm, and clear foundations, which offer a
clear judgment on many disputed questions. And indeed this diligence is
worthy of a scholar, that one should weigh the sources of the explanations,
to see for what reasons a thing is either approved or rejected. Some, in
order to find their way out of the labyrinth of many questions, have
devised various distinctions of usury — the profit-seeking kind, the
compensatory kind, the kind imposed as a penalty, the burdensome kind,
the loan-contract kind, etc. But this method here is easier and more
certain. Its application to the explanation of the questions is easy and
plain. Let us bring forward a few examples. As, when someone has the
goods of this world, and lends to a poor man, and demands interest over
and above the principal, so that his neighbor is bitten, burdened, and
exploited: here it is an entirely clear matter that this is condemned usury,
because Scripture commands that we come to the aid of impoverished
brothers through gratuitous service of love. If someone wanted to say:
If I am to lend without charge, then I will instead put my money to other
contracts, or keep it in the