Collection › Lehre und Wehre (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 9, Nummer 7 › Seite 209
Lehre und Wehre St. Louis, Missouri — Juli 1863, Seite 209
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Der Materialismus oder die sog. Resultate der modernen Naturwissenschaft. 209
Bei alledem, könnte man einwenden, ist doch noch kein Beweis gegeben, daß die Welt allein durch göttliche Kunst gebildet werden konnte. Wie enorm auch die Wahrscheinlichkeit ausfallen mag, daß die Welt kein Werk des Zufalls oder der Naturnothwendigkeit, sondern der Absicht sei, so kann doch nicht geleugnet werden, daß ihre Bildung auch ohne göttliche Kunst möglich war, da auch die größte Wahrscheinlichkeit noch kein Wissen ist und Niemand die Unmöglichkeit ihrer Entstehung durch Zufall erweisen kann. Dieser Einrede gegenüber bitten wir folgende Worte eines genauen Denkers zu überlegen. Herbart sagt in seiner Metaphysik, Bd. I, S. 106: „Schon der Anfänger kann sich vor der Kantischen Verwirrung hüten," — daß nämlich nur das als aus Absicht entstanden gelten könne, was nach blos mechanischen Gesetzen unmöglich sei — „wenn er sich selbst Rechenschaft giebt über die Art und Weise, wie er die Zweckmäßigkeit der menschlichen Handlungen auffaßt, und was daraus für ihn im täglichen Leben folgt. Niemals beginnt er damit, ein Werk menschlicher Kunst als etwas nach blos mechanischen Gesetzen Unmögliches zu betrachten, sondern als Etwas, das im gewöhnlichen Laufe der Dinge nicht zu erwarten war, wenn die Menschen es nicht machten. Die einzelnen Stückchen der Erdschollen auf einem frisch gepflügten Acker können recht gut von selbst so liegen, wie man sie findet; und es läßt sich nicht nachweisen, warum sie eben anders liegen sollten. Aber daß alle diese Schollen zugleich so halb zermalmt, und reihenweise gehäuft liegen sollten, ohne vom Pfluge berührt zu sein, dies ist im höchsten Grade unw-ahrscheinlich; und die Wahrscheinlichkeit bringt den Glauben an menschliche Arbeit herbei. Ein ähnlicher Glaube ist die Grundlage aller Gesellschaft unter den Menschen. Kein Beweis lehrt uns, menschliche Sprache auf menschliche Gedanken zu deuten. Wir legen unsere Gedanken hinein in die Laute der Worte, welche wir hören; und wir glauben ohne Weiteres, daß die nämlichen Gedanken den Ursprung sammt der Absicht des Redens enthalten. Möglich wäre es gleichwohl, daß eben solche Laute hörbar würden auch ohne vorausgehendes Denken und Wollen. Oder wer denkt an den Beweis der Unmöglichkeit? Sicherlich Niemand! Wer nun einigermaßen einen Begriff hat von der Beschaffenheit dessen, was wir unsere menschliche Erkenntniß nennen, der weiß, daß eine große Wahrscheinlichkeit überall stärker und nützlicher ist, als das strenge Wissen selbst. Denn gegen jedes Wissen lassen sich Zweifel erheben, die jedoch mitten im Leben gar nicht beachtet werden. Und die strengste Demonstration, sobald sie länger ist, als daß sie mit Einem Blicke bequem überschaut werden könnte, liefert uns nur Wahrscheinlichkeit, weil wir uns sehr leicht in Verdacht haben können, irgendwo in der Kette der Schlüsse einen Fehler zugelassen zu haben."
Die Thatsachen also, welche der Materialist zur Begründung seiner grundlosen Behauptungen herbeizieht, enthalten, wie wir gesehen haben, eine überwältigende Widerlegung des ganzen materialistischen Systems und eine glänzende Rechtfertigung des Glaubens an einen Schöpfer und Regierer
English translation AI translation
Materialism, or the So-Called Results of Modern Natural Science. 209
To all this one might object that no proof has yet been given that the world could have been formed by divine art alone. However great the probability may turn out to be that the world is not a work of chance or of natural necessity but of intention, it still cannot be denied that its formation was possible even without divine art, since even the greatest probability is still not knowledge, and no one can demonstrate the impossibility of its origin by chance. Against this objection we ask the reader to consider the following words of a precise thinker. Herbart says in his Metaphysik, vol. I, p. 106: "Even the beginner can guard himself against the Kantian confusion" — namely, that only that can be held to have arisen from intention which is impossible according to merely mechanical laws — "if he gives himself an account of the manner in which he understands the purposefulness of human actions, and of what follows from this for him in daily life. He never begins by regarding a work of human art as something impossible according to merely mechanical laws, but rather as something that was not to be expected in the ordinary course of things if human beings had not made it. The individual clods of earth on a freshly ploughed field may well lie of themselves just as one finds them, and it cannot be shown why they should not lie otherwise. But that all these clods should at once lie half crumbled and heaped in rows, without having been touched by the plough, is in the highest degree improbable; and this improbability brings with it the belief in human labor. A similar belief is the foundation of all society among human beings. No proof teaches us to interpret human speech as human thought. We put our own thoughts into the sounds of the words we hear, and we believe without further ado that these same thoughts contain the origin as well as the intention of the speaking. It would nevertheless be possible for just such sounds to become audible even without any preceding thinking and willing. Or who thinks of proving the impossibility of that? Certainly no one! Whoever has some notion of the nature of what we call our human knowledge knows that a great probability is everywhere stronger and more useful than strict knowledge itself. For doubts can be raised against every piece of knowledge, doubts which nevertheless go quite unheeded in the midst of life. And the strictest demonstration, as soon as it is too long to be conveniently taken in at a single glance, gives us only probability, because we may very easily suspect ourselves of having let an error slip in somewhere in the chain of inferences."
The facts, then, which the materialist adduces to found his groundless assertions contain, as we have seen, an overwhelming refutation of the whole materialistic system and a splendid vindication of belief in a Creator and Ruler