Collection › Lehre und Wehre (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 5, Nummer 3 › Seite 77
Lehre und Wehre St. Louis, Missouri — März 1859, Seite 77
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Auszüge aus Fr. Balduins Tractatus De casibus conscientiae. 77
daß auch er ihm schon vergeben habe in der Person Christi, auf daß er nicht
vom Satan übervortheilt werde, 2 Cor. 2, 6—10. Er rathet also die Wie⸗
deraufnahme eines solchen Menschen in die Kirche.
In diesem Handel aber wurden vor Alters viele Stufen beobachtet,
deren in der Synode zu Antiochia fünf festgesetzt werden. Die erste wurde
προκλαυσις genannt. Es wurden nemlich die Wiederaufzunehmenden ge⸗
nöthigt, einige Tage lang in schwarzen Kleidern außerhalb der Kirchenthüren
zu stehen und die Hineingehenden anzuflehen, daß sie für sie bitten möchten.
Die zweite Stufe war ἀκροασις, wenn sie, nachdem sie in die Kirche ein⸗
gelassen worden waren, an einem gewissen Orte hinter den Katechumenen
standen, um dem Anhören des Wortes beizuwohnen. Die dritte Stufe war
ὑποπτωσις, wenn die Büßenden vor die Gemeinde geführt wurden. Die
vierte συστασις, wenn sie nun unter den Gläubigen standen. Die fünfte
Stufe μεθεξις, wenn sie zugleich mit andern zum heiligen Abendmal zuge⸗
lassen wurden. Von einem ähnlichen Verfahren ist nachzulesen Histor.
tripart. 9, 35.
Heutiges Tages, wo auf alle Weise die Strenge der Kirchenzucht nach⸗
gelassen worden ist, wird bei Aufnahme von Büßenden ein wenig anders ver⸗
fahren, worüber man die Kirchenordnung des Churfürstenthums Sachsen
nachlesen mag. Die Summe ist diese: wenn deutliche Beweise der Buße
vorhanden sind, zeigt dieses der Pfarrer dem Ministerium an. Der Ge⸗
bannte wird vor dasselbe gerufen und gesteht aufrichtig sein Vergehen, be⸗
kennt, daß er mit Recht gestraft worden sei, bittet demüthig um Absolution
und Wiederaufnahme und verspricht ernstlich, sein Leben bessern und öffentlich
Abbitte thun zu wollen. Hierauf ruft der Pfarrer den Gebannten an einem
Sonntage in die Kirche; daselbst knieet er an einem besondern Ort nieder,
als einer, der öffentliche Abbitte thun will.
Der Pfarrer zeigt der Gemeinde an, daß die zuvor von der Kirche aus⸗
geschlossene Person ihre Sünde ernstlich erkenne und ihr Vergehen abbitte und
demüthig um Wiederaufnahme in den Schooß der Kirche bitte. Darum das
Consistorium geurtheilt habe, daß sie wieder aufgenommen werden solle, so
ermahne er die Gemeinde, diesem bußfertigen Sünder zu vergeben und ernst⸗
lich für ihn zu bitten, daß ihn Gott vornehmlich wieder zu Gnaden annehmen
und dieses Vergehen fernerhin von ihm und uns fern sein lassen wolle.
Darnach lieset der Pfarrer dem Gebannten die übliche Beichtformel vor,
absolvirt ihn von seinen Sünden und läßt ihn zugleich mit andern Gebann⸗
ten zum heiligen Abendmahle zu.
Diesem allen aber schickt er eine auf diese Handlung passende Predigt
voraus, welche theils von dem Zorn Gottes gegen die groben und in ihren
Sünden hartnäckig beharrenden Sünden, theils von der gnädigen Vergebung
der Sünden und der Barmherzigkeit Gottes handeln soll, die alle wahrhaft
Bußfertigen erwarten dürfen.
Endlich soll er mit einem schriftlichen Zeugniß entlassen und ernstlich
ermahnt werden, diese Kirchenzucht nicht zu verachten, sondern Gott zu
English translation AI translation
Extracts from Fr. Balduin's Tractatus De casibus conscientiae. 77
that he too had already forgiven him in the person of Christ, so that he
might not be overreached by Satan, 2 Corinthians 2:6-10. He thus
advises the readmission of such a person into the church.
In this matter, moreover, many stages were observed in ancient times,
five of which are fixed in the Synod of Antioch. The first was called
προκλαυσις [weeping]. Those to be readmitted were required to stand
for some days in black garments outside the church doors and to
beseech those going in to pray for them.
The second stage was ἀκροασις [hearing], when, after being let into the
church, they stood in a certain place behind the catechumens, so as to
attend the hearing of the Word. The third stage was ὑποπτωσις
[prostration], when the penitents were brought before the congregation.
The fourth, συστασις [standing-with], when they now stood among the
believers. The fifth stage, μεθεξις [participation], when they were
admitted together with the others to the Holy Supper. A similar
procedure may be read of in the Historia Tripartita, 9:35.
In our own day, when in every way the strictness of church discipline
has been relaxed, the reception of penitents proceeds somewhat
differently, concerning which one may consult the Church Order of the
Electorate of Saxony. The sum of it is this: when clear evidence of
repentance is at hand, the pastor reports it to the ministerium. The
banned person is summoned before it and honestly confesses his offense,
acknowledges that he was justly punished, humbly asks for absolution
and readmission, and earnestly promises to amend his life and to make
public apology. Thereupon the pastor calls the banned person into the
church on a Sunday; there he kneels down at a particular place, as one
who intends to make public apology.
The pastor announces to the congregation that the person previously
excluded from the church earnestly acknowledges his sin, apologizes for
his offense, and humbly asks to be readmitted into the bosom of the
church. Since the consistory has judged that he should be readmitted,
he then admonishes the congregation to forgive this penitent sinner and
to pray earnestly for him, that God would above all graciously receive
him again into favor and would henceforth keep this offense far from
him and from us.
After this the pastor reads to the banned person the customary
confessional formula, absolves him of his sins, and admits him, together
with other banned persons, to the Holy Supper.
Before all this, however, he prefixes a sermon suited to the occasion,
which shall treat partly of the wrath of God against gross sins
obstinately persisted in, partly of the gracious forgiveness of sins and
the mercy of God, which all truly penitent persons may expect.
Finally he shall be dismissed with a written certificate and earnestly
admonished not to despise this church discipline, but to...