Collection › Lehre und Wehre (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 8, Nummer 9 › Seite 269
Lehre und Wehre St. Louis, Missouri — September 1862, Seite 269
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Bibel. —Bibelverbreitung
Lic. Ströbel über die Revision der Luther'schen Bibel. 269
kannter politischer Vorgänge, durch welche die ursprünglichen Dinge in ganz
entgegengesetzte verwandelt wurden. Würde es in unserm Falle anders
kommen? Gewiß nicht! Man bedenke doch ja: „Revision" ist ein Prin⸗
cip, das sich nicht in gutgemeinte, aber willkührlich gesteckte Grenzen bannen
läßt. Freilich sagt man, es handle sich ja nur um Aenderung „verhältniß⸗
mäßig weniger" Stellen. „Aber wer bürgt uns dafür, daß es bei diesen we⸗
nigen Stellen bleiben wird? Hat der Damm erst an einer Stelle eine Oeff⸗
nung gewonnen, die man nicht wieder zustopft, so reißt die Fluth immer mehr
ein, und bald ist der ganze Damm hinweggespült. Das ist nicht unbegrün⸗
dete Schwarzseherei, sondern eine sichere Vermuthung, welche sich auf Beob⸗
achtung der Geschichte stützt. Es gilt hier der Satz: principiis obsta! Gibt
man dem Aenderungsprincip einmal Raum, so ist man schon von dem sichern
Boden abgetreten und auf dem besten Wege, Alles zu verlieren. Auch beim
Kirchenliede fingen vor etwa hundert Jahren die Aenderungen ziemlich leise
an. Aber bald wuchs den Neuerern der Muth, kühner aufzutreten. Ehe
dreißig Jahre vergingen, war der ganze Bestand wankend gemacht, die
Quelle des reichsten geistlichen Segens verschüttet, oder wenigstens durchaus
getrübt und fast ungenießbar gemacht, welches uns jetzt solche Mühe kostet,
vom Schutte zu reinigen." Bis zu welchem gefährlichen Umfange das Bibel⸗
revisionsproject selbst in den Händen der Canst. Anstalt und des ehrwürdigen
Mönckeberg bereits angewachsen ist, wird sich unten zeigen: Stier bemerkt
ganz richtig, auf diesem Standpunkte zu verharren, sei eben so unmöglich
als inconsequent, und drängt deshalb zur Vornahme einer durchgreifenden
Radicalcur, d. h. zur Einführung seiner Version an Stelle der lutherischen.
Dahin wird nun es wohl so leicht nicht kommen; aber die Wege zur Verände⸗
rung von Luther's Bibel werden leider durch solche Revisionspläne, wie der
vorliegende, angebahnt. Es paart sich nämlich in allen solchen und ähnlichen
Fällen mit jener ersten Täuschung immer eine zweite. Als Klopstock seine
Umarbeitung alter Kirchenlieder veröffentlichte, behauptete er ganz naiv und
bona fide, sie hätten trotz aller Veränderungen nicht aufgehört Eigenthum
ihrer Verfasser zu sein. So will auch die Canst. Anstalt ihre revidirte Bibel
durchaus noch als die „Luther'sche" angesehen wissen und hebt das in ihrem
Vorwort noch ganz besonders mit großen Druckbuchstaben hervor. Aber ver⸗
steht sich denn das wirklich so ohne weiteres schon von selbst, wenn an zu⸗
sammen 282 Stellen (das „Verzeichniß" nimmt über drei enggedruckte drei⸗
spaltige Octavseiten ein) die bisherige Uebersetzung eine andere Gestalt be⸗
kommt? Auch Stier gibt seine Version noch für die „Lutherische" aus;
aber wer hält sie dafür? Freilich hat er noch viel mehr Stellen geändert (oft
blos um zu ändern;) — allein wie viel Stellen darf man denn verändern,
ohne daß aus der Lutherischen Bibel eine Mönckebergische oder Mönckeberg⸗
lutherische wird? Hier möchte sich schwerlich ein sicherer Maßstab finden.
Wenigstens für ein genuin lutherisches, aus dem frischen, schöpferischen Geiste
des Reformators in freier Ursprünglichkeit geflossenes Werk möchte ich die
nach den Grundsätzen der „Vorschläge" hergerichtete deutsche Bibel nicht
English translation AI translation
Lic. Ströbel on the Revision of Luther's Bible. 269
well-known political processes, through which the original state of things was transformed into its very opposite. Would it turn out differently in our case? Certainly not! Let it be considered indeed: "revision" is a principle that cannot be confined within well-meant but arbitrarily fixed limits. To be sure, it is said that the matter concerns only the alteration of "relatively few" passages. "But who assures us that it will remain with these few passages? Once the dam has gained an opening at one point which is not stopped up again, the flood breaks in more and more, and soon the whole dam is washed away. This is not unfounded pessimism, but a sure conjecture resting on the observation of history. Here the maxim holds: principiis obsta! Once one gives room to the principle of alteration, one has already stepped off firm ground and is on the best way to losing everything. In the case of church hymns too, the alterations began rather quietly some hundred years ago. But soon the innovators grew bolder and more courageous in their approach. Before thirty years had passed, the whole stock had been made to totter, the fountain of the richest spiritual blessing choked up, or at least thoroughly clouded and made almost unpalatable — which now costs us such trouble to cleanse of its rubble." To what dangerous extent the Bible-revision project has already grown, even in the hands of the Canstein Institute and the venerable Mönckeberg, will appear below: Stier remarks, quite correctly, that to remain at this standpoint would be just as impossible as inconsistent, and therefore presses for undertaking a thoroughgoing radical cure, that is, for introducing his own version in place of the Lutheran one. Matters will probably not come to that so easily; but the paths toward altering Luther's Bible are unfortunately being opened up by such revision plans as the present one. For in all such and similar cases, a second deception always pairs itself with that first one. When Klopstock published his reworking of old church hymns, he maintained quite naively and bona fide that, despite all the alterations, they had not ceased to be the property of their authors. So too the Canstein Institute wishes its revised Bible still to be regarded throughout as the "Lutheran" one, and emphasizes this quite especially in its preface in large capital letters. But is that really so self-evident without further ado, when in a total of 282 passages (the "list" occupies over three closely printed, three-column octavo pages) the previous translation takes on a different form? Stier too still puts out his version as the "Lutheran" one; but who regards it as such? To be sure, he has altered far more passages (often merely for the sake of altering) — but how many passages may one alter before the Lutheran Bible becomes a Mönckebergian or Mönckeberg-Lutheran one? Here it would scarcely be possible to find a reliable standard. At least I could not, for a genuinely Lutheran work flowing from the fresh, creative spirit of the Reformer in free originality, regard as such