Collection › Lehre und Wehre (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 7, Nummer 2 › Seite 55

Lehre und Wehre St. Louis, Missouri — Februar 1861, Seite 55

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Die Türkei. 55

Elements im Orient zu ihrer eigenen Aufgabe. In diesem Sinne wurde die Pforte vermocht, den, Gleichberechtigung der Christen mit den Mahommedanern verbürgenden Hatti⸗Humayum zu erlassen, der gute Wille des Sultans galt als genügende Bürgschaft für die Ausführung desselben, und der Bastard Europas und Asiens wurde legitimirt und in die europäische Staatenfamilie aufgenommen. — Aber, wie vorauszusehen war, blieb es bei dem guten Willen des Sultans: der Hatti⸗Humayum liegt, als todter Buchstabe, unter den Acten des Pariser Congresses vergraben; das Ohr des Türken, welches seine Vormünder mit der Kappe politischer und moralischer Ebenbürtigkeit bedeckt hatten, kommt länger zum Vorschein als je; der morsche Bau seines Staates bricht unter dem Drucke seiner neuen Obliegenheiten zusammen, und der Kaiser Napoleon nimmt heute, unter dem Beifallsrufe Europas, dasselbe Programm auf, welches er vor wenigen Jahren dem Kaiser Nikolaus zum Verbrechen machte. — Mögen nun auch seine politischen Gründe hierzu sein, welche sie wollen, so muß doch jeder Menschenfreund dem Werke Gelingen wünschen, insofern in demselben die Abhülfe der gräulichen Unterdrückung liegt, unter welcher Millionen von Christen schmachten. Leider entfernt sich, unter den jetzigen Umständen, diese Abhülfe mehr und mehr, je brennender die orientalische Schlußfrage wird und je näher sich die türkische Nationalität ihrem Untergange fühlt; denn der Schutz, welchen die europäischen Mächte ihren Glaubensgenossen bieten können, ist nicht im Stande, mit der steigenden Wuth der Türken gegen dieselben Schritt zu halten, und reizt und verdirbt mehr, als er gut macht u. s. w.“

Nachdem das Schriftchen diese Gedanken in treffender Weise weiter ausgeführt und die traurige Hülflosigkeit der Christen im Orient geschildert hat, fährt es fort:

„Die europäischen Großmächte spielen eine traurige, ihrer Kraft und sittlichen sowohl wie geistigen Höhe unwürdige Rolle der Türkei gegenüber; eine Zwitterrolle, verkleidet in die Attribute des Gensdarmen, Advocaten und Sittenpredigers, unerquicklich, ohne drastische Wirkung, ein Spott dem verstockten Sünder, dem sie Halt gebieten möchten und der in der Vorsicht und Unentschlossenheit ihres Auftretens nur Schwäche, in dieser Schwäche aber seine Sicherheit verbürgt sieht. — Die europäische Türkei zählt, nach den Angaben Henry Mattieu's, in dessen vortrefflichem Werke "La Turquie et ses differents peuples" acht Millionen neunmal hunderttausend Einwohner, von denen ungefähr sechs Millionen sechsmal hundertvierzigtausend Christen sind: diese Mehrzahl von fast drei Viertheilen der Bevölkerung lebt unter dem Drucke des vierten Theils in einem Zustande der Knechtung, der Alles übersteigt, was sich eine überreizte Phantasie vorstellen kann. Ohne von den türkischen Behörden zu reden, welche, trotz Pariser Congreß und Hatti⸗Humayum, keinen Raja gegen den Muselmann zeugen, jedoch sich dessen Recht zu Leben und Arbeit schwer bezahlen lassen, — ohne der Steuern zu gedenken, die verzehnfacht durch die Habgier der verschiedenen Beamtenschichten, welche sie zu durchlaufen haben, dem mittellosen Bauer den Stier sammt dem

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The Ottoman Empire. 55

element in the Orient to be its own task. In this sense the Porte was induced to issue the Hatti-Humayun guaranteeing equal rights for Christians with the Mohammedans; the Sultan's good will was accepted as sufficient guarantee for its execution, and the bastard child of Europe and Asia was legitimized and admitted into the family of European states. — But, as was to be foreseen, matters rested with the Sultan's good will: the Hatti-Humayun lies buried, a dead letter, among the acts of the Congress of Paris; the ear of the Turk, which his guardians had covered with the cap of political and moral parity, comes into view more and more; the decrepit structure of his state collapses under the pressure of its new obligations, and Emperor Napoleon today, amid the applause of Europe, takes up the very same program which a few years ago he made a crime in Emperor Nicholas. — Whatever his political reasons for this may be, every friend of mankind must nonetheless wish the undertaking success, insofar as it holds the remedy for the horrible oppression under which millions of Christians languish. Unfortunately, under present circumstances, this remedy recedes more and more, the more burning the Eastern Question becomes and the nearer the Turkish nationality feels itself to its downfall; for the protection which the European powers can offer their fellow believers is unable to keep pace with the rising fury of the Turks against them, and provokes and worsens more than it improves, etc."

After the pamphlet has developed these thoughts further in a striking manner and depicted the sorrowful helplessness of the Christians in the Orient, it continues:

"The European great powers play a sorry role toward Turkey, unworthy of their strength and of their moral as well as their intellectual stature; a hybrid role, disguised in the trappings of gendarme, advocate, and moral preacher, unedifying, without drastic effect, a mockery to the hardened sinner whom they would restrain and who, in the caution and irresolution of their bearing, sees only weakness, and in this weakness his own safety guaranteed. — European Turkey numbers, according to the figures of Henry Mattieu, in his excellent work "La Turquie et ses différents peuples," eight million nine hundred thousand inhabitants, of whom about six million six hundred and forty thousand are Christians: this majority, nearly three-quarters of the population, lives under the oppression of the remaining quarter in a state of bondage exceeding anything an overwrought imagination could conceive. Without even speaking of the Turkish authorities, who, despite the Congress of Paris and the Hatti-Humayun, will not let a Raja testify against a Muslim, yet make him pay dearly for his right to live and work — without mentioning the taxes, multiplied tenfold by the greed of the various layers of officials through which they must pass, that take from the destitute peasant his ox along with the