Collection › Lehre und Wehre (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 8, Nummer 10 › Seite 317

Lehre und Wehre St. Louis, Missouri — October 1862, Seite 317

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Kirchlich⸗Zeitgeschichtliches. 317

wiegt also in Nordamerika und würde eine ansehnliche Gemeinschaft bilden, wenn sie wirklich eine einige lutherische Kirche wäre. Das ist aber gar nicht der Fall. Die größte Gemeinschaft bildet die lutherische Generalsynode, welche lange Zeit außer dem Namen wenig eigenthümlich Lutherisches gehabt hat und nur dadurch zu ihrer größern Ausdehnung gekommen ist, daß sie einer gewissen Lehrfreiheit Raum gelassen hat. Es ist eine auffallende Bemerkung Mellin's, daß die deutsch⸗reformirte Kirche lutherischer ist, als die lutherische, die insofern begründet sein mag, als Dr. Nevin der reformirten Kirche einen starken Stoß gegeben hat, um die Sakramente und die Kirche wieder mehr zur Anerkennung zu bringen. Zu streng darf man es mit diesem reformirten Lutherthum nicht nehmen, selbst wenn es richtig ist, daß die deutsch Reformirten sich der lutherischen Kirche von der Farbe der Generalsynode näher fühlen, als den übrigen reformirten Gemeinschaften. Man wird daraus den Schluß ziehen, daß diese beiden Kirchenkörper reif für eine Union seien. Indeß obgleich sie sich gegenseitige Theilnahme durch Beschickung ihrer Synoden bezeugen, so verharren sie doch in ihrer Sonderung, was sich vielleicht aus der Macht des Herkommens und der Furcht vor Kämpfen erklärt. In wie weit es der lutherischen Generalsynode möglich sein wird, in ihrer Weite und Lehrfreiheit zu beharren, wird die Zeit lehren. Einen nicht geringen Einfluß hat schon die Nevin'sche Bewegung und der confessionelle Kampf der strengen missourischen Lutheraner auf sie geübt, und es ist sehr bemerkenswerth, daß sich gegenwärtig die Söhne der Professoren Schmucker und Krauth, der Verfechter einer weitherzigen Lehrfreiheit, im offnen Widerspruche gegen ihre Väter befinden. Ihnen thuns nicht wenige andere nach, das eigenthümlich Lutherische zu pflegen.

Die missourischen Lutheraner haben ihren Schwerpunkt freilich im Westen, erhalten aber dennoch ihre Gemeinden im fernen Osten in lebendiger Gemeinschaft mit sich. „„Der Pastor der missourischen Gemeinde war, als ich dort hinkam, eben von dem Besuch der missourischen Synode zurückgekehrt; er hatte also für diesen Zweck eine Reise über 400 deutsche Meilen gemacht. Die schroffere gegensätzliche Stellung, welche diese Gemeinden zu den andern lutherischen und reformirten einnehmen, veranlaßt sie ernstlicher die Gemeinschaft mit ihren missourischen Gesinnungsgenossen wahrzunehmen. Die im Westen erscheinenden Blätter der Missourier, „„Lehre und Wehre“ und der „„Lutheraner,““ werden auch von den Laien im Osten fleißig gelesen; der Eifer, mit dem auch diese an dem confessionellen Streite Theil nehmen und sich mit den Unterschieden der Lehre bekannt zu machen bemüht sind, treibt sie immer aufs neue an, in Missouri ihren geistlichen Mittelpunkt zu suchen. Wo die Missourier nur im Osten ihre Gemeinde haben, pflegen sie ihnen die besten Geistlichen, die sie haben, aus dem Westen zu geben, die natürlich schon darum, weil der Westen ihre natürliche oder geistliche Heimath ist, an ihren dortigen Brüdern mit allem Eifer festhalten. Was man auch von ihrer schroffen confessionellen Stellung, ihrer bittern Polemik, ihrer schonungslosen Härte andern Gemeinschaften gegenüber halten mag, man muß doch gestehen, daß sie einzelne wissenschaftlich gebildete, praktisch tüchtige Männer an ihrer Spitze haben, deren Einfluß weithin gefühlt wird. Wie diese selbst aus dem Vaterlande, zum Theil ihrer religiösen Ueberzeugung wegen, gegangen sind, sind auch die Gemeinden nicht irdischer Interessen wegen nach Amerika gezogen; und wie harte Prüfungen gleich im Anfange, besonders durch den Fall ihres Führers, über sie gekommen sind, sind sie aus ihnen belehrt, theilweise geläutert und gekräftigt hervorgegangen. Seitdem haben sie immer wenigstens einige tüchtige Kräfte als Halt⸗ und Sammelpunkt in ihrer Mitte gehabt. Will man nichts weiter als gerecht sein, so muß man den Gemeinden der missourischen Lutheraner reges Leben und großen Eifer für ihre kirchlichen Interessen zugestehen. Es ist unter den andern deutschen kirchlichen Gemeinschaften anerkannt, daß sie ihnen darin ein Muster sind; und sie können sich getrost, was äußere Regsamkeit, praktische Bethätigung für Ausbreitung ihrer Gemeinschaft, für den Aufbau von Kirchen, besonders auch ernstliche Sorge um Vorbereitungsanstalten für's geistliche Amt angeht, mit den amerikanischen Gemeinschaften messen, mit denen sie auch sonst viel gemein haben.““

„Begreiflich ist es, daß sowohl die Lehrstrenge als die Kirchenzucht viele deutschen Einwanderer von den Missouriern abschreckt, so geachtet sie auch sein mögen. Pastor Nollau,

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Church and Contemporary Affairs. 317

thus outweighs [the Reformed] in North America and would form a considerable body if it were really a united Lutheran church. But that is by no means the case. The largest body is the General Synod, which for a long time had little that was distinctively Lutheran beyond the name, and has arrived at its greater extent only because it has allowed room for a certain freedom of doctrine. It is a striking remark of Mellin's that the German Reformed church is more Lutheran than the Lutheran, which may be justified insofar as Dr. Nevin has given the Reformed church a strong impetus toward bringing the sacraments and the church again into greater recognition. One must not take this "Reformed Lutheranism" too strictly, even granting that it is true that the German Reformed feel themselves closer to the Lutheran church of the General Synod's stripe than to the other Reformed bodies. One would conclude from this that these two church bodies are ripe for a union. Yet although they show mutual participation by sending delegates to each other's synods, they nevertheless persist in their separation, which is perhaps explained by the power of custom and the fear of conflict. How far it will be possible for the Lutheran General Synod to persist in its latitude and freedom of doctrine, time will tell. The Nevin movement, and the confessional struggle of the strict Missouri Lutherans, have already exercised no small influence upon it, and it is very remarkable that at present the sons of Professors Schmucker and Krauth, the champions of a broad-hearted freedom of doctrine, find themselves in open opposition to their fathers. Not a few others follow their example in cultivating what is distinctively Lutheran.

The Missouri Lutherans have their center of gravity, to be sure, in the West, but nevertheless keep their congregations in the distant East in living fellowship with themselves. "'When I arrived there, the pastor of the Missouri congregation had just returned from attending the Missouri Synod; he had accordingly made a journey of over 400 German miles for this purpose. The sharper, more antagonistic stance that these congregations take toward the other Lutheran and Reformed bodies leads them to cultivate fellowship with their Missourian fellow believers all the more earnestly. The papers of the Missourians appearing in the West, "Lehre und Wehre" and the "Lutheraner," are also diligently read by the laity in the East; the zeal with which these too take part in the confessional struggle and endeavor to make themselves acquainted with the differences of doctrine constantly drives them anew to seek their spiritual center in Missouri. Where the Missourians have congregations only in the East, they are accustomed to give them the best clergy they have from the West, who naturally — since the West is their natural or spiritual homeland — hold fast with all zeal to their brethren there. Whatever one may think of their harsh confessional stance, their bitter polemics, their unsparing severity toward other church bodies, one must nevertheless admit that they have at their head individual men who are scientifically educated and practically capable, whose influence is felt far and wide. Just as these men themselves left the fatherland partly for the sake of their religious conviction, so too the congregations did not move to America for the sake of earthly interests; and however hard the trials that came upon them right at the beginning, especially through the fall of their leader, they have emerged from them instructed, in part purified and strengthened. Since then they have always had at least a few capable men in their midst as a point of support and gathering. If one wishes to be nothing more than just, one must grant to the congregations of the Missouri Lutherans vigorous life and great zeal for their church interests. It is acknowledged among the other German church bodies that they are a model to them in this; and, as regards outward activity, practical exertion for the spread of their fellowship, for the building up of churches, and especially also serious concern for institutions preparing men for the spiritual office, they may confidently measure themselves against the American church bodies, with whom they also otherwise have much in common."'

"It is understandable that both the strictness of doctrine and church discipline frighten away many German immigrants from the Missourians, however much these may otherwise be respected. Pastor Nollau,