Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 5, Nummer 10 › Seite 74
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1849-01-05, Seite 74
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Bibliſche Geſchichte 5
Flammen der brennenden Häuſer, um den viehi⸗
ſchen Soldaten zu entgehen; 53 Frauenzimmern
wurden in der Katharinen-Kirche, indem ſie
knieend um ihr Leben baten, von den Kroaten die
Köpfe abgeſchlagen. Einer rühmte ſich, 20 Säug⸗
linge aufgeſpießt zu haben, da aber Pappenheim
gleich anfangs einige Häuſer hatte in den Brand
ſtecken laſſen und der Wind ſchadenfroh hinein⸗
blies, ſtand bald die ganze Stadt in Flammen
und verbrannte bis auf 137 kleine Häuſer und
den feuerfeſten Dom, in den ſich 4000 Menſchen
retteten. Alle übrigen Magdeburger kamen durchs
Schwert oder in den Flammen um. Viele, die
ſich in den Kellern verſteckt, wurden erſt nachher
von den nach Beute wühlenden Soldaten ent⸗
deckt und abgeſchlachtet. Dieſe Scenen dauerten
bis zum 22. Mai, dann erſt begab ſich Tilly ſelbſt
auf die Brandſtätte und ſtellte Zucht und Ord⸗
nung her, die Flüchtlinge in der Domkirche, gleich
anfangs durch eine Wache geſchützt, erhielten
Gnade und ſeit drei Tagen zum erſtenmal etwas
zu eſſen. Wahrſcheinlich fand ſich Tilly geſchmei⸗
chelt durch die lateiniſche Anrede, mit der ſich der
Domprediger Bake ihm zu Füßen warf. Man
ſah dieſen ſchrecklichen Tilly, eine hagere Figur
auf einem großen Roſſe, in einer kurzen auf⸗
geſchlitzten Jacke von grünem Atlas, auf dem
hohen Spitzhut eine noch höhere rothe Feder,
unter einer aufgerunzelten Stirne große, grelle
Augen, unter der ſpitzigen Naſe einen ſtarrenden
Schnurrbart, ſteif, geſpenſtig, hohlwangig, mit
einem gewiſſen wahnſinnigen Ausdruck, der jedoch
bei ſeiner Eitelkeit nur erkünſtelt ſchien. So
ſtand er auf den Trümmern von Magdeburg,
ſtolz herabſchauend auf die 30,000 Leichen der
ruhmvoll gefallenen oder ſchändlich gemordeten
Einwohner, am 24. Mai 1631. Von dieſer
„Magdeburgiſchen Hochzeit“, wie es ſeine Solda⸗
ten nannten, ſchrieb er voll Entzücken nach Wien:
„daß ſeit der Eroberung Jeruſalems und Troja's
keine größere Victoria erfahren und erhört worden,
und bedaure, dero kaiſerliche Frauenzimmer nicht
ſelbſt zu Zuſchauern gehabt und von ihnen den
Ritterdank erhalten zu haben“. Die Katholiken
feierten dieſe klägliche Zerſtörung Magdeburgs
durch Siegesfeſte. —
Wenden wir uns nun von dieſer ſchauerlichen
Zerſtörung hinweg zu einem Denkmal göttlicher
Hülfe, welches ein damaliger Prediger in dem
unglücklichen Magdeburg erlebte und aus ſeinem
Tagebuch alſo erzählt:
Nachdem ich, Chriſtoph Thodänus, Prediger
an der Catharinen-Kirche zu Magdeburg, Diens⸗
tags den 10. Mai 1631 meine ordentliche Wo⸗
chenpredigt durch Gottes Gnade abgelegt und
dieſelbe mit dem Gebei und gewöhnlichen Frie⸗
denswunſch geendigt hatte und darauf zu Hauſe
gegangen war, iſt die Botſchaft ſchon von etlichen
Leuten aus St. Jakobs-Pfarre umgebracht, der
Feind wäre ſchon auf dem Wall und in der
Stadt. Darüber wir heftig erſchracken, und
gleichwohl ſolches anfänglich nicht glauben woll⸗
ten. Als es nun aber allzu wahr war, habe ich
mein Haus und Alles offen ſtehen laſſen, bin
nebſt meiner Hausfrau und unſrer Magd zu mei⸗
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nem Herrn Collegen, dem Herrn Seniori R. Mi-
nisterii und Pfarrherrn zu St. Catharinen, Jo-
hannes Malſius, in ſein Haus gegangen, dahin
auch ſehr viel andere Leute gelaufen kamen, da
wir dann einander getröſtet, mit einander gebetet,
unſere Seelen dem getreuen Gott, welche er durch
ſeines lieben Sohnes Blut und Tod gar theuer
erkauft hat, befohlen, und als arme Schlacht—
Schäflein in großer Furcht und Schrecken erwar—
tet, wie es uns nach Gottes Willen ergehen
werde. — Wie viel bittere und heiße Thränen,
ſonderlich von dem wehmüthigen Frauenvolk,
damals häufig vergoſſen, wie viel Herzensſeufzer
geführet worden, das weiß der barmherzige Gott
am allerbeſten, der unſere Flucht und Thränen
ohne Zweifel zählet und in einen Sack faſſet. —
Unterdeſſen ſchickte ein vornehmer Oberſter unſers
Volks, meines Behaltens einer von Adel, aus
dem langen Hals, einem Gaſthof, zu mir, wel⸗
cher ſehr gefährlich bei dem Hals geſchoſſen, be⸗
gehrend, ich ſollte zu ihm kommen, und ihn tröſten,
er werde es wohl nicht lange machen; welches ich
bewilligte, ließ meinen Rock holen und nahm Ab—
ſchied von meiner Frau, befahl ſie und alle An-
deren dem getreuen Gott, mit betrübtem Herzen
ſagend: Nun ſehen wir uns allhier in dieſem
Leben nicht wieder, ſo wollen wir doch im ewigen
Leben mit Freuden einander wieder ſehen. Und
ob zwar meine Frau mit Vergießung vieler bit⸗
terer Thränen ſagte: Ach, wollet ihr mich nun
hier allein laſſen, ſo ſei es Gott geklaget. ſo habe
ich ſie doch zufrieden geſprochen und angedeutet,
ſolches wäre mein Amt, ich könnte es dem guten
Herrn nicht abſchlagen. Alſo bin ich in Gottes
Namen zum Hauſe hinausgegangen und mich
dem lieben Gott mit Leib und Seele treulich be⸗
fohlen.
Als ich aber auf den breiten Steg kommen,
ſind etliche fromme Herzen von Frauen und
Jungfrauen zu mir gelaufen und gefraget: Was
ſie doch thun ſollten? Denen habe ich geantwortet:
Ich wüßte jetzt keinen andern Rath zu geben, als
ſie ſollten fleißig beten und ſich Gott dem HErrn
ergeben. — Darauf bin ich in das Haus zum
langen Halſe gegangen, und in der vorderſten
Stuben den Verwundeten, auf der Erde liegend,
ſehr ſchwach befunden, den ich, ſo gut ich damals
im Schrecken konnte, getröſtet.
Als aber der Feind ſchon in der Stadt war,
und das arme Volk auf dem breiten Wege vor
ſich her, wie Heerden Vieh, trieb, und darunter
ſchoſſe, wer getroffen wurde, der lag, wer laufen
konnte, der that es auch: ſo kam meine Frau mit
der Magd zu mir in die Stube gelaufen, und
weil dieſelbe voller Büchſen und Gewehre war
und leicht zu erachten, wenn die Feinde ſolches
ſähen, ſie würden ſehr darob erbittert werden; ſo
hat ſie mich mit Gewalt, da die Feinde ſchon vor
den Fenſtern waren und ſchoſſen, daß der
Schmauch und Rauch zun Fenſtern hinein ſtieb,
aus derſelben Stuben gezogen, und ſind wir Alle
drei in das hinterſte Gemach nach dem Hofe ge⸗
gangen, und uns allda nicht weit von der Thüre
nebeneinander geſtellet, erwartend, wie es uns
ergehen würde.
Tu
Thür, als ſie aber verriegelt war, ſchlugen ſie mit
Macht daran, welche dann auf des Wirths Be⸗
fehl bald eröffnet wurde, und kamen alſo mit gro⸗
ßem Sturm zu uns hinein. Die erſte Parthey
begehrte alsbald von mir, der Pfaff ſollte Geld
geben.
darinnen ohngefähr etwa ſechs oder ſieben Thaler
waren, das gab ich dem Einen, welcher es auch
gerne annahm; weil aber kein Gold dabei war,
wie er denn fleißig darnach ſahe, wollte er's nicht
haben, ich ſollte ihm auch Gold verſchaffen; als
er aber meine Entſchuldigung hörte, nahm er's,
und ging davon. Unterdeſſen wurde Alles auf⸗
geſchlagen, in der Stuben und Kammer genom⸗
men, und was nicht gehen konnte, eingeſteckt und
weggetragen. Unter dieſen war ein feines Bürſch⸗
lein, mitleidlich, zu dem ſagte meine Frau, bit⸗
terlich weinend: Ach, ich bitte euch um Goites
willen, beſchützet uns; aber er antwortete: Liebe
junge Frau, das können wir nicht thun, wir müſ⸗
ſen unſern Feind verfolgen. Und liefen wieder
davon.
Und alſo war die erſte Buben-Marter vorüber.
Da vermeinten wir, es wäre nun Alles vorbei
und ausgeſtanden, weil ich auf einer ſolchen
Fechtſchule noch nie geweſen war. Aber es wäh⸗
rete nicht lang, da kam wieder eine Rotte, die be⸗
gehrete auch von uns Geld, welche wir mit zwei
Reichsthaler und zwei ſilbernen Löffeln, welche
unſere Magd in unſerm Hauſe eingeſteckt hatte,
zufrieden ſtellten, die nahmen ſolches an und gin⸗
gen davon, verſuchten ſonſt nichts feindliches
gegen uns. Bald darauf kamen Eltliche, dar⸗
unter einer war, der ſahe aus als der leidige
Teufel, hatte zwo Muſqueten, und im Maul in
einem jeden Backen eine Kugel, mit grimmigem
Angeſichte mich anſehend und ſagend: Pfaff, gib
Geld! denn das war auf ihrer Seiten die Loſung.
Als ich mich aber entſchuldigte, ich hätte nichts
mehr bei mir, ich gehörete auch nicht in dieſes
Haus, ſo wollte er damit nicht zufrieden ſein, ſon⸗
dern er paſſete mit einer Muſqueten auf mich, als
ihm aber die Lunte nicht recht wollte anbrennen,
blies er ſie an und druckete los. Unterdeſſen er⸗
mannte ſich meine Frau, ſchlägt ihm die Muſ⸗
queten in die Höhe, daß mir die Kugel über den
Nun hatte ich bei mir ein Schächtelein,
Kopf flohe in die Wand hinein, und ſie hielt ihn“
bei den Armen, daß er ſich nicht regen konnte.
Und weil er Geld forderte, wir aber nichts mehr
hatten, ſo ſprach er, ſo gib mir Silberwerk. Da
wird ſie eingedenk, daß ſie noch ſilberne Haken
hatte an ihrem Bruſtleibchen, welche ſie ſelbſt ab⸗
geſchnitten und ihm gegeben, er aber ſtunde vor
ihr, ſahe zu, rührete ſie aber mit keinem Finger
an.
haben, da griff ich in die Taſche und fand noch
drei alte böhmiſche Groſchen darin, welche ich
nicht wußte, legte ſie ihm auf den Tiſch und ſagte:
daß ich in Wahrheit ein mehreres nicht hätte, die
ſtrich er in die Hand und nahm ſie und ging
davon. Da war abermal ein Weh vorüber.
Hierbei iſt es zu merken, daß keiner unter dieſen
Allen geweſen, der uns unterſucht hätte, ob wit
etwa ein Mehreres bei uns hätten, worüber ſich
Flugs darauf waren ſie vor der gleichwohl hoch zu verwundern.
Ein Anderer wollte auch von mir Geld
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