Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 5, Nummer 10 › Seite 78

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1849-01-05, Seite 78

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in der Lehre ſollten recht gehabt haben. Würde
ich aber nicht die Lehre Luthers, ſondern die ſpäter
gefaßte Meinung Zwingli's oder Calvin's für die
ſchriftgemäße erkennen, dann Schmach und ewiges
Wehe mir, wenn ich noch länger das Brod der
lutheriſchen Kirche eſſen wollte!

Herrn Letz's Bericht über die gemachten „Ver⸗
ſuche, die Privatbeichte einzuführen“, iſt dahin zu
berichtigen, daß ich nie Privatbeichte gehalten,
außer auf ausdrückliches Verlangen Einzelner,
die ich dabei nie nach ſpeciellen Sünden gefragt
habe. Daß ich bei Beichtanmeldungen den Chor⸗
rock angezogen und die Beichte habe herſagen
laſſen, iſt nur dann geſchehen, wenn Dienſtboten
oder andere Arbeiter mich erſuchten, die Beichte
mit ihnen im Hauſe zu halten, da ſie zu der für
die allgemeine Beichte feſtgeſetzten Stunde nicht
abkommen könnten. Auch waren dann faſt
immer mehrere zugleich gegenwärtig. Privat⸗
abſolution hatte bereits ſeit Jahr und Tag
ohne alle Widerrede bei jedem Communicanten
ſtattgehabt. Da durch mehrere der ſpäter offen
Abgefallenen (weil ich mich genöthigt ſah, ſie
wegen grober Sünden, über die ſie denn auch
Reue heuchelten, zu ſtrafen) die perſönlichen An⸗
meldungen verhaßt gemacht wurden, ſollten die⸗
ſelben eben durchaus der katholiſchen Ohrenbeichte
gleichgeſtellt werden, und obwohl ich oft, ſowohl
vor öffentlicher Gemeinde, als auch in den
Kirchenrathsſitzungen, den Vorſchlag machte,
man ſolle doch eine Beſtimmung dahin treffen,
daß der Prediger der Gemeinde gehalten ſei,
Jedem die Beichte zu gewähren, wie man ſie be⸗
gehre, privatim oder öffentlich, ſo wurde dieß doch
durchaus nicht beachtet, ſondern man verlangte,
daß (alſo auch auf ausdrückliches Begehren
nicht) Privatbeichte nicht ſtattfinde, und von An⸗
meldungen wolle man auch nichts wiſſen. Zu
gleicher Zeit wurde vom Kirchenrathe wieder
Beſchwerde erhoben gegen einige von Anfang des
Altardienſtes an ſtattgehabte Ceremonien, ohne
daß ich jetzt mehr, ohne die wahre chriſtliche Frei⸗
heit zu verleugnen, hätte weichen können, da die
Aenderung von ſolchen gefordert wurde, die ihren
Unglauben offen ausgeſprochen hatten, und ſich
beklagten, es werde zu viel vom Glauben an
Chriſtum gepredigt und zu viel Unterſchied ge⸗
macht zwiſchen Heiligen und Unheiligen: Pre⸗
digten über Moral und Tugend wäre, was ſie
haben wollten! Die völlige Scheidung erfolgte,
wie ſchon in einer früheren Nummer des „Luthe⸗
raner“ berichtet, indem man gar ſchlau den unab⸗
änderlich feſtgeſtellten Grundartikel der Gemeinde⸗
ordnung dahin ändern wollte, daß die Namen
der ſymboliſchen Bücher unſerer Kirche und die
Beſtimmung, daß der jedesmalige Prediger der
Gemeinde darauf verpflichtet ſein müſſe, wegfallen,
und ſonſt viele Aenderungen getroffen wurden,
die dem Worte Gottes und unſeren Bekenntniß⸗
ſchriften widerſprechen. Daß man pro forma
mich meines Amtes entſetzte, nachdem ich ſchon
vor zwei Tagen den 45 erklärt, ſie ſeien keine
Glieder meiner Gemeinde mehr, weil ſie eben
von den Grundbeſtimmungen unſerer Gemeinde⸗
ordnung abgewichen, war eben ſo überflüſſig, als

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zu beſchließen, den Kaiſer von Rußland ſeines
Thrones zu entſetzen: er wird ihn wohl noch inne
haben, und ſo bin auch ich noch immer in mei⸗
nem Amte und arbeite jetzt mit freudigem Geiſte
an meiner alten, zwar kleineren und an irdiſchen
Gütern ärmeren, aber in dem HErrn um ſo rei⸗
cher gewordenen Gemeinde, ſo lange es meinem
lieben Heilande gefällt!

Schließlich möchte ich Herrn R. und ſo man⸗
chem ſeiner Geſinnungsgenoſſen, die mit ihren
Gaben ja gewiß ſo viel für die wahre Ehre des
HErrn wirken könnten, noch das Wort des HErrn,
Luc. 11, 22., vorhalten: „Wer nicht mit mir
iſt, der iſt wider mich, und wer nicht mit mir
ſammlet, der zerſtreuet!“ Oder ſollte Herr R.
wirklich meinen, mit ſeinen Unionsbeſtrebungen
auf den einigen Grund des Heils, unſern HErrn
Chriſtum, der der Weg, die Wahrheit und
das Leben iſt, zu bauen und zu ſammeln mit ihm?
dann möchte es doch wohl gerathener ſein, mit
dem Schwerte des Geiſtes, welches da iſt das
Wort Gottes, die Symbole der lutheriſchen Kirche
zu bekämpfen, als durch entſtellte Berichte
über lutheriſches Wirken der Sache der Union
aufhelfen zu wollen. Allen, obwohl verführten,
ſo doch redlichen Seelen, erflehe ich, daß der
HErr ihnen die Augen öffnen möge, damit ſie
erkennen, wo Wort und Sacrament in Reinheit
zu finden, und man, dem HErrn gefällig, um die
Ehre Seines Hauſes eifert. Den bisher hals—
ſtarrig gegen den HErrn und Seinen Geſalbten
Kämpfenden aber wünſche ich vom Grunde mei⸗
nes Herzens, daß der treue Heiland, der ja auch
ſie ſo theuer erkauft hat vom ewigen Verderben,
ihnen duich Seinen Heiligen Geiſt ein neues Herz
geben möge, daß ſie den Irrthum ihres Weges er⸗
kennen, ſich mit allen wahrhaft gläubigen Luthe⸗
ranern in gründlicher Buße vor dem HErrn de⸗
müthigen, Chriſtum als ihren Erlöſer annehmen,
und Ihn mit uns loben und preiſen in Ewigkeit.

A. Selle,
Paſtor der „Erſten deutſchen Ev.⸗Luth.
St. Paulus⸗Gemeinde in Chicago“.

(Eingeſandt.)
„Der Lutheraner.“

In Nro. 7 des Lutheraners befindet ſich eine
Stelle aus einem Brief des Herrn Paſtor Schie⸗
ferdeckers, die wegen der Wichtigkeit des Gegen⸗
ſtandes, den ſie berührt, reiflich bedacht und be⸗
ſprochen werden ſollte.

Kein Redlicher mißkennt wohl den ſeelſorge⸗
riſchen Eifer, der jene Zeilen hervorgerufen hat,
denen mans leicht anſieht, daß der Schreiber weiß,
es ſei ihm das Amt vertraut zu weiden die Heerde,
die der HERR JEſus Chriſtus mit Seinem Blute
erkauft hat. Auch ſtimmen wir wohl alle darin
überein, daß es höchſt wünſchenswerth ſei, ſo wir
anders die dazu nöthigen Gaben und Mittel be⸗
ſitzen, daß bald ein erbauendes Blatt fürs Volk,
für die armen lutheriſchen Landgemeinden ins Le⸗
ben treten möchte, welches etwa den Weg des
Wuchereriſchen Sonntagsblattes einſchlüge und

der Lutheraner in ein ſolches Blatt umzuwan⸗
deln ſei. Mich drängt es, aus Gründen, die
ich hier offen darlegen und zu bedenken geben will,
nein dazu zu ſagen, wie das die Conferenz auch
gethan hat.

Für die Erbauung der Gemeinden iſt doch zu⸗
nächſt durch das heilige Predigtamt, dann durch
Hausgottesdienſte, nicht ſelten auch durch gute
Predigt⸗, Gebet- und Geſangbücher geſorgt.
Selbſt der Lutheraner giebt Zweckdienliches im
reichen Maaß an die Hand, und die Seelſorger
könnten dergleichen ihren Gemeindegliedern leicht
bezeichnen, und ihnen die Mühe des langen Su⸗
chens erſparen. Gehen wir aber auf das Be⸗
dürfniß der Kirche zurück, das den Lutheraner
ins Daſein gerufen hat. Wie er ſich je und je
über ſein Erſcheinen ausgeſprochen hat, war es
vor allem der große Mangel an echter lutheriſcher
d. i. ſchriftmäßiger Erkenntniß der heilſamen Lehre
hier zu Lande; war es die Untreue zahlloſer Na⸗
men⸗Lutheraner, die von dem lautern Bekennt⸗
niß ihrer Kirche abgefallen ſind; war es das zer⸗
ſtörende Wirken und Treiben unzähliger Secten,
die hier die Kirche beunruhigen; war's mit einem
Wort die kümmerliche Zeit, in der Jeruſalem ge⸗
baut wird, die ihn bewog, ſeine ihm von Gott
vertraute Kelle und ſein gutes Schwert des Gei⸗
ſtes nicht müßig liegen zu laſſen, ſondern durch
Lehre und Wehre treulich zu wirken, daß der koſt⸗
bare Schatz der Heilswahrheiten der Kirche, vom
Staub der Vergeſſenheit gereinigt, wieder in ſeinem
erleuchtenden Glanze erkannt, den Widerſprechern
aber das Maul geſtopfet werde. Nun frage ich,
iſt etwa dieſem dringenden Bedürfniß der Kirche
anderweitig Abhilfe geſchehen? ſind wir ſchon
wieder in der Erkenntniß ſo erſtarkt, iſt der bittere
Schaden der Treuloſigkeit ſo gründlich geheilt, die
Wuth der Secten ſo völlig gedämpft, daß ein
ſolches Blatt nicht mehr Noth thut? Nun, ich
will in einer ſo ernſten Sache nicht ſpotten. Da
leſe ich den ſogenannten lutheriſchen Kirchenboten,
ſoll ihn auch berückſichtigen — aber ſo viel ich dar⸗
innen leſe, einen Boten der lutheriſchen Kirche
kann ich in ihm wahrlich nicht finden, ſondern,
wie männiglich weiß, eine alte Baſe, geſchwätzig,
breit, urtheilslos, lügneriſch, läſterzüngig, mit
einem Wort: keiner Beherzigung werth. So ha⸗
ben wir ja auch erſt jüngſt mit Betrübniß gehört,
wie ſelbſt der Lutheran Standard ſeinem Na⸗
men, der Fahne, der er zugeſchworen hatte, durch
ſeine kläglichen Unionsgedanken ſchmählich un—
treu geworden iſt. Und was ſoll ich von dem
Treiben der Secten ſagen, von dem ſich faſt in
jeder Nummer bedauerliche Aktenſtücke finden.
Wären wir nun freilich ſchon wieder nach allen
Seiten hin zum vollen Bewußtſein, zur umfaſſen⸗
den Erkenntniß der heilſamen Lehre gelangt, die
unſere theuern Bekenntnißſchriften aus der eimig
wahren Erkenntnißquelle des göttlichen Worts
lauter und rein darlegen, ſo möchte man, wiewohl
ſelbſt dann mit Unrecht, ſagen: laßt die Secten
toben und die falſchen Brüder ſchreien, wir wollen
ſtill ſein und uns gemächlich und in gutem Frieden
nach innen bauen. Doch täuſchen wir uns nicht,

verfolgte. Die Frage iſt nun, ob nicht etwaéwir ſind noch keineswegs völlig zurückgekehrt zu

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