Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 5, Nummer 10 › Seite 75

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1849-01-05, Seite 75

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Endlich kamen ihrer vier oder fünf mit Spießen
oder Partiſanen, und als ſie mich in meinem prie⸗
ſlerlichen Habit ſtehen ſahen, und vernahmen, wie
ih dahin gekommen, begehreten ſie nichts von uns,

ſondern ſagten: Wir wollen ſehen, ob du Pfaff
wirſt Fuß halten, und gingen alſo davon. Weil
wir nun nichts am Gelde, und auch ſonſten nichts
nehr hatten, auch zu befürchten, ſolche Plackerei
würde immer gewähret haben, gingen wir aus ge⸗
neldetem Gemach und großen Stuben, und ſtie⸗
gen zwo Treppen hinauf, auf den oberſten Boden
in ſelbigem Hauſe, daß wir nicht höher ſteigen
konnien, und gingen in eine Kammer, darin viel
gemachte Betten nacheinander ſtanden. Was wir
aber allda eine ziemliche Zeitlang her Furcht,
Schrecken und Todesangſt gehabt und ausgeſtan⸗
den, das weiß der liebe Gott und wir, die wir ſo
heiß mußten ausladen. Unterdeſſen mußten wir
hören ein greuliches Trommelſchlagen, Geſchrei
und Einziehen vieler Pferde. Im Hauſe und
unter uns wurde Alles mit Aexten mit Gewalt
aufgehauen, in ſolcher Wuth und Grimm, daß
einem die Haare zu Berge ſtanden, und das Herz
erzitterte und bebete. Unſer beſter Troſt, nächſt
Gott, in ſolcher Angſt war dieſes, daß wir noch
eitel Deutſche reden hörten. Unterdeſſen baten
wir den lieben Gott, daß doch ein Oberſter allda
möchte einquartieren, mit welchem man beſſer, als
mit den gemeinen Soldaten, handeln könnte, ſo
hofften wir, es ſollte uns beſſer gerathen werden.
Aber wir mußten in Geduld aushalten. Bis end⸗
lich unten und auf dem mittleren Boden Alles
aufgehauen war, da kamen ſie zu uns auch hin⸗
auf, wir ſtelleten uns bald für die Treppe, daß ſie
uns ſehen könnten. Unter der erſten Rotte war
Einer, der hatte in der Hand eine große ſpitzige
Keulhaue, damit wollte er mir auf dem Kopfe
ſpielen. Sein Kamerad aber wehrete ihm, und
ſprach: Was willt du machen, du ſiehſt ja, daß es
ein Prediger iſt? Da ließ er's bleiben und ging
davon. Endlich kommt ein toller Eiſenbeißer die
Treppe hin auf und hatte einen ſpitzigen Stech⸗
degen in der Hand; und als er den letzten Schritt
hinauf thut, hieb er mich flugs damit auf den
Kopf und auf die Seite der Stirn und ſprach zu⸗
gleich: Pfaff, gib Geld! Weil ich nun aber ſehr
blutete, daß mein weißer Prieſterkragen und mein
Rock voller Blut ward, und deswegen die Mei⸗
nigen ſehr übel thaten, ſetzte er der Frau den
ſpitzigen Degen gerade auf den Leib, daß ich nicht
anders gedachte, er würde ſie jetzt durchſtechen.
Als ich ihm aber zuſahe, wurde ihm ſein Arm
ſehr krumm, daß er ſich beugete und ſtach bei weg.

Weil ich nun aber ſehr blutete, ſahe mich der
Kerl an, und weil wir ſo geduldig waren, däuchte
mich, es jammerte ihn unſer, derwegen ſagte ich:
Ach laſſet mich doch mit euch reden, ich gehöre
allhier nicht ins Haus, ſondern bin gefordert wor⸗
den, da unten den verwundeten Patienten zu trö⸗
ſten, wie er denſelben wohl würde geſehen haben:
Er ſollte mit uns in unſer Haus gehen, ſo woll⸗
ten wir ihm geben, was wir noch hätten. Darauf
ſprach er: Nun ſo komme, Pfaff, gib mir dein
Geld, will dir's Wort ſagen: IEſus Maria iſt
das Wort, wenn du das ſagſt, thut dir Soldat

7⁵

nichts mehr ꝛc., dann er konnte nicht wohl deutſch.
Darauf faſſete ihn meine Frau feſt bei dem Man⸗
tel und wanderten alſo die Treppen hinunter in
den Hof, vermeinten, wir hätten nun wohl gefiſcht.

Als wir auf den breiten Weg kamen, wieviel
tauſend Menſchen ſahen wir da rufen und ſchreien,
reiten und gehen. Da wir nun auf unſere Kirche
St. Catharinen zugingen und unterwegen die
todten Körper liegen ſahen, ſiehe, nicht weit davon,
hielt ein vornehmer Oberſter auf einem braunen
Pferde, der unſer bald gewahr wurde und ſagte
zu unſerm leidigen Tröſter, dem Eiſenfreſſer:
Kerl, Kerl, machs gleich wohl mit den Leuten, daß
es zu verantworten iſt. Frau, ſagte er ferner,
iſt das euer Haus? Ach nein, mein Herr Oberſter.
Er ſprach: Nun faſſet an meinem Steigbügel,
nehmet euren Herrn bei der Hand und führet mich
in euer Haus, ihr ſollt Quartier haben. Zu mir
ſagte er aber gleichſam mit etmas leiſerer Stimme,
mit der Hand winkend: Ihr Herren, ihr Herren,
ihr hättet es auch wohl anders machen können.
Ich wußte aber nicht, was das geredet war.
Unterdeſſen hatte unſer Soldat Reißaus genom⸗
men, daß wir nicht wußten, wo er geblieben war,
und mußte alſo der gute Schlucker für diesmal
von uns mit ledigem Beutel ziehen, wie wir denn
ſeiner auch gar leicht entbehren konnten, gleich⸗
wohl hat er mir ein Gedächtniß hinterlaſſen, wel⸗
ches ich vorzuweiſen habe, ſo lange ich leben werde
nach Gottes Willen. —

Alſo marſchirten wir auf unſer Haus zu; als
wir nun dafür kamen, ging eben Einer heraus,
der hatte meiner Frau ihre drei ſchönen Röcke übes
die Achſel geſchlagen, und trug ſie davon, hatte
ziemlich guten Kauf gehalten und wenig baares
Geld dafür gegeben, wir aber ſchwiegen ſtill. —
Unſer Obriſter ritt vor die Thür, und ſprach zu
denen, die noch darin waren: Heraus, heraus, da
mußten ſie alle heraus. Und zu uns ſprach er:
Nun, Frau, gehet hinein, verbindet euren Herrn,
bis wir einen Feldſcheer bekommen, ſagte ihr auch,
was ſie dazu nehmen ſollte, es ſoll euch nun,
ſprach er, kein Leid mehr widerfahren, ich will
mein Quartier bei euch haben, räumet im Hauſe
fein wieder auf. Stellte uns auch alsbald zur
Salva⸗Guardi zweie ſeiner Leibſchützen, die uns
mußten bewachen und keinen Soldaten mehr ins
Haus laſſen. Unterdeſſen ritte der Oberſte davon,
mit Verheißung, er wollte bald wieder zu uns
kommen, und ſehen, was wir machten, wie denn
auch geſchah. Wenn mittlerweile Andere kamen
und wollten ins Haus, ſo wurden ſie von unſrer
Wache abgehalten, mit Vermeldung, der Oberſte
Wachtmeiſter und Hauptmann unter dem Savel⸗
liſchen Regiment hätte ſein Quartier allda, ſie
dürften Niemand einlaſſen; und ob zwar etliche
ſich ſehr maußig machten, ob das recht wäre,
Tilly hätte geſagt: Drei Tage plündern, rauben,
todtmachen ꝛc., ſo mußten ſie doch aus dem Hauſe
bleiben, begehrten denn einmal zu trinken und
gingen dann wieder davon. Unſern Schildwäch⸗
tern ſetzten wir kalt Gebratenes vor und eine
friſche Kanne guten Biers, das ſchmeckte ihnen ſehr
wohl, alſo daß ſie ſagten: Es wäre ein köſtlicher
Trank, wir ſollten ihn fleißig dem Herrn Oberſten

zum Beſten verwahren, thaten ihnen alſo gütlich,
ſo viel wir konnten, und dankten Gott von Herzen,
daß er uns dieſen Oberſten als einen Engel zuge⸗
ſendet: hätte. Bald nach dieſem ſagten unſere
Wächter: Ja was haben wir nun davon, wir
können keine Beute machen, weil wir euch be⸗
wachen müſſen. Wir ſprachen ſie zufrieden, und
wurden einem jeden verehret zwei Roſennobel, da⸗
mit waren ſie auch gar wohl zufrieden, und ſag⸗
ten: Ob wir nicht etwa noch einen guten Freund
hätten, den ſollten wir laſſen holen, es hätte nun
mit uns keine Noth.

Bald hernach kam unſer Oberſter wieder gerit⸗
ten und fragte, ob wir auch noch guten Frieden
hätten, und als wir mit Ja antworteten, ſprach
er: ſeid gutes Muthes, ich will nur ein wenig hin⸗
reiten und ſehen, ob Ordinanz könne gemacht wer⸗
den, das Feuer etwas zu dämpfen. Er war aber
kaum die Gaſſe hinaus auf den breiten Weg ge⸗
ritten, kam er eilends wieder und ſprach: Frau,
nehmet mein Pferd beim Zaum, und euren Herrn
bei der Hand, und führet mich zur Stadt hinaus,
oder wir müſſen Alle im Feuer verbrennen. Denn
das Feuer nahm gewaltig überhand, daß auch des
Herrn Bürgermeiſters Georgius Schmidts großes
und ſchönes Haus ſchon lichterloh brennete, und
hinter unſerer Kirchen auf dem breiten Wege ſah
man einen großen und ſchwarzen Rauch aufgehen,
alſo daß in unſerm Garten ſchon ein Sack von der
großen Hitze war angeglimmt, welchen wir ins
Waſſer ſteckten und löſchten. —

Darauf warfen wir Alles, was noch vorhanden
war, vollends in den Keller, darunter mein ſchö⸗
ner warmer Schafpelz, der mir hern ach viel Gu⸗
tes hätte thun können, wenn ich ihn hätte mitge⸗
nommen, auch meine liebe tägliche Biblia ꝛc.
Aber mir war's nicht möglich, etwas zu tragen:
Machten den Keller zu, und ſchütteten ein wenig
Erde auf die Thür. Meine Frau nahm einen
meiner Prieſterröcke auf die Achſel, meine Magd
aber meines Gevattern und Nachbarn Joachim
Krögers Kind, welches vor der Thür ſtand, und
ſonſten im Feuer verbrannt wäre, auf den Arm,
und wanderten alſo davon. Meine Frau mußte
des Oberſten Pferd beim Zaum führen, und weil
alle Thore im vollen Feuer ſtanden, wanderten
wir aufs Fiſcherufer zu, da wir denn unterwegs
ſahen, wie ſchon St. Peters und St. Johannis
Pfarre lichterloh brannten, welches ich doch nicht
gemeint hätte; und mußten wir alſo durch viel
tauſend Soldaten hindurch, da unterwegs viel
todte Leichname lagen. Und weil die Crabaten
und andres Geſindel ſahen, daß ich ein Prediger
war, wollten ſie immer auf mich ſchießen, hauen
und ſtechen, alſo daß unſer Oberſter genug zu thun
hatte uns zu vertheidigen. Aber ſeine Diener
umgaben uns, daß wir alſo durchkamen bis zu der
hohen Schanze, da ſie waren mit den Sturmlei⸗
tern angelaufen, da mußten wir hinunter, daß
Einem davor hätte mögen ſchwindeln, aber es half
nichts dafür, wir mußten hinunter. Unterwegs
haben wir zwar etliche Bekannte geſehen, aber nicht
mit ihnen reden können, denn es war nicht Zeit.
Als wir aber durch ihr Lager gingen, mußten wir
viel Läſterung, Hohn und Spott von den Solda⸗

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