Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 5, Nummer 10 › Seite 69
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1849-01-05, Seite 69
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Kirche
Alſo iſt's auch gangen, da wir durch's Evan⸗
gelium anfingen zu lehren, daß äußerlich Ding
nicht ſelig machen könnte, weil es ſchlechte, leib⸗
liche Creaturen wären, und der Teufel oft zur
Zauberei gebrauchete, fielen die Leute, auch große
und gelehrte Leute dahin, daß die Taufe, als ein
äußerlich Waſſer; das Wort, als eine äußerliche
menſchliche Rede; die Schrift, als ein äußerlicher
Buchſtabe von Dinten gemacht; das Brod und
Wein, als vom Bäcker gebacken, ſollten ſchlechts
nichts ſein; denn es wären äußerliche, vergäng⸗
liche Dinge. Alſo geriethen ſie auf das Geſchrei:
Geiſi, Geiſt! der Geiſt muß thun, der Buchſtabe
tödtet. Alſo hieß Münzer uns wittenberger Theo⸗
logen die Schriftgelehrten, und ſich den Geiſt⸗
gelehrten, und ihm nach viel Andre mehr. Darin
ſiehſt du, wie ſich der Teufel alſo gerüſtet und
verbaſtejet hatte: wenn man ſeine äußerliche Lehre
und Sacrament (die doch bald und ſichtbarlich,
gewaltig flugs hülfen) würde angreifen, ſo
müßten die äußerlichen Saceramente und Worte
Chriſti (welche langſam mit der Hilfe, oder ja un⸗
ſichtbarlich kommen) vielmehr mit zu Grunde gehen.
Darum hat nun „Ecolesia“, das heilige
chriſtliche Volk, nicht ſchlecht äußerliche Worte,
Sacramente oder Aemter, wie der Gottes Affe,
Satan, auch und viel mehr hat; ſondern hat ſie
von Gott geboten, geſtift und geordnet, alſo daß
er ſelbſt (Ckein Engel) dadurch mit dem Heiligen
Geiſt wirken. Und ſoll nicht Engel, noch Menſch,
noch Creatur, ſondern Gottes ſelber Wort, Taufe,
Sacrament oder Vergebung, Amt, heißen; ohne
daß er's will thun, uns armen, ſchwachen, blöden
. Menſchen zu Troſt und gut, nicht durch ſeine
bloße, erſcheinende, helle Majeſtät. Denn wer
könnte dieſelbige in ſolchem ſündlichen armen
Fleiſch einen Augenblick leiden? wie Moſes ſagt
2 Moſ. 33, 20.: Non videbit me homo et vivet.
(Kein Menſch wird leben, der mich ſiehet.) So
die Jüden nicht konnten ſeiner Füße Schuh leiden
auf dem Berg Sinai 2 Moſ. 20, 19., das iſt, im
Wetter und Wolken, wie wollten ſie mit ſolchen
blöden Augen die Sonne ſeiner göttlichen Maje⸗
ſtät und klares Angeſicht gelitten haben? Son⸗
dern er will's thun durch leidliche, ſäuberliche, lieb⸗
liche Mittel, die nicht wohl von uns ſelbſt konnten
beſſer erwählet werden, als: daß ein fromm gütig
Menſch mit uns redet, predigt, die Hände auflegt,
Sünde vergibet, täufet, Brod und Wein gibt zu
eſſen und zu trinken. Wer kann ſich für ſolchen
leiblichen Formen entſetzen und nicht vielmehr ſich
von Herzen freuen?
Wohlan, das geſchiehet uns blöden Menſchen
zu gut, darin wir ſehen, wie Gott als mit lieben
Kindern umgehet und nicht will (wie er wohl
Recht hätte) majeſtätiſch mit uns handeln, und
doch darunter ſeine majeſtätiſche, göttliche Werke,
Macht und Gewalt uͤbet, als Sünde vergeben,
Sünde ausfegen, Tod wegnehmen, Gnade und
ewiges Leben ſchenken. Ja, ſolch Srück fehlet in
des Teufels Sacramenten und Kirchen. Da
kann Niemand ſagen: Gott hat's geboten, befoh⸗
len, eingeſetzt, geſtift; er will ſelber da ſein und
Gott hats nicht geboten, ſondern verboten; Men⸗
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ſchen haben's erdichtet oder vielmehr der Gottes
Affe hat's erdichtet und die Leute damit verführet.
Denn er wirket auch nichts, denn was zeitlich iſt,
oder wo es geiſtlich ſoll ſein, iſt's eitel Trügerei.
Denn er kann damit nicht ewiglich Sünde ver⸗
geben und ſelig machen, wie er leuget, durchs Weih⸗
waſſer, Meſſen und Möncherei; ob er gleich eine
Kuh kann wieder laſſen ihre Milch kriegen, die er
ſelbſt zuvor durch ſeine Prophetin und Pfäffin ge⸗
ſtohlen hat, welche man bei den Chriſten heißt
Teufelshuren, und wo man ſie kriegt, mit Feuer
verbrennet, wie recht iſt, nicht um des Milchdieb⸗
ſtahls, ſondern um der Läſterung willen, daß ſie
wider Chriſtum den Teufel mit ſeinen Sacra⸗
menten und Kirchen ſtärket.
Summa, wenn dich Gott hieße einen Stroh⸗
halm aufheben, oder eine Feder reißen, mit ſolchem
Gebot, Befehl und Verheißung, daß du dadurch
ſollteſt aller Sünde Vergebung, ſeine Gnade und
ewiges Leben haben; ſollteſt du das nicht mit
allen Freuden und Dankbarkeit annehmen, lieben,
loben und darum denſelben Strohhalm und Feder
Heiligthum halten und dir laſſen lieber ſein, weder
Himmel und Erden iſt? Denn wie geringe der
Strohhalm oder Feder iſt, dennoch kriegſt du da⸗
durch ſolch Gut, das dir weder Himmel noch Erde,
ja alle Engel nicht geben können. Warum ſind
wir ſo ſchändliche Leute, daß wir der Taufe
Waſſer, Brod und Wein, das iſt Chriſti Leib und
Blut, mündliches Wort, eines Menſchen Hände
Auflegen zur Vergebung, nicht auch ſo hoch Hei⸗
ligthum halten, als wir den Strohhalm oder Feder
halten würden, ſo doch in denſelben, wie wir
hören und wiſſen, Gott will ſelber wirken, und ſoll
ſein Waſſer, Wort, Hand, Brod und Wein ſein,
dadurch er dich wolle heiligen und ſeligen in
Chriſto, der uns ſolches erworben, und den Hei⸗
ligen Geiſt vom Vater zu ſolchem Werk ge⸗
geben hat?
Wiederum, wenn du denn gleich geharniſcht
gingeſt zu St. Jakob, oder ließeſt dich von Cart⸗
häuſern, Barfüßern, Predigern, durch ſo ſtrenge
Leben ermorden, damit du ſelig werden möchieſt,
und Gott hätte ſolches nicht geheißen und geſtif⸗
tet, was hülfe dich's? Er weiß doch nichts drum,
ſondern der Teufel und die habens erdacht, als
ſondere Sacrament oder Prieſterſtände. Und
wenn du gleich Himmel und Erden tragen könn⸗
teſt, damit du ſelig würdeſt, noch iſt's alles ver⸗
loren, und der, ſo den Strohhalm (wo es geboten
wäre) aufhübe, der thäte mehr denn du, und wenn
du zehen Welt tragen könnteſt. Warum das?
Gott will, man ſolle ſeinem Wort gehorchen, man
ſolle ſeine Sacrament brauchen, man ſolle ſeine
Kirche ehren, ſo will er's gnädig und ſanft gnug
machen, und gnädiger, auch ſänfter, weder wir's
könnten begehren. Denn es heißt 2 Moſ. 2, 3.:
„Ich bin dein Gott, du ſollſt keine andere Götter
haben“, heißt auch: „Dieſen ſollt ihr höꝛen“,
Matth. 17, 5., und keinen andern. Das ſei gnug
geredet von der Kirchen. Mehr kann man nicht
von ihr reden, ohne daß man ein jeglich Stück
kann weiter ausſtreichen. Das ander alles muß
ſelber alles tehun. Sondern ſo muß man ſagen: eine andere Meinung haben. Davon wollen wir
auch ſagen.
Ueber ſolche äußerliche Zeichen und Heiligthum
hat die Kirche andre mehr äußerliche Weiſen, da⸗
von und dadurch ſie nicht geheiliget wird, weder
an Leibe noch an Seele, auch von Gott nicht ein⸗
geſetzt noch geboten; ſondern, wie droben auch viel
davon geſagt iſt, daß es von auswendig noth oder
nütz iſt, wohl und fein anſtehet, als: daß man zur
Predigt oder Gebet etliche Feiertage hält, etliche
Stunden, als Vormittage oder Nachmittage, daß
man Kirchenbau, oder Haus, Altar, Predigtſtuhl,
Taufſtein, Leuchter, Kerzen, Glocken, Prieſterkleider
und dergleichen braucht. Welche Stücke nichts
wirken noch anders thun, denn ihre Natur iſt;
gleichwie Eſſen und Trinken nichts mehr thun,
um der Kinder Benedicite oder Gratias willen.
Denn die gottloſen und rohen Leute, ſo kein Bene-
dicite oder Gratias beten, das iſt, Gott weder
bitten noch danken, werden eben ſo fett und ſtark
vom Eſſen und Trinken, als die Chriſten. Die
Chriſten können wohl ohne ſolche Stücke geheiliget
werden und bleiben, wenn man ſchon auf dem
Pflaſter, ohne Haus, ohne Predigtſtuhl predigt,
Sünde vergibt, ohne Altar Sacrament reicht, ohne
Taufſtein täufet; wie es täglich geſchiehet, daß
man daheim predigt, täuft, Sacrament reicht,
aus ſondern Urſachen. Aber um der Kinder und
des einfältigen Volks willen iſt's fein. und gibt
eine feine Ordnung, daß ſie eine gewiſſe Zeit,
Stätte und Stunden haben, darnach ſie ſich rich⸗
ten und zuſammen finden können, wie St. Pau⸗
lus ſagt 1 Cor. 14, 40.: „Laßt alles fein ordent⸗
lich zugehen.“ Und ſolche Ordnung ſoll nie⸗
mand (wie auch kein Chriſt thut) ohne Urſach,
aus lauter Stolz, allein eine Unordnung darwider
auszurichten, verachten, ſondern dem Haufen ſolche
Oidnung zu gut mit halten, oder ja nicht irren
noch hindern. Denn das wäre wider die Liebe
und Freundlichkeit gethan.
Gleichwohl ſollen ſie frei bleiben, als: wenn
wir nicht können, aus Noth, oder andern nützlichen
Urſachen, predigen um 6 oder 7, um 12 oder 1,
auf den Sonntag oder Montag, im Chor oder
zu St. Peter; ſo predige man auf andere Stun⸗
den, Tage und Stätte, allein daß man den Hau⸗
fen nicht irre mache, ſondern mitnehme in ſolcher
Aendrung. Denn ſolche Stücke ſind ganz und
gar äußerlich, auch der Vernunft zu regieren (wie
es die Zeit, Stätte und Perſon fordern), mächtig⸗
lich und gänzlich unterworfen; Gott, Chriſtus
und der Heilige Geiſt fragen nichts darnach, eben
ſo wenig als was und wo wir eſſen, trinken, klei⸗
den, wohnen, freien, gehen oder ſtehen wollen, ohne
daß (wie geſagt) ohn Urſach Niemand ein eignes
vornehmen, und den Haufen irre machen oder
hindern ſoll. Gleichwie zu Hochzeit oder andern
Geſellſchaften, ſoll Niemand der Braut oder dem
Haufen zu Verdruß ein ſonderliches oder hinder⸗
liches vornehmen, ſondern mit dein Haufen ſich
gleich halten, ſitzen, gehen, ſtehen, tragen, eſſen
und trinken. Denn man kann nicht einem jeg⸗
lichen einen ſondern Tiſch, Küchen. Keller, Diener
beſtellen. Fehlet ihm etwas, ſo ſtehe er auf vom
Tiſche und laſſe die Andern mit Frieden ſitzen und
bleiben. Alſo hier auch, ſoll's alles friedlich und
ordentlich zugehen und doch frei ſein, wo es Zeit,
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