Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 8, Nummer 6 › Seite 48
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1851-11-11, Seite 48
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hger, als in der Kirche und bei'm Gebete, das
der Geiſtliche ſpricht. Der Büßer meint es
unſtlich mit ſeinem Beutel, und der Kranke und
ſeine Verwandte geben ihr Geld natürlich nur in
der ernſtlichen Hoffnung hinaus, daß des Büß⸗
uns Kunſt und Wort die erſehnte Hilfe bringen
verdt. Daß Gottes Wort bei dem Büßen iſt,
nacht die Sache nur ſchlimmer.
Eebrauche keine Zauberei, ſprich nicht: Gottes Wort iſt
2* dabei.
hiil'ger Wort“ je größer Sünd, Weil Gott daran
Gräuel find!
Erbarm dich Herr!
Den Vers kennſt Du doch wohl aus dem al⸗
tn Geſangbuche! Wir haben ihn ja in der
Schule gelernt, und ſingt man ihn gleich nicht
vehr in der Kirche, ſo ſingen wir ihn deſto fleiß⸗
tzer zu Hauſe. Nicht wahr?
Mich. (wird roth und ſucht ſeine Verlegenheit
iu verbergen, doch nimmt er ſich zuſammen und
entgegnet:) Mir fällt da ein Spruch ein; zwar
veiß ich nicht, wo er ſteht, doch weiß ich die
Vorte: „Es wird geheiligt durch das Wort
Gottes und Gebet.“ Ich meine, das ließe ſich
auch auf das Büßen bezieh'n.
Ch. Du haſt doch Deine Schriftweisheit nicht
aus der Wüſte und von der Zinne des Tempels
gebolt? Der dort — es war keiner im weißen
glänzenden Gewande — hat das Ding auch
verſianden! Ei, ei, Michel! — den Teufel
willt du weis waſchen mit Gottes Wort, und
eer Sünde einen heiligen Schein umthun?
Das zweite Gebot — nimm Dich in Acht —
tö ſchägt Dich auf den Mund!
Mich. Das zweite Gebot? ö
Eb. Ja, das zweite Gebot; denn es gebie⸗
et uns, daß wir den Namen Gottes nicht ſollen
vergeblich führen, und betheuert, der Herr werde
den nicht unſchuldig halten, der ſeinen Namen
vergeblich führt.
Mich. Iſt's denn aber auch ſchon entſchie⸗
den, daß das Büßen ein Mißbrauch des gött⸗
lichen Namens ſei?
Ch. Für Einen, der ſein zweites Gebot wirk⸗
lch gelernt hat und verſteht, für den iſt's ent⸗
ſhitden. Frag' Deinen Buben, er wird Dir
ſgen aus der Erklärung des zweiten Gebotes,
raß ſchon der alte Luther das Zaubern unter
rie Sünden gegen das zweite Gebot gerechnet
hat; und das Büßen iſt auch eine Zauberei.
Mich. Wie ſo?
Ch. Weil der Büßer vorgibt, er beſitze über⸗
menſchliche Kräfte und vermöge übermenſchliche
Dinge. Dabei konnnt es ihm nicht darauf an,
ob dieſe Kräfte aus der Hölle oder aus dem
Himmel ſind, ob dieſe Dinge zum Nutzen oder
jum Schaden des Nächſten gereichen. Ja, noch
uehr: Das Büßen läuft geradezu auf eine Ver⸗
höhnung Gottes hinaus, denn man thut oder
pricht dabei ſo viel Sinnloſes, Seltſames und
Aentheuerliches in Verbindung mit dem gött⸗
ſchen Namen, daß man auf den Gedanken kom⸗
nen muß, es ſei gerade auf eine Verhöhnung
der Majeſtät Gottes abgeſehen.
Mich. Ich dachte immer, nur das Teufel⸗
aurufen und dem Teufel ſich verſchwöͤren, und ö
—45—
mit ſeiner Hilfe Böſes übernatürlicher Weiſe zu
verrichten, wäre Sünde?
Kräfte durch des Teufels Hilfe ſich dienſibar zu
machen, um übermenſchliche Dinge zu verrichten;
aber es iſt ſchon eine große Sünde, des dreiei⸗
nigen Gottes Wort zu allerlei verbotenen Din⸗
gen mißbrauchen.
Mich. Ja, wenn man, um Böſes zu bewir⸗
ken, Wort und Name Gottes mißbraucht, das
laſſe ich mir wohl gefallen, daß es Sünde ſei; aber
wenn man Gutes damit verrichten will, als z.
B. Krankheiten heilen, kann denn da der Ge⸗
brauch des göttlichen Namens und Wortes Sün⸗
de ſein?
Chr. Ja, auch dann iſt's Sünde; denn ein⸗
mal iſt es noch nicht zugegeben, daß eine derar⸗
tige Krankenheilung wirklich etwas Gutes ſei,
und dann muß Gottes Name und Wort nur
nach Gottes Willen gebraucht werden. Jeder
Gebrauch, der über dieſen Willen hinausgeht,
iſt Sünde. Gott hat dem Menſchen ein gewiſ⸗
ſes Bereich von Kräften zugewieſen, darin ſoll
er bleiben und ſie nach Gottes Willen benützen.
Strebt er nach Höherem, will er Übermenſchli⸗
ches ſich aneignen, ſo fällt er in die Sünde Sa⸗
tans, der auch Gott ſein wollte. Beides iſt
wahr: wer wider Gottes Willen thut, der iſt
vom Teufel, und umgekehrt: wer vom Teufel
iſt (teufliſche Geſinnung hat), thut Sünde.
Mich. Sage, ſuͤndigen auch die, welche bü⸗
ßen laſſen?
Chr. Allerdings ſündigen auch die, welche
zu den Zauberern und Büßern ihre Zuflucht
nehmen; denn das werden nur ſolche thun, die
zu ihnen und ihrem Wort und Werk mehr Glau⸗
ben und Vertrauen haben, als zu Gott und den
Verheißungen ſeines heiligen Wortes.
Mich. Man ſollte freilich ſo meinen. Ich
kann mir aber doch den Fall denken, daß ſie ihr
Vertrauen zur Hilfe nicht auf den Zauberer,
ſondern auf den dreieinigen Gott ſetzen, deſſen
Namen und Wort der Zauberer ſpricht.
Chr. Wenn die Leute das glaubten, wozu
brauchten ſie dann den Zauberer? könnten ſie
nicht den dreieinigen Gott für ſich ſelbſt oder für
die Ihrigen anrufen?
Mich. Das könnten ſie freilich; aber ſie mei⸗
nen eben, des Zauberers Worte helfen mehr.
Chr. Ich ließe mir dieſe Meinung gefallen,
wenn der Zauberer einen beſonderen Auftrag
für ſein Thun von Gott hätte. Aber den hat
er nicht; denn erſtlich läßt Gott einen jeden
Menſchen in ſeinem heiligen Worte auffordern:
„Rufe mich an in der Noth, ſo will ich dich er⸗
reiten.“ Zum andern: hätte Gott beſonderen
Menſchen den Auftrag gegeben, für Andere zu
beten und ſeinen heil. Namen und Wort über ſie
zu ſprechen, ſollte er nicht vor Allen die Diener
ſeines heiligen Wortes dazu erwählt haben?
Weißt Du nicht, wie die hl. Schrift ſagt, Jac.
5, 14 — 16: „Iſt Jemand krank, der rufe zu
ſich die Alteſten von der Gemeine, und laſſe über
ſich beten und ſalben mit Oel (Arzenei anwen⸗
den) in dem Namen des Herrn, und das Gebet
des Glaubens wird dem Kranken helfen, und
Chr. Freilich iſt's noch viel ſträflicher, hoͤlliſche
der Herr wird ihn aufrichten, und ſo er Suͤnde
gethan, werden ſie ihm vergeben ſein.“ ö
Mich. Ja, aber gerade Jacobus iſt es, der
auch Anderer, als der Diener Gottes, Gebet
wirkſam und kräftig ſein läßt, wenn er ſagt:
„Bekenne einer dem andern ſeine Sünde und
betet für einander, daß ihr geſund werdet.“
Chr. Ganz recht; aber bedenke nur, daß
dieß kein Beſprechen iſt, wie bei dem Zauberer,
ſondern ein brüderliches Eröffnen von Gewiſ⸗
ſensbeſchwerden, wobei Einer des Andern Laſt
ſich aneignet und vor den Gnadenſtuhl Gottes
bringt. Soll ein ſolches Gebet wirkſam ſein,
ſo muß es aus dem wahren Glauben kommen,
der allein vor Gott gerecht macht; denn es heißt:
„Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es
ernſtlich iſt.“ Geſchieht das, ſo wird dem drei⸗
einigen Gott die Ehre gegeben, dem ſie allein
gebühret, ſo wird dabei anerkannt und bekannt,
daß die Kraft des lebendigen Gottes, nicht die
Kunſt und Kraft des Zauberers, geholfen habe.
Mich. Ich dächte, auch ohne dies ausdrück⸗
liche Bekenntniß des Glaubens deutete der wirk⸗
liche Eintritt der Hilfe auf das Vorhandenſein
des Glaubens, dem Hilfe verheißen iſt.
Chr. Du irrſt! Es iſt nicht alles gut, was
hilft. Wenn einer ſtiehlt, damit er nicht ver⸗
hungert, ſo hilft das auch, nicht wahr? aber
kannſt Du deshalb das Stehlen gut heißen oder
loben? findeſt du darin eine That des Glau⸗
bens?
Mich. Bewahre!
Chr. Du ſiehſt alſo, es iſt die eingetretene
Hilfe noch kein Beweis, daß die Sache recht und
göttlich ſei; ja es ſieht wie Gottesläſterung
aus, wenn man dieß bei einer Sache behaupten
wollte, mit der eine Entheiligung des göttlichen
Namens und eine Verhöhnung ſeiner Majeſtät
verbunden iſt. Erfolgt die Hilfe, ſo kann der
Helfende wahrlich nicht Golt *) ſein; auch der
Unſinn nicht, den man dabei geſprochen oder ge⸗
trieben hat; auch nicht eine bloße Naturkraft,
die durch unſinnige Büßerworie geweckt wäre.
Da kommt die Hilfe aus dem Reiche der Finſter⸗
niß, die ihre Hilfe nicht umſonſt bietet, die viel⸗
mehr für das kleine Uebel, von dem ſie uns be⸗
freit hat, das weit ſchrecklichere uns an den Hals
wirft, daß wir Gottes Gnade verlieren und dem
Dienſte der Finſterniß verfallen. Nein, man
darf nicht Alles brauchen, was hilft; und der
Umſtand, daß den Leuten zu Zeiten Hilfe zu
Theil wird, die ſich an Büßer und Zauberer
wenden, entſchuldigt ſie ſo wenig, als die andere
Ausrede, daß ja Niemanden Schaden damit ge⸗
ſchehe, wenn ſie ſich an einen klugen Mann wen⸗
deten. Es trägt gar Manches Andere keinen
Schaden ein und gereicht doch dem, der es thut,
zum allergrößten Schaden.
*) Es ſoll darin natürlich nicht geſagt ſein, daß nicht
Gott, nach ſeiner allmächtigen Wirkung, auch dieſe Hei⸗
lung wirkte; aber ſie geſchient nicht nach ſeinem guten, gnä⸗
digen Willen, ſondern nach ſeinem heiligen und Yerechten
Strafwillen, daß die Verächter ſeines Wortes glauben der
Lüge. Aehnlich wirket Er auch das Weichen der Poltergei⸗
ſter auf die Beſchwörung der papiſtiſchen Prieſter, dadurch
die Leute um ſo feſter in dem papiſtiſchen Aberglauben wer⸗
ren.
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