Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 8, Nummer 6 › Seite 53
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1851-11-11, Seite 53
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deßhalb wird es, von dieſer Seite beſehen, eben
nicht ſchaden, aus ihrem eigenen Schooß ihre
eigenen Kinder reden zu laſſen von ihrem, auch
vor dem Anbruche der geſegneten Reformation,
ſo tief verderbten Zuſtande.
Die andere Urſache aber, ſolche Zeugniſſe bei⸗
Zubringen, iſt dieſe, um uns faule, undankbare
Lutheraner, die wir durch Gottes Gnade den
Glauben, das Bekenntniß und die Lehre der
einen heil. chriſtlichen Kirche aus Gottes Wort
rein und lauter bekennen und lehren, ein wenig
aufzurühren, daß wir fleißiger und dankbarer
gegen Gott und ein wenig eifriger und lebendi⸗
ger auch zur Ausbreitung dieſes guten Bekennt⸗
niſſes werden. Denn es iſt ſehr zu beſorgen,
daß wir darin hin und her etwas roſtig und
mottenfreſſig geworden ſind und iſt ſehr fraglich,
ob z. B. die lutheriſchen Synoden hier zu Lande
und die lutheriſchen Kirchen drüben ſo viel Eifer
haben zur Verbreitung der lautern evangeliſchen
Wahrheit, auf rechte gottgefällige Weiſe, als die
Jeſuiten drüben und hier zur Ausbreitung der
papiſtiſchen Irrthümer auf allerlei Weiſe, da
ja, nach ihrem Grundſatze, der Zweck die Mit⸗
tel heiligt.
„Ooer ſollir es uns nicht vornämlich obliegen/f
das Eine zu thun und das Andere doch nicht
zu laſſen, d. i. nicht blos unſere Kirchkinder.
treulich und rechtſchaffen auf den grünen Auen
und mit dem friſchen Waſſer des reinen und lau⸗
teren Gottes Wortes zu weiden und zu tränken
in Lehre, Strafe, Troſt und Vermahnung und
gegen die liſtigen Anläufe der Papiſten und
Schwärmer zu vertheidigen, ſondern zugleich
auch rechten Ernſt und Eifer zu beweiſen, theils
um unſere hier in den Wäldern und Prairien
noch hin und her zerſtreuten Glaubensgenoſſen
geiſtlich zu verſorgen, theils um auch Kirchloſe,
ob Gott will, für die reine Lehre unſrer Kirche
zu gewinnen, aus der dann auch der geſunde
Glaube an den HErrn Chriſtum folgt?
Sollte es denn wirklich ſo unmöglich ſein,
nicht allein unſrer Lehre, die durchaus auf Got⸗
tes Wort ruht, nach wie vor göttlich gewiß zu
ſein und dieſelbe allezeit wider Papiſten und
Schwärmer muthig und kräftig zu vertheidigen,
ſondern ſie eben auch rührig und beweglich aus⸗
zubreiten und in aufrichtiger Weiſe — nicht nach
den Praktiken der Rotten⸗ und Schwarmgeiſter —
auch in dieſer Arbeit der Liebe uns lebendig und
thatkräftig zu beweiſen?
ollten wir nicht viel mehr eifern, die erſtor⸗
benen und geiſtlich verwilderten Namenluthera⸗
nerioder kirchloſe Leute zu lutheriſchen d. l. recht⸗
gläubigen und rechtgläubigen Chriſten zu
machen, als z. B. die Jeſuiten und Methodiſten
eifern, um auf allerlei Weiſe allerlei Volk zu
Methodiſten und Papiſten umzuformen? Da
nan aber zu nicht geringem Theil Urſach ſolcher
Trägheit die Undankbarkeit gegen Gott iſt, der
durch und in unſern Vätern auch uns das helle
Licht der evangeliſchen Wahrheit, durch Luther
und der Seinen Dienſte wiederum geſchenkt und
uns dadurch aus der Finſterniß des Papſtthums
befreiet hat, ſo wird es auch uns hoffentlich nicht
ſchaden, vielmehr zu neuer Dankbarkeit gegen
rihre Herſtellung.“
*
den HErrn, unſern Gött, ermuntern, wenn wir
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uns aus den Zeugniſſen eifriger Papiſten das
Bild der verderbten Kirche vor dem Anbruch der
Reformation von Neuem vor die Seele ſtellen.
Schauen wir alſo in das funfzehnte Jahrhun⸗
dert zurück, ſo treten uns zuerſt drei Kirchen⸗
verſammlungen entgegen, die zu Piſa vom Jahre
1409, die zu Coſtnitz vom Jahre 1414, die zu
Baſel vom Jahre 1431, die ſämmtlich das herr⸗
ſchende Verderben bekennen und das Verlangen
nach der Reformation der Kirche „an Haupt und
Gliedern“ vielfach bezeugen, obwohl allen ver⸗
borgen blieb, daß ſolch' großes und ſchweres
Ding nicht durch Beſchlüſſe von Concilien zu
erreichen ſei, ſondern Gott es der allmächtigen wie⸗
dergebärenden Kraft ſeines Wortes vorbehalten
habe.
Der Cardinal Peter de Alliaco ſchreibt in ſei—
nem Buche von der Reformation der Kirche,
welches er im Jahre 1416 dem Concil zu Coſt⸗
nitz überreichet, deutlich genug: „die Reforma⸗
tion des ganzen Leibes der Kirche und der Par—
tikular (Einzel- Kirche zu Rom trifft die wich—
tigen Stücke an, ſo den Glauben belangen.
Denn ihre allgemeine Mißgeſtalt berühret mehr
als mittelmäßig den Glauben und folglich auch
Und er füget hinzu; „es
würde gar zu gefährlich ſein, unſern Glauben
dem Gutdünken eines Menſchen (des Papſtes
nämlich) anzuvertrauen. *
Und wie dieſe Concilien, ſo bezeugen auch
einzelne in der römiſchen Kirche zum Theil be—
rühmte Schriftſteller theils aus dem funfzehn⸗
ten, theils aus den folgenden Jahrhunderten
das Verderben der Kirche und das Bedürfniß
ihrer Heilung.
So ſchreibt 3. B. der Jeſuit und Cardinal
Bellarmin, ein entſchiedener Feind der lutheri⸗
ſchen Lehre: „Einige Jahre vorher, ehe Lutheri
und Caloini Ketzerei entſtunden, war in den
Kirchengerichten faſt keine Ernſthaftigkeit, keine
Zücht in den Sitten, keine Gelehrſamkeit in der
Schrift, keine Ehrfurcht im Gottesdienſte, ja es
war faſt keine Religion, mehr da.
Die Päbſte jener und der früheren Zeit gehör⸗
ten auch mit zu den größten Gräueln und
Scheuſalen der Menſchheit. Sixtus der Vierte,
der auf einer Inſchrift ſich Gott nennen ließ,
füllte durch Anlegung und Beſchützung öffentli⸗
cher Hurenhäuſer zu Rom ſeine Kaſſen; Inno⸗
cenz der Achte, pon einem ſeiner poetiſchen
Schmarotzer der Vater des Vaterlandes genannt,
zeugte mit ſeinen Huren 15 Kinder; Alexander
der Sechste war ein Blutſchänder und Giftmi⸗
ſcher und ſeine ganze Regierung eine Keite him⸗
melſchreiender Unthaten und grober Laſter. Ju⸗
lius der Zweite war ein dem Trunk ergebener,
ehrgeiziger, ungerechte Kriege anſtiftender und
führender, lügenhaftiger, ja meineidiger Mann;
Leo der Zehnte endlich ein üppiger, prachtlie⸗
bender, durch die Schriften der Heiden gebilde⸗
ter, glatter, feiner, aber dabei ſo ungläubig er
Weltmann, daß er Angeſichts der großen Schätze,
die durch den ſchändlichen Ablaßkram nach Rom
fleſſen, zu ſeinen Freunden ſagte: „Sehet, wel⸗
ſche Reichthümer hat uns nicht das Mährlein
len—ſehr bezeichnend, benelicia, Wohlthaten ge⸗
nannt — wurden von den Päpſten meiſt an un⸗
Cromerus alſo:
Güter der Armen und das Erbtheil Chriſtt.
ſchändlich:
von Ehriſto zuwege gebracht.“
Die Bisthümer und größeren geiſtlichen Stel⸗
wiſſende und verächtliche Leute um Geld ver⸗
kauft oder nach Gunſt verſchenkt; und Papſt Ha⸗
drian der Sechste ſelber bezeugte es in ſeinem
Schreiben, das er durch ſeinen Legaten Frann
Cheregatus an die deutſchen Stände abſchickte,
ohne Hehl, „daß die Kirchendienſte in Deutſch⸗
land ſchon lange untüchtigen Leuten und öfter
Comödianten und Stallknechten als gelehrten
Männern gegeben worden.“
Dieſe Biſchöfe nun, die alſo durch Erkaxnfung
oder Gunſt in ihre Stellen gekommen waren,
hatten natürlich weder Luſt noch Geſchick, ihres
Amtes zu warten und ſonderlich zu predigen und
das Volk zu lehren. Statt deſſen war es ihr
herrſchender Brauch, in allen Stücken ſich. wit
die weltlichen Fürſten zu halten; Sie ergriffen
die Waffen, zogen zu Feke, ritten auf die Jagt,
lebten in Saus und Braus, Wolluſt und Üppig⸗
keit, Freſſen und Saufen, Huren und Buben.
Davon zeuget der papiſtiſche Biſchof Martinus
„Keiner thut ſein Amt und dit
Meiſten verſtehen es nicht einmal. Wir alle
verabſäumen den Gottesdienſt und die Seligkrit⸗
der uns anvertrauten Leute uud mißbrauchen die
wir werfen unſere Amtsverrichtun⸗
gen auf die Vicare und wollte Gott, daß wir
nur in Beſtellung derſelben auf Gottesfurcht und
Gelehrſamkeitſähen und dieſe nicht wieder andre
Vicare mietheten. Aber was noch ſchlimmer iſt,
ſo iſt die Sache dahin gediehen, daß wir uns.
ſcheuen, für Prieſter angeſehn und gehalten zu
werden. Wir ergeben uns allen Arten der La⸗
ſter und Bubenſtücke ohne Schaam und rühmen
uns unſrer Sünden.“
Daher bezeuget denn der Cardinal Petrus de
Alliaco gegen das Concil von Coſtnitz, es werde.
jetzt hin und her das ſchreckliche Wort als ge⸗
meine Rede gehöret: „Die Kirche ſei in den
Stand gerathen, daß ſie durch keine andere, als.
von Gott verworfene rur regieret zu werden
verdiene.“
Dieſe gemietheten Bicare der Biſchöfe nun
waren eben ſo unwiſſend und ungeſchickt als dieſt
ſelber zur Führung des heil. Predigtamts, alſo
daß die meiſten nicht die heil. zehn Gebot e, den
Glauben und das heil. Vater unſer konnten,
ſondern nur wie Papageien die lateiniſchen Kir⸗
chengebete herplapperten und nur mechaniſch
wie Handlanger und Tagelöhner den Kirchen⸗
dienſt verrichteten.
Von ihren Predigten aber ſchreibt J. Boſſuet,
Biſchof von Meaur, ein entſchiedener Feind dn
lutheriſchen Lehre, alſo: „Die Meiſten predig⸗
ten (zur Zeit Luther's) von nichts als vom Ab⸗
laß, von Wallfahrten, von Allmoſen, die man
den Ordensleuten geben müſſe, und ſetzten alſo
dieſe Werke zum Grunde der Gottſeligkeit, dit
doch bloße Nebendinge ſind. Sie redoden nicht
ſattſam von der Gnade Jeſu Chriſti, wie es bil⸗
lig hätte ſein ſollen.“ Und jener ſelbige Camii
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