Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 6, Nummer 24 › Seite 172
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1850-07-20, Seite 172
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Heiden 1 · Miſſion 32 · Opfer 5
lieber evangeliſch-lutheriſche Gemeinden gegrün⸗
det hätten, ſie rufen: Behalte deine eigene
Miſſion! Obder ſollten die Biſchöflichen, die
Methodiſten, die Presbyterianer und überhaupt
die ſo thätigen reformirten Kirchen das für dich
thun, was du thun ſollteſt? Wie die Wiedertäu⸗
fer nicht für die reformirte Kirche das Miſſions⸗
werk thun können, ſo kann keine andere Kirche
für die evangeliſch⸗lutheriſche Kirche miſſioniren:
meinen Glauben kann kein anders Glaubender
verkündigen; die engliſch-reformirte Kirche wird
niemals evangeliſch-lutheriſche Gemeinden unter
den Heiden gründen.
Nicht zum Neideifer gegen andere Miſſionen
werdet ihr, theure Glaubensgenoſſen, euch erhe⸗
ben, ſondern zum Eifer für die Mitarbeit auf
dem großen Arbeitsfelde. Unter den, in don
Wäldern Amerika's verſunkenen Auswanderern,
unter den Wilden, die dort hauſen, in Oſtindien,
in Neuholland und anderen Orten, hat die evan⸗
geliſch⸗lutheriſche Miſſion begonnen und ihr
Wanderzelt aufgeſchlagen. Wird Gott dazu fer⸗
ner Gnade geben und werdet ihr eure Herzen zu
dieſem Glaubenswerke auch lenken, ſo wird von
neuen Gemeinden, als von ſproſſenden Zweigen,
ein Segen wieder auf den alten Stamm, auf die
Kirche, zurückfließen. Das kirchliche Bewußt⸗
ſein wird geſtärkt, ein neues tiefes Aufmerken
der verweltlichten Glieder auf das „Wort“
wird die Frucht ſein; die Gemeinde wird erfah⸗
ren, daß ihre Arbeit nicht vergeblich iſt in dem
HErrn.
Der Kirche Ziel iſt, daß die im Glauben
„freie Gemeinde“ bethätigt werde, ſobald
einzelne Gemeinden zur Thätigkeit gläubig ſich
erheben. Wie die Kirche Gottes der von Gott
geſtiftete allgemeine Verein zu allem Guten unter
Chriſto, ihrem unſichtbaren Haupte, iſt, ſo ſoll
jede einzelne Gemeinde auch ein „freier Verein“
zu allem Gott Wohlgefälligen unter ihren irdi⸗
ſchen Führern ſein. Sind dieſe keine Wölfe
oder Miethlinge, ſtehen dieſe in lebendigem Glau⸗
ben der Kirche Gottes, und haben ſie wackere
Augen, die kranken Glieder zu erkennen, dann
werden ſie auch andere Gemeindeglieder, welche
die Gabe haben, Leiblich- und Geiſtlich-Kranke
zu pflegen, dazu auffordern; dieſe werden auf
ihren Wink freudig an das Werk gehen. Die
Gemeinde aber mit ihrem Hirten wird Bei⸗
ſtand mit Rath und That, mit Gebet und Gabe,
zu thun nicht aufhören. Durch die Barmherzig⸗
keit Gottes, welche ſie erfährt, wird ſie ſich zu
barmherzigen Brüdern und Schweſtern heran zie⸗
hen laſſen und mit Geduld in guten Werken
trachten nach dem ewigen Leben. Der Tropfen
Zeit und Kraft wird in Eins gefaßt; die Ge⸗
meinde wird mit ihrem Hirten ein opferndes prie⸗
ſterliches Volk. So kann dann auch die evange⸗
liſch-lutheriſche Kirche, die Gemeinde, und nicht
mehr nur ein Einzelner, oder Einzelne, zu denen,
die draußen ſind, ſagen:
„Komm' und ſiehe!“
Aber Menſchenkind, was ſiehſt du? Wohin
deine Augen ſich wenden, ſiehſt du, wenn
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mit natürlichen Augen du dreinblickeſt, nur
Schmach über der evangeliſch⸗lutheriſchen Kirche.
Und dennoch muß man ihr zurufen im Na⸗
men des HErrn: „Behalte, was du haſt!“, theure
Kirche,
III. behalte auch deine Schmach.
Schmach trägt eben ſchon ihr Name, darum
daß ſie nicht evangeliſch in's Zweideutige, Un⸗
gewiſſe, ſon dern, die reine Lehre andeutend, evan⸗
geliſch-lutheriſch heißt; die kleinen Propheten
unſerer Zeit können es nicht ertragen, daß der
Name und das treue Lehrbekenntniß des gro⸗
ßen Wittenberger Propheten der letzten Zeiten
ihrem verflüchtigenden und Gottes Wort fäl⸗
ſchenden Weſen einen Damm. noch in den
Weg ſetzt.
Schmach trägt ihr Katechismus. In wie
manchem Schul- und Confirmations⸗Unterrichte
werden die unübertrefflichen Erklärungen Luthers
von den zehn Geboten, vom apoſtoliſchen Glau⸗
ben, vom Vater⸗Unſer, von Taufe und Abend⸗
mahl, nicht mehr zum Erlernen aufgegeben, wäh⸗
rend das Unbibliſcheſte und Elendeſte an deren
Stelle geſchoben wird.
Schmach trägt ihr Bekenntniß. Weg
mit der Augsburgiſchen Confeſſion! weg mit
Wohl, wenn nur
eure Lügenbekenntniſſe weg wären; aber warum
ſoll das der Kirche weg? Etwa darum, daß ihr
ſagt: „Wir wollen nichts als das Evange⸗
lium“? Aber kann es ein wahres Evangelium
geben ohne den dreieinigen Gott, Vater, Sohn
und Geiſt, ohne die Lehre vom natürlichen Ver⸗
derben, ohne Chriſtum, den Sohn Gottes, ohne
die Rechtfertigung aus Gnade durch den Glau⸗
ben an IEſum Chriſtum, ohne ein wirkliches
Theilhaftigwerden des wirklichen, wahren Leibes
und Blutes Chriſti, als des zweiten Adams? Das
und nichts anderes iſt eben das Augsburgiſche
Bekenntniß.
Und weil ihr dieſes bibliſche Evangelium
nicht wollet, darum iſt das Bekenntniß der evan⸗
geliſch-lutheriſchen Kirche bei euch in der Schmach!
Iſt nicht der treue bibelgemäße Glaube an vie⸗
len Orten eine eben ſo ſeltene als ſchmachvolle
Erſcheinung geworden? Selbſt manche der heili⸗
gen Schrift ſich wieder zuneigenden „evangeli⸗
ſchen“ Pfarrer ſind zu gleichgültig, um jenen hei⸗
ligen Bekenntnißernſt zu billigen, und auch bei
allem Reden von Liebe, dennoch zu intolerant, um
ihn zu dulden.
Die evangeliſch-lutheriſche Kirche dringet auf
eine fortſchreitende Erfahrung und Erlebung der
Hauptſtücke, das heißt der Hauptſachen, des klei⸗
nen Katechismus.
Ihr Fortſchritt verlangt, daß wir an
den Zehn Geboten immer tiefer zur Er—
kenntniß des heiligen Willens Gottes und un⸗
ſerer Sünde kommen; daß wir im apoſtoliſchen
Glauben immer reicher werden an Friede,
Freude, Gerechtigkeit; daß wir an dem Ge⸗
bet des HErrn, dem Vater Unſer, mit tief
verſöhntem und befriedigtem Herzen beten lernen.
Ihr Fortſchritt erheiſchet, daß wir die
Taufgnade immer mehr als das höchſte Gut
achten lernen, das geht über aller Welt Luſt und
Reichthum; daß wir im Aben dmahl, wäh⸗
rend unſerm Pilgern durch die Fremde, fort⸗
ſchreitend die ſelige Gewißheit haben, daß wir
Fleiſch von Seinem Fleiſche, Gebein von Sei⸗
nem Gebeine ſind; daß Er in uns bleibe und
wir in Ihm, und viele Frucht bringen in dieſer
Lebensgemeinſchaft. Dieſer evangeliſch-luthe⸗
riſche Fortſchritt, dieſer Fortſchritt auf dem
Kleinkinderwege, den der HErr ſeinen Jüngern
ſo ſehr anpries; dieſer wahrhaft bibliſche und
göttliche Fortſchritt iſt in der Schmach, wer
will es leugnen? Er bleibe es: „denn vor⸗
wärts, nicht rückwärts“, iſt der Kirche Gottes
Loſung. ö
Ja, in der Schmach iſt eben auch die evange
liſch⸗lutheriſche Liebe. Darf ſie doch kein ande⸗
res Ziel kennen, als Gott über Alles, — alſo
auch ſein Wort über Alles zu lieben, das heißt,
vorzuziehen, und den Nebenmenſchen zu lieben,
wie ſich ſelbſt. Was ſie hat und genießt, wird
ſie, von der Liebe Chriſti gedrungen, auch andern
anpreiſen und zukommen laſſen.
Auch die aus ihrem innerſten Weſen hervor⸗
gehende Erſcheinung iſt in der Schmach;
veraltet ſei das Sündenbekenntniß bei Eröffnung
des Gottesdienſtes; veraltet das Abſolution⸗
Sprechen über den bußfertigen Zöllner im Tem⸗
pel; veraltet die Taufe als Sacrament der Wie⸗
dergeburt aus Waſſer und Geiſt (Joh. 3, 5.);
veraltet die Beichte, und zwar nicht nur die See⸗
len pflegende Privateröffnung und Berathung,
ſondern ſelbſt die allgemeine Beichte, dieſer letzte
Zaun um den Berg Gottes, dieſe letzte mütter⸗
liche Vorſorge der Kirche, ihre Glieder vor un⸗
würdigem Genuß des Abendmahls zu warnen;
veraltet das Sacrament des Leibes und Blutes
Chriſti; veraltet der Leib, der die Fülle der
Gottheit in ihm wohnend hat, und ewige
Schönheit und Jugend allein der dahinfal⸗
lenden Menſchengeſtalt wieder geben und ſichern
kann.
Verachtet ſind die bekennenden Kinder der
Kirche; verachtet die Zahl derer, welche aus der
allgemeinen Weltkirche heraus unter die Fahne
des Bekenntniſſes treten; verachtet ihr Galiläers⸗
Gewand, denn nicht viele Reiche, nicht viel
Mächtige und Hohe tragen gerne der Kirche
Schmach. ‚
Ihrer Kinder äußeres Leben auch ſteht
in Verachtung (ihr Inneres iſt verborgen mit
Chriſto in Gott); verdächtigt werden ſie als
Schroffe, Liebloſe, ja ſelbſt als Heuchler ver⸗
ſchrieen. So töne denn nur um ſo dringen⸗
der in ihren Tempeln, Häuſern und Familien
die Ermahnung (1 Petri 3, 16. 17.): „Habet
ein gut Gewiſſen, auf daß die, ſo von euch
afterreden, als von Uebelthätern, zu Schanden
werden.“
Und wie ſteht es mit ihrer Miſſion? Da ſie
alle Gottesworte predigt — weil ſie alle gleich
ehret und keinen unanſtändigen und ſchädlichen
Unterſchied macht, weil ſie einfältig jede natür⸗
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